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Serbenrepublik : Ein Nationalfeiertag als Provokation

In Feierlaune: Dodik (rechts) am Sonntagabend nach dem Sieg im Referendum Bild: Reuters

Der Streit um das Datum des Nationalfeiertags wirft ein Schlaglicht auf die Zerrissenheit Bosnien-Hercegovinas. Der Führer einer Minderheit heizt die Stimmung an.

          Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges im Dezember 1995 verfängt sich Bosnien-Hercegovina nur noch selten in den Schlagzeilen internationaler Medien. Das größte Blutvergießen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entwurzelte Millionen Menschen, doch seit Jahren sind die Verhältnisse in Bosnien und der Hercegovina wieder leidlich stabil.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Im Sommer dieses Jahres wurden sogar die aus politischen Gründen lange zurückgehaltenen Ergebnisse der Volkszählung verkündet. Die Zählung hatte nach jahrelangen politischen Grabenkämpfen zwischen Kroaten, Serben und bosnischen Muslimen im Oktober 2013 stattgefunden, und zwar nicht zuletzt auf Druck der EU, deren Drohung, andernfalls Fördergelder zu sperren, zum Einlenken der Volksgruppenführer nicht wenig beitrug.

          Muslimische Mehrheit

          Der neue Zensus zeigt, dass die Bosniaken – so nennen sich die meisten bosnischen Muslime – erstmals in der Geschichte des Landes nicht nur eine relative, sondern die absolute Mehrheit der Bevölkerung von Bosnien-Hercegovina stellen. Hatten sich 1991 noch 43,7 Prozent der Befragten als Muslime bezeichnet, waren es 2013 dann 50,1 Prozent.

          Damit ist Bosnien nach Albanien und dem Kosovo nun der dritte Staat in Europa mit einer absoluten muslimischen Bevölkerungsmehrheit, wobei der liberale bosnische Islam, obschon an seinen Rändern seit einigen Jahren bedenklichen Wandlungen unterworfen, sich immer noch deutlich von allen anderen Ausprägungen dieser Weltreligion unterscheidet.

          Die zweitgrößte Volksgruppe des Landes stellen weiterhin die Serben mit 30,8 Prozent. (1991: 31,2 Prozent). Das dritte Volk sind die bosnischen Kroaten, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung binnen eines Vierteljahrhunderts von 17,4 auf 15,4 Prozent gesunken ist.

          Nahezu verschwunden ist dagegen die einst viertgrößte Gruppe: Im ersterbenden Jugoslawien hatten sich immerhin noch 5,5 Prozent der Befragten als „Jugoslawen“ deklariert, darunter viele urban geprägte bosnische Muslime in Städten wie Sarajevo, Mostar oder Tuzla. Es gibt zwar immer noch Bosnier, die sich als Jugoslawen bezeichnen, doch das sind letzte Mohikaner, die bei der nun veröffentlichten Befragung mit Juden, Roma und anderen Minderheiten in der Kategorie „Andere“ verschwanden.

          Viele Bosnier kehren ihrem Land den Rücken

          Das wichtigste Ergebnis der Volkszählung war allerdings nicht der allgemein erwartete Aufstieg von Bosniens Muslimen zur numerisch dominierenden Ethnie. Aussagekräftig für den Zustand des Landes ist vor allem der starke Bevölkerungsverlust. Von 4,4 Millionen Einwohnern in der damaligen jugoslawischen Teilrepublik sank die Zahl in dem nunmehr unabhängigen Staat auf 3,5 Millionen Bürger.

          Allein mit dem Krieg, in dessen Verlauf etwas mehr als 100.000 Menschen getötet wurden, ist dieser extreme Schwund nicht zu erklären. Auch nicht damit, dass von den Hunderttausenden Flüchtlingen viele nie in ihre Heimat zurückkehrten. Vielmehr bestätigen die Zahlen, dass viele Bosnier, vor allem junge und gut ausgebildete, ihrem Land den Rücken kehren.

          Das gilt sowohl für die von Muslimen und Kroaten kontrollierte „Föderation“ von Bosnien-Hercegovina, zu der auch die Hauptstadt Sarajevo gehört, als auch für die andere Landeshälfte, die „Bosnische Serbenrepublik“. Für beide Landeshälften sowie das Sonderverwaltungsgebiet Brčko gilt, dass es wenigstens in einem Punkt keinen Unterschied zwischen den sonst in vielem zerstrittenen Muslimen, Serben und Kroaten gibt: Frustriert von Korruption und Stagnation verlässt das Land, wer kann.

          Inoffizieller Gründungstag als Nationalfeiertag

          In den vergangenen Tagen ist Bosnien nun wieder einmal in den Medien aufgetaucht, da am Sonntag in der geringfügig kleineren Landeshälfte, der Serbenrepublik, die sich auf Serbisch „Republik Srpska“ nennt, trotz Verbots durch das Verfassungsgericht des Landes ein Referendum abgehalten wurde.

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