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Nach Rückzug der Rebellen : Die Angst vor einem ukrainischen „Stalingrad“

Ukrainische Armeesoldaten vor dem Rathaus von Slawjansk Bild: Alexander Tetschinski

Regierungstruppen in der Ukraine haben die bedeutenden Rebellenhochburgen Slawjansk und Kramatorsk kampflos zurückerobert. Zum Feiern ist den Soldaten aber nicht zumute. Denn die Separatisten wollen von Donezk aus zurückschlagen.

          7 Min.

          Kein Mensch. Kein Auto. Nichts. Von Straße zu Straße arbeitet die Kolonne sich vor, von Platz zu Platz, und je tiefer die Soldaten in das Innere von Slawjansk vordringen, desto gespenstischer wird diese Stadt. Immer wieder das gleiche Ritual: Die Fallschirmjäger der Regierung gehen in Deckung, hinter Bäumen, in Einfahrten, sichern die Kreuzung, nehmen im grellen Licht des Mittags die Schussflächen ins Visier – nur um wieder zu sehen, dass es nichts ins Visier zu nehmen gibt. Kein Mann, keine Frau, kein Kind auf den Straßen, nur Stille, und einmal ein schlafender Hund – mitten auf der Fahrbahn liegt er träge auf dem heißen Asphalt, und keiner ist da, dem er weichen müsste.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Flüchtlinge, die in den vergangenen Tagen Slawjansk, das bis Samstag von prorussischen Rebellen besetzte nördlichste Industriezentrum des Kohle- und Hüttenreviers Donbass im Osten der Ukraine, verlassen haben, benutzen immer wieder das Wort „Geisterstadt“, wenn sie die Welt beschreiben, die sie hinter sich gelassen haben. Seit April haben die von Russland inspirierten Aufständischen mit den Streitkräften der Ukraine um diese Stadt gerungen, seit Wochen war die Strom-, Gas- und Wasserversorgung großflächig und dauerhaft zusammengebrochen, und wer immer konnte, suchte das Weite. Zuletzt schätzte die Gesundheitsverwaltung des Gebiets Donezk, zu welchem Slawiansk gehört, dass von ursprünglich 116.000 Einwohnern nur noch 45.000 in der Stadt ausgeharrt hatten.

          Die Belagerung ist vorbei

          Vielleicht war diese Schätzung sogar noch zu optimistisch. Als die ukrainische Armee am Samstag nach drei Monaten der Kämpfe ins Innere der Stadt eindrang, erwies sich die Leere jedenfalls als beinahe noch deutlicher als erwartet. Wie eine eingemottete Filmkulisse postsowjetischer Lebenswelten lag Slawjansk im steilen Mittagslicht. Spätsowjetische Blocks, spätsowjetische Denkmäler und ab und zu eben ein streunender Hund, mehr war hier nicht zu sehen. Nur ferner Geschützdonner erinnerte manchmal daran, dass im Donbass Krieg herrscht.

          Von Kreuzung zu Kreuzung hat der Armeekonvoi sich vorgearbeitet, quälend langsam in die verlassene Menschensiedlung, immer auf der Hut vor Heckenschützen und Sprengfallen. Dann ist der zentrale Platz erreicht, eine weite Grünanlage mit einem Denkmal Wladimir Iljitsch Lenins in ihrer Mitte. Vor dem Rathaus, einem typischen Verwaltungsgebäude im spätkommunistischen Betonstil, stehen schon die ersten Schützenpanzer und Lastwagen, dazu Infanteristen in Kampfmontur: Die ersten Vortrupps sind schon vor einer Stunde eingetroffen, auf dem Dach des mit Sandsäcken verrammelten „Stadtsowjets“, der zuletzt das Hauptquartier der Rebellen war, ist die schwarz-blau-rote Flagge der Separatisten verschwunden, das Blaugelb der Ukraine weht am Fahnenmast. Die Belagerung ist vorbei.

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