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Muslime in Frankreich : Schweigende Mehrheit in Geiselhaft

Unter Polizeischutz: der französische Imam Hassen Chalghoumi (links) am Mittwoch bei der Ankunft am Tatort in Paris Bild: Reuters

Französische Muslime befürchten, dass Vorurteile gegen sie nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ weiter wachsen werden. Sie fühlen sich von radikalen Fanatikern missbraucht.

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          Dalil Boubakeur ringt um Worte. „Einen Schlag gegen alle Muslime in Frankreich“, nennt der Vorsitzende des Islamrates Conseil français du culte musulman (CFCM) das Blutbad in der Redaktion von „Charlie Hebdo“. Denn natürlich würden nach „der barbarischen Tat“ die Vorurteile gegen die Muslime wieder wachsen – wegen „dieser Fanatiker, die sich auf den Islam berufen“. „Die Muslime sind traumatisiert. Uns als schweigender Mehrheit reicht es, von Wahnsinnigen, die den Islam für sich beanspruchen, in Geiselhaft genommen zu werden“, sagt der Rektor der Moschee von Bordeaux, Tareq Oubrou. Er fordert alle Muslime auf, sich in Massen an den Solidaritätskundgebungen für die Ermordeten zu beteiligen. „Wir dürfen nicht länger zulassen, dass der Islam von Fanatikern missbraucht wird“, sagt Oubrou.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Brandanschläge vor Moscheen in Villefranche-sur-Saône in der Nähe von Lyon und in Le Mans im Nordwesten Frankreichs am Donnerstagmorgen haben die schlimmsten Befürchtungen der muslimischen Repräsentanten bestätigt. „Ich empfinde vor allem Wut“, sagt der Imam von Drancy, Hassen Chalghoumi. Der Vorbeter aus dem im Norden von Paris gelegenen Vorort hatte sich einen Namen gemacht, als er 2006 die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch „Charlie Hebdo“ verteidigte. Er ist ein Imam, wie ihn sich die Republik wünscht. Er macht sich gegen den Ganzkörperschleier und für die Gleichstellung der Frau stark.

          Pariser Imam unter Polizeischutz

          Dieser Kampf für einen modernen, aufgeklärten Islam hat Chalghoumi schon viel Ungemach bereitet. Sein Haus wurde verwüstet, sein Auto beschädigt. Seit mehreren Jahren steht der Imam unter Polizeischutz. Seine Moschee wird überwacht, aus Angst vor Übergriffen von Glaubensbrüdern. Den Kampfschrei der Attentäter – „Wir haben den Propheten gerächt“ – empfindet Chalghoumi als unerträglich. „Von welchem Propheten sprechen sie? Wohl von ihrem Internet-Guru. Wir haben nicht den gleichen Propheten. Ihr Prophet ist einer des Hasses und des Horrors. Ihr Prophet ist nicht der des französischen Islams“, sagte Chalghoumi.

          Nicht in Paris, sondern in Genf ist dieses Bild entstanden: „Muslime – keine Terroristen – Frieden und Liebe“ steht auf dem Handplakat einer jungen Frau während einer Trauerkundgebung an diesem Donnerstag
          Nicht in Paris, sondern in Genf ist dieses Bild entstanden: „Muslime – keine Terroristen – Frieden und Liebe“ steht auf dem Handplakat einer jungen Frau während einer Trauerkundgebung an diesem Donnerstag : Bild: AFP

          In Frankreich leben mehr als fünf, vielleicht sogar sechs Millionen Muslime. Der Islam ist die zweitgrößte Religion nach dem Katholizismus. Viele der französischen Muslime haben nach dem Terroranschlag Angst vor einer wachsenden Islamfeindlichkeit. Das sagt Dounia Bouzar, die in Paris ein Zentrum zur Prävention der islamistischen Radikalisierung (Centre de prévention contre les dérives sectaires liées à l’Islam) leitet. „Ich bin darüber sehr bestürzt, denn ich weiß aus vielen Gesprächen, dass die Ideen des radikalen Islamismus gerade bei orientierungslosen Jugendlichen greifen, die kaum religiöse Vorbildung haben“, sagt sie im Fernsehsender France 2. Die meisten derjenigen, die für den Dschihad angeworben werden, hätten nie eine Verbindung zum Islam gehabt.

          Französische Muslime schwach organisiert

          Aber sie deutet auch an, dass es ein strukturelles Problem in der Organisation des französischen Islams gibt. Sie war als Beobachterin dabei, als Nicolas Sarkozy 2003 den ersten Islamrat Conseil Francais du culte musulman (CFCM) begründete. Zuvor gab es keinerlei repräsentative Strukturen der zweitwichtigsten Religion. Auch wenn der CFCM sich inzwischen als staatlicher Ansprechpartner etabliert hat, bleibt das Wahlverfahren umstritten.

          Viele Muslime halten das Gremium für ein ohnmächtiges Gebilde. Noch immer entscheiden Loyalitätsempfindungen gegenüber den Herkunftsländern über die Befindlichkeit. Der Pariser Mufti und CFCM-Vorsitzende Dalil Boubakeur etwa stammt aus Algerien. Das Verhältnis zwischen Frankreich und Algerien ist derzeit insbesondere bei der Terrorismusbekämpfung gut. Auch deshalb kann der Mufti mit aller Härte den Anschlag verurteilen.

           Kein Schutz vor radikalen Predigern

          Das war nicht immer so. Nach den Attentaten vom 11. September etwa fiel die Zurückhaltung Boubakeurs auf. Er hatte seine Wortwahl der des algerischen Regimes angepasst. Wegen diplomatischer Verstimmungen funktioniert die Zusammenarbeit mit Marokko in der Terrorbekämpfung nicht so reibungslos wie vor einigen Jahren noch. Mohammed Moussaoui, der Imam vom marokkanischen Flügel der französischen Muslime, war in der Debatte über das Massaker von „Charlie Hebdo“ nicht zu hören.

          Das Grundproblem, die Ausbildung der Imame, hat sich zwar leicht gebessert. Doch noch immer werden viele muslimische Geistliche ohne ausreichende französische Sprach- und Kulturkenntnisse nach Frankreich geschickt. Chérif Kouachi, einer der Hauptverdächtigen des Terroranschlags, ging als junger Mann in der Moschee Adda’wa nahe der Metrostation Stalingrad im Nordosten von Paris ein und aus. Dort lernte er den selbsternannten Prediger Farid Benyettou kennen, der mit seiner Kenntnis des „wahren Islams“ prahlte und Kouachi in seinen Bann zog. Benyettou entsandte zwischen 2003 und 2005 ein Dutzend junger Franzosen zum Dschihad in den Irak. Das Netzwerk aus dem 19. Arrondissement von Paris flog auf, es kam zum Prozess. Aber der französische Islam hat noch immer keine Antwort darauf gefunden, wie er junge Muslime besser vor extremistischen Predigern schützen kann.

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