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Nach Rückzug der Rebellen : Die Angst vor einem ukrainischen „Stalingrad“

Das hat sich unterdessen verändert. Die neue Regierung hat mittlerweile mehr als vier Monate Zeit gehabt. Sie hat neue Freiwilligenbataillone aufgestellt und die reguläre Armee zumindest teilweise neu ausgerüstet. Die Soldaten, die am Samstag Slawjansk eingenommen haben, wirken denn auch ganz anders als ihre Kameraden, welche die Stadt im April verloren hatten. Sie bewegen sich koordiniert und diszipliniert, Waffen und Uniformen scheinen intakt, der Widerwille der frühen Wochen scheint wie weggeblasen.

Schäden wirken eher sporadisch

Dennoch sollte der Erfolg vom Samstag nicht zu falschen Schlüssen führen. Wer an diesem Tag mit den ersten Kolonnen ins menschenleere Slawjansk einfährt, kann nämlich gleich erkennen: Diese Stadt ist nicht im Kampf erobert worden. Außer einem einzigen brennenden Gebäude sind keine frischen Gefechtsspuren sichtbar. Es gibt keine qualmenden Autowracks, kein Blut an den verlassenen Barrikaden und zumindest auf den ersten Blick keine Toten auf den Straßen. Überhaupt wirkt die Stadt, um welche Regierung und Rebellen so lange gerungen hatten, besser erhalten als erwartet. Zwar sind immer wieder an Gebäuden und Fahrzeugen die Spuren der vergangenen Feuergefechte zu sehen. Immer wieder passiert die Kolonne Häuser mit zerschossenen Dächern und Fassaden. Dennoch wirken die Schäden eher sporadisch, und vor allem im Zentrum, wo die Rebellen ihre befestigten Sitze hatten, sind kaum Schäden zu sehen. Das Rathaus, einer ihrer wichtigsten Stützpunkte, wirkt bis auf wenige fehlende Fensterscheiben beinahe unbeschädigt. Der Eindruck, den Slawjansk am Tage der Befreiung macht, ist von einem hohen ukrainischen Regierungsbeamten am Sonntag denn auch mit den Worten beschrieben worden: „Die Terroristen sind nicht abgezogen, weil sie das unmittelbar mussten, sondern weil sie das so wollten.“ Die Rebellen stellen das im Übrigen ebenso dar. Denis Puschilin, der Präsident ihres durch Selbstausrufung entstandenen „Parlaments“ in der Gebietshauptstadt Donezk, hat nach dem Abzug aus der Stadt über Twitter mitgeteilt, hier habe nur ein „taktischer Rückzug“ stattgefunden. Der Kampf um das Donbass sei noch lange nicht vorbei und am Ende würden die Kämpfer der separatistischen „Volksrepublik Donezk“ „siegreich“ wiederkehren.

Warum die Rebellen sich zu dieser „Frontbegradigung“ entschlossen haben mögen, lässt sich nur vermuten. Äußerungen ihrer Führer deuten darauf hin, dass sie trotz des Stromes von Waffen und Kämpfern, der in den vergangenen Monaten unbestritten über die russische Grenze zu ihnen gelangt ist, vom Ausmaß der Hilfe aus dem Mutterland und vor allem über das Ausbleiben einer regulären militärischen Intervention durch Russland im Donbass enttäuscht sind. „Sie haben uns Hoffnung gegeben, und sie haben uns verlassen“, hat Puschilin etwa über Twitter verbreitet. All die Worte des russischen Präsidenten Wladimir Putin über den „Schutz des russischen Volkes“ seien zwar sehr schön gewesen – aber eben „nur Worte“.

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