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Nach Rückzug der Rebellen : Die Angst vor einem ukrainischen „Stalingrad“

Auch „Strelkow“, der berüchtigte Kommandeur der Rebellen von Slawjansk, hat zuletzt offen zugegeben, ohne eine Intervention Russlands werde die Stadt, der äußerste Punkt des Rebellengebiets im Donbass, nicht mehr lange zu halten sein. Deshalb vermuten auch Vertreter der Regierung, die Aufständischen seien nicht etwa kopflos geflohen, sondern sie hätten sich sehr bewusst aus ihrem entvölkerten Vorposten ins Kerngebiet ihrer Herrschaft zurückgezogen. Nun bildeten sie neue Schwerpunkte in der Millionenmetropole Donezk und im nahegelegenen Horliwka, einer Grubenstadt mit knapp 260000 Einwohnern. Ein Fachmann sagt, in diesem Ballungsgebiet planten die prorussischen Separatisten nun möglicherweise, der Kiewer Regierung ihr „Stalingrad“ zu bereiten.

„Taktischer Rückzug“ ist alles andere als planmäßig verlaufen

Die Lage am Sonntag scheint mit dieser Deutung übereinzustimmen. Außer Slawjansk haben die Rebellen am Samstag nach Darstellung der Regierung auch alle Ortschaften an der Landstraße zwischen dieser nördlichen Hochburg ihres Aufstands und ihrem eigentlichen Machtzentrum Donezk aufgegeben – neben der Industriestadt Kramatorsk auch die kleineren Orte Druschiwka und Kostjantyniwka. Die Verwaltung von Donezk teilt mit, zugleich seien neue Gruppen von Kämpfern in die Gebietshauptstadt Donezk geströmt. Innenminister Arsen Awakow äußert vor Journalisten am Sonntag, unter ihnen befinde sich auch der Slawjansker Feldkommandeur „Strelkow“, der in der „Volksrepublik Donezk“ das Amt des „Verteidigungsministers“ bekleidet.

Es gibt aber zugleich deutliche Zeichen dafür, dass der „taktische Rückzug“ aus Slawjansk aus Sicht der Separatisten alles andere als planmäßig verlaufen ist. Das Furchtbarste ist am Samstag auf ihrer mutmaßlich geplanten Abzugsstrecke zu sehen: Auf der Landstraße zwischen Slawjansk und Kramatorsk passiert die einrückende Armeekolonne vier zerstörte Schützenpanzer und einen durch eine gewaltige Explosion zerfetzten Kampfpanzer. Verstümmelte Leichen liegen um die Wracks, ungläubig angestarrt von ein paar völlig verstörten gefangenen Rebellen, zwei bebenden Frauen mit starren Augen und einem schmalen, bleichen, jungen Mann mit blutigem Kopf, der mühevoll etwas zu stammeln versucht. Die Soldaten berichten, die gepanzerten Führungsfahrzeuge der Richtung Süden abrückenden Rebellen seien genau an dieser Stelle auf eine von der Armee gelegte Sperre aus Panzerminen aufgefahren. Die Slawjansker Separatisten hätten ihren Abzug deswegen nicht geordnet fortsetzen können. Vielmehr hätten sie sich nach dem Ausfall ihrer gepanzerten „Speerspitze“ verteilt und daraufhin versucht, sich in einzelnen Fahrzeugen getrennt nach Donezk durchzuschlagen.

Möglicherweise ist der „taktische Rückzug“ der Separatisten wegen dieses Schlages dann auch viel weitergegangen als ursprünglich geplant. Flüchtlinge aus Slawjansk berichten am Samstag jedenfalls ebenso wie Quellen in der ukrainischen Regierung, nach ihrer Kenntnis hätten die Rebellen ursprünglich lediglich das ohnehin beinahe entvölkerte Slawjansk aufgeben und im benachbarten Kramatorsk einen neuen Stützpunkt bilden wollen. Wegen der Verluste ihrer Abzugskolonne hätten sie dann aber sämtliche Städte an der Straße nach Donezk aufgeben müssen. In der Tat ist die Armee am Samstagabend auch in diesen Ortschaften ohne Widerstand eingerückt.

Dennoch ist am Sonntag die Stimmung in der ukrainischen Führung keineswegs siegesgewiss. Dass die abgezogenen Rebellen von Slawjansk mittlerweile offenbar die Hochburg Donezk verstärken, macht trotz aller Freude über den Erfolg vom Samstag vielen erhebliche Sorgen. Donezk ist eine schwerindustrielle Metropole. Straßenkämpfe, Flüchtlingsströme, die Geiselnahme der gesamten Bevölkerung nach dem Vorbild von Slawjansk hätten hier weitaus dramatischere Folgen als in dem aufgegebenen Vorposten im Norden. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat deshalb die Einnahme von Slawjansk am Samstag einerseits als „Durchbruch“ im Kampf um die Einheit der Ukraine gewürdigt, andererseits hat er sofort hinzugefügt, in Zeiten, in denen Terroristen sich in Großstädten festsetzten, sei er „von Euphorie“ sehr weit entfernt. „Dies ist nicht die Zeit für Salutschüsse.“

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