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Neue Regierung in der Schweiz : Wenig Armut, aber ganz viel Angst

Das Schweizer Parlament in Bern Bild: dpa

Am Mittwoch wählen die Abgeordneten in der Schweiz ihre neue Regierung. Die Eidgenossen leben gut vom Austausch mit der Welt. Trotzdem wächst die Furcht vor Fremden. 

          5 Min.

          Ortstermin in Windisch, einer Gemeinde mit rund 7000 Einwohnern im Kanton Aargau, 40 Autominuten von Zürich entfernt. Die lokale Fraktion der Schweizerischen Volkspartei (SVP) hat zu einem Vortrag ins Gasthaus zur Sonne geladen. Die nationalkonservative SVP kam bei den Parlamentswahlen im Oktober auf fast 30 Prozent der Stimmen.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Sie ist die mit Abstand stärkste politische Kraft der Schweiz. Im ersten Stock der holzgetäfelten alten Wirtschaft spricht Heinrich Villiger, einziger Zigarrenhersteller der Schweiz, über den „Kreuzzug der Behörden gegen Freiheit und Unternehmertum“. Es geht um die Gängelung durch EU-Vorgaben, Überregulierung und die bremsende Kraft der Bürokratie - das alles sind Lieblingsthemen der SVP.

          Über ihr allerliebstes Thema, die Zahl der Ausländer, spricht Villiger nicht. Kein Wunder: Er lebt vor allem vom Verkauf im Ausland. Dort stehen auch die meisten seiner Fabriken, und dort arbeiten die meisten seiner Mitarbeiter.

          Das ist typisch für die Schweiz. Arm an Bodenschätzen, hat das kleine Land im Herzen Europas früh vom wirtschaftlichen Segen der Globalisierung profitiert. Viele findige Schweizer Unternehmer sind auf der ganzen Welt aktiv, allen voran jene aus dem Aargau. Dieser Kanton gilt als industrielle Herzkammer der Schweiz.

          Rund 30 000 Unternehmen produzieren oder forschen dort, darunter so bekannte Namen wie ABB, Roche, Syngenta und Alstom. Die Arbeitslosenquote beträgt gerade einmal 3,1 Prozent. Trotzdem haben im Oktober 38 Prozent der Aargauer Wähler für die SVP gestimmt.

          Die SVP geht unter Christoph Blocher auf Konfrontation mit der EU, was der heimischen Wirtschaft zum Nachteil gereichen dürfte - selbst wenn man sich auf eine Schutzklausel im Personenfreizügigkeitsabkommen einigen kann.

          Der Erfolg der SVP im Aargau lässt sich offensichtlich auch nicht nach dem üblichen Muster erklären, dass rechte Parteien dann Zulauf haben, wenn es wirtschaftlich schlechtgeht. Hier gibt es genug Stellen für Schweizer, und trotzdem verfangen so schlichte Parolen wie jene, dass die Ausländer den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. Die Furcht sitzt tief, dass sich das ändern könnte.

          Im Anschluss an den Vortrag im Wirtshaus gibt es Weißwein, Käsewürfel und Bündnerfleisch. Man sitzt noch „gmögig“ beieinander; ergraute Herren paffen Villigers Zigarren und tauschen mit glänzenden Augen Verschwörungstheorien über die Flüchtlingsströme und die Attentate in Paris aus. Ein Gast gegenüber am Tisch erklärt derweil, wie sich die Sache mit der SVP verhält: „Gerade junge Menschen sind zunehmend besorgt über die wachsende Zahl der Ausländer.

          Sie haben Angst, im Kampf um einen Arbeitsplatz den Kürzeren zu ziehen.“ Er verweist auf den Ausländeranteil, der mit fast 25 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie in Deutschland, und auf das Gefühl der „Überfremdung“. Indes ist die SVP oft dort am stärksten, wo es kaum Ausländer gibt.

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