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Nach Rückzug der Rebellen : Die Angst vor einem ukrainischen „Stalingrad“

Ukrainische Soldaten sichern schwere Waffen, die die Separatisten im Rathaus von Slawjansk zurückgelassen haben Bilderstrecke
Ukrainische Soldaten sichern schwere Waffen, die die Separatisten im Rathaus von Slawjansk zurückgelassen haben :

Wer die Flüchtlinge fragte, die auch an diesem Samstag draußen an den Armeeposten vor der Stadt in überfüllten Sammeltaxis, mit Kisten und Kästen, Hunden und Wellensittichen, aus der Stadt geströmt waren, Junge und Alte, Männer und Frauen, weinende Mütter mit weinenden Kindern auf dem Schoß, der hörte vom Ende der Separatistenherrschaft in Slawjansk stets die gleiche Erzählung: Der Morgen kam, und dann waren sie weg. Die Nacht zum Samstag war wie immer gewesen: Dunkelheit, Schüsse, sporadische Explosionen, vielleicht ein wenig mehr als sonst, aber durchaus in dem Rahmen, den man für normal zu halten gelernt hatte. Als sie sich dann aber aufgemacht hatten, mit Sack und Pack zum abgemachten Sammelpunkt für die Flucht aus der Stadt, waren die Barrikaden und Kontrollposten der schwerbewaffneten Rebellen, welche zuletzt das Leben dieser Stadt auf Schritt und Tritt kontrolliert hatten, plötzlich unbemannt gewesen.

„Die Armee weiß heute, wie sie kämpfen muss“

Die Armee der Regierung, die Slawjansk zuletzt wochenlang eingekesselt hatte, ist bis ins Zentrum der Stadt, zum Stadtsowjet, vorgerückt, wo die Aufständischen bis wenige Stunden zuvor eines ihrer Hauptquartiere hatten. Soldaten tragen kistenweise Ausrüstung und Waffen heraus: Panzerfäuste und Kalaschnikows, Gasmasken und schultergestützte Flugabwehrraketen, Patronen gleich zentnerweise. Kämpfer der zuletzt nicht gerade erfolgsverwöhnten ukrainischen Streitkräfte nehmen Aufstellung vor der Beute, fotografieren sich ohne Ende. Der neu eingesetzte Verteidigungsminister Valerij Heletej steht plötzlich am Platz, gibt strahlend in der Stunde des Triumphs Interviews. Die ukrainische Armee, die heute Slawjansk eingenommen habe, sei eben „nicht mehr dieselbe“ wie die, welche die Stadt noch Anfang April kampf- und ruhmlos einer Handvoll entschlossener Abenteurer überlassen habe, sagt der Minister. Mittlerweile seien drei Monate vergangen, die Regierung habe unablässig an der Erneuerung der Streitkräfte gearbeitet, und nun zeigten sich eben die ersten Erfolge: „Die Armee weiß heute, wie sie kämpfen muss.“

An den Worten des Ministers ist sicher nicht alles falsch. Anfang April, als die Separatisten unter ihrem Feldkommandeur, dem russischen Staatsbürger Igor Girkin, einem Mann mit dem Kampfnamen „Strelok“, die Stadt im Handstreich erobert hatten und den ukrainischen Luftlandetruppe die zu ihrer Abwehr angerückt waren, ihre Schützenpanzer gleichsam mit ein paar Backpfeifen abgenommen hatten, waren die Streitkräfte tatsächlich in beklagenswertem Zustand gewesen. Ende Februar, vor gerade erst einem guten Monat, hatte die demokratische Revolution des „Euromajdan“ in Kiew den autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch und sein kleptokratisches Oligarchenregime gestürzt. Die Armee, die zuvor jahrelang als Steinbruch zur Plünderung durch korrupte Beamte missbraucht worden war, erwies sich in ihren ersten Einsätzen als kaum handlungsfähig. Menschen und Material wirkten vernachlässigt, die Soldaten desorientiert und mutlos.

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