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Frankreich : Die wunderbare Welt der UMP

Treten an zur Vorsitzenden-Wahl: Bruno Le Maire, Nicolas Sarkozy und Hervé Mariton (von links nach rechts) Bild: Reuters

In Frankreich wählt die konservative UMP einen neuen Vorsitzenden. Alles läuft auf ein Duell zwischen dem elitären Le Maire und dem früheren Präsidenten Sarkozy hinaus. Oder macht am Ende Hinterbänkler Meriton das Rennen?

          3 Min.

          Bruno Le Maire hat die Parole Sieg ausgegeben. Am Samstag könnte er der neue französische Oppositionschef sein, prophezeit er auf allen Kanälen, bei Kundgebungen und im Restaurant mit seinen Mitstreitern. „Der Sieg ist in Reichweite“, sagte er am Donnerstag im Radio. Der 45 Jahre alte Abgeordnete spielt David und hat Nicolas Sarkozy die Goliath-Rolle zugeschrieben. Die Franzosen blicken mit gesteigertem Interesse auf den jungen Mann, den sie als Europaminister (2008-2009) und Landwirtschaftsminister (2009-2012) Präsident Sarkozys kaum wahrgenommen hatten. Jedenfalls nicht so sehr, dass sie in ihm den künftigen Oppositionschef ausgemacht hätten. Die Medien feiern Le Maire schon als eigentlichen Sieger der Mitgliederabstimmung der früheren Präsidentenpartei UMP, ungeachtet des Ergebnisses, das am Samstagabend erwartet wird. „Ich habe meine politische Freiheit erobert“, prahlte Le Maire in der Zeitung „Le Monde“. Er gibt sich als Erneuerer aus, der „den Sarkozysmus“ überwindet. Was das sein soll, definiert er nicht, er setzt stillschweigend darauf, dass er verstanden wird, von jenen, die Sarkozy nicht mehr wollen. Denn in Wahrheit geht es bei der Mitgliederabstimmung nur um die Frage, ob Sarkozy eine zweite Chance bekommt oder ob die Ära Sarkozy 2012 zu Ende gegangen ist.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Le Maire ist der Held derjenigen, die sich zurückwünschen in jene Epoche, in der das politische Führungspersonal der französischen Rechten eine bürgerliche Kinderstube genossen und an einer der Eliteschmieden des Landes den letzten Schliff erhalten hatte. Valéry Giscard d’Estaing und Jacques Chirac fielen in diese Kategorie, Alain Juppé und François Fillon, die Rivalen Sarkozys für die Vorwahlen 2016, ebenso. Auch der Managersohn Le Maire hat die Umgangsformen der Pariser Bourgeoisie verinnerlicht. Er absolvierte gleich zwei Eliteschulen (Ecole Normale Supérieure und ENA), hat keinerlei Unternehmenserfahrung und ist ein typisches Produkt des französischen Staatsadels, dessen unzeitgemäße Machtrituale er in mehreren Büchern angeprangert hat. Im Kontrast zu Sarkozy stellt sich Le Maire gern als moralisch Unbefleckter dar. Aber er hat nichts dagegen einzuwenden gehabt, seiner Ehefrau ein stattliches Salär auf Kosten der Steuerzahler zuzubilligen. Sie wurde als parlamentarische Mitarbeiterin des Abgeordneten Le Maire geführt, auch wenn ihre Arbeitsleistung im Verborgenen blieb.

          Sarkozy fleht seine Anhänger an

          Die Versorgung von Familienmitgliedern durch die Volksvertreter ist in Frankreich legal, aber doch schwer mit der versprochenen Erneuerung der Sitten in Einklang zu bringen. Le Maires Siegeszug durch die Presse zeigt vor allem, wie groß der Widerstand in der politischen Kaste gegen den Selfmademan Sarkozy bleibt. Aber die Entscheidung liegt in den Händen der UMP-Mitglieder, jenen 268.337 loyalen Anhängern, die trotz der Skandalserie unter Führung Jean-François Copés ihrer Partei die Treue gehalten haben. Sie sind in den vergangenen Wochen zu tausenden zu den Kundgebungen Sarkozys gezogen und haben in überfüllten Sälen „Nicolas! Nicolas!“ geschrien, als könnten sie damit die Miesmacher und Bedenkenträger in den Medien, aber auch in der eigenen Partei überbrüllen. Noch nie in seiner langen Karriere hat der 59 Jahre alte Sarkozy so um ein Amt kämpfen müssen. Die Wahl zum Parteivorsitzenden vor zehn Jahren war im Vergleich ein Triumphzug. Das überragende Ergebnis von 2004 – 85 Prozent der UMP-Mitglieder stimmten für ihn – macht Sarkozy heute zu schaffen. Sollte er am Samstag von weniger als 70 Prozent der Mitglieder gewählt werde, würde ihm das als Niederlage ausgelegt werden. Das zumindest hat Bruno Le Maire angekündigt.

          Am Donnerstag hat Sarkozy einen Brief an die Mitglieder gerichtet, der fast flehentlich klang. „Mes chers amis, meine lieben Freunde“, schrieb der frühere Präsident, „ich brauche euch, ich brauche euer Engagement, euren Einsatz, euren Enthusiasmus.“ Bei einer Kundgebung in Boulogne-Billancourt bei Paris drückte er sich noch deutlicher aus: „Wenn ihr nicht zahlreich genug für mich stimmt, dann werde ich weniger Kraft und weniger Legitimität haben.“ Er will alle überzeugen, dass er der richtige Mann für den Parteivorsitz ist. Deshalb hat er sich vor den Gegnern der Homo-Ehe dazu verpflichtet, das Gesetz abzuschaffen. Die Verteidiger der traditionellen Familie haben ihren eigenen Kandidaten ins Rennen geschickt: Den 56 Jahre alten Abgeordneten Hervé Mariton, einen Hinterbänkler, der während der parlamentarischen Debatte zur Homo-Ehe seine Sternstunde erlebte. Seither traut sich Mariton alles zu, auch den UMP-Vorsitz. Für die Umfrageinstitute ist er nicht zu fassen. Ohnehin operieren die Meinungsforscher bei dieser Entscheidung im Dunklen. Denn die UMP gibt ihre Mitgliederlisten nicht heraus, befragt werden also nur Sympathisanten. Die aber denken nicht unbedingt wie die Mitglieder. Im November 2012 hatten Umfragen François Fillon einen klaren Sieg vorhergesagt, letztendlich lag er fast gleichauf mit Jean-François Copé. Damals kam es zu Unregelmäßigkeiten. Schon jetzt gibt es Streit darüber, ob bei der elektronischen Abstimmung diese Mal alles mit rechten Dingen zugehen wird. Mariton und Le Maire reden so, als würden sie Sarkozy alles zutrauen, auch Wahlbetrug. Von der „mit sich selbst versöhnten und geeinten Partei“, die der frühere Präsident beschwört, ist die UMP noch weit entfernt.

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