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Nach dem Abschuss von MH17 : Separatisten verweigern Zugang zu Opfern

Der Zug mit den Leichen wird von Separatisten bewacht Bild: dpa

Internationale Fachleute haben immer noch keinen Zugang zu den sterblichen Überresten der 298 Personen, die bei der Katastrophe ums Leben gekommen sind. Die meisten Leichen aber wurden mittlerweile in einen von Separatisten bewachten Kühlzug gebracht.

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          Drei Tage nach dem Abschuss eines malaysischen Passagierflugzeugs über dem umkämpften Osten der Ukraine haben internationale Fachleute immer noch keinen Zugang zu den sterblichen Überresten der 298 Personen, die bei der Katastrophe ums Leben gekommen sind.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bergungskräfte haben nach Angaben der Regierung bis Sonntagabend 251 Leichen und 86 Leichenteile geborgen. Unterdessen sei ein zweiter Kühlzug zur Lagerung der Toten eingetroffen, erklärte ein Regierungsausschuss am Montag in Kiew. Rund 200 Leichen werden in einem ersten Kühlzug aufbewahrt. Die ukrainische Regierung verlangt den Abtransport der Toten in das von ihr kontrollierte Gebiet. Der Zug stehe aber noch immer in der Ortschaft Tores, weil „die Terroristen seine Abfahrt verhindern“. Zuvor hatten die Leichen mehrere Tage ungeschützt unter freiem Himmel gelegen. Offenbar ist es noch nicht gelungen, mit den prorussischen Separatisten, die das Gebiet kontrollieren, eine Vereinbarung darüber zu treffen, was mit den Toten geschehen soll. „Wir haben bis jetzt keine Möglichkeit bekommen, den Zug zu bewegen“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident der Ukraine, Wolodymyr Hrojsman, weil „die Kämpfer ihm nicht erlauben, den Bahnhof zu verlassen.“

          Die Region ist immer noch umkämpft, weswegen die ukrainische Regierung nach Hrojsmans Worten den internationalen Fachleuten, die mittlerweile im Land eingetroffen sind, keine Sicherheitsgarantien für Fahrten an die Unglücksstelle geben kann.

          Zuvor hatten die Regierungen der Ukraine und der Staaten, die durch den Absturz besonders viele ihrer Bürger verloren haben, den prorussischen Separatisten vorgeworfen, sie behinderten den Zugang von Bergungsmannschaften und internationalen Beobachtern. Damit gewönnen sie Zeit, um Beweismaterial zu vernichten, welche den von der Ukraine und den Vereinigten Staaten erhobenen Vorwurf erhärten könnten, das malaysische Flugzeug sei von den prorussischen Rebellen mit einem aus Russland erhaltenen Flugabwehrsystem abgeschossen worden.

          OSZE-Beobachter in Torez, dorthin wurden Dutzende Leichen gebracht. Bilderstrecke

          Die Vorwürfe hatten auch dadurch Nahrung erhalten, dass Mitglieder der Beobachtungsmission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in der Ukraine an den ersten Tagen nach dem Absturz an der Unglücksstelle offenbar von prorussischen Kämpfern bedroht und behindert wurden. Die OSZE bestätigte, dass die Beobachter bei ihrem ersten Besuch am Absturzort von bewaffneten und in einigen Fällen betrunken wirkenden Rebellen daran gehindert worden seien, sich frei zu bewegen. Ein Kämpfer habe einen Warnschuss abgegeben, als die Beobachter sich seinen Anordnungen nicht sofort zu fügen schienen.

          Separatisten wollen angeblich mit Ermittlern zusammenarbeiten

          Der Sprecher des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine sagte, die „Terroristen“ täten alles, „um Beweise für die Beteiligung russischer Geschosse am Abschuss des Flugzeugs zu verbergen“. Sie schafften Leichname und Teile des Flugzeugwracks fort. Die Rebellen hätten unter anderem 38 Tote auf eigene Faust vom Absturzort entfernt und in ein Leichenschauhaus der von ihnen beherrschten Großstadt Donezk gebracht.

          Am Sonntag schienen einige der anfänglichen Probleme dann zumindest ansatzweise gelöst zu sein. Hrojsman teilte mit, die Toten, welche die Rebellen anfangs in ihre Hochburg Donezk geschafft hätten, befänden sich nun unter den 192 Leichnamen im Kühlzug von Tores. Die OSZE ließ wissen, am Sonntag hätten ihre Beobachter schon wesentlich leichter Zutritt zur Absturzstelle bekommen als an den ersten Tagen. Allerdings sei es nach wie vor nötig, „vollständigen Zugang“ zu gewähren. Vor allem müsse der Zug mit den Toten in sicheres Gebiet fahren dürfen, um eine Untersuchung durch internationale Fachleute außerhalb des Kampfgebiets möglich zu machen.

          Der „Ministerpräsident“ des separatistischen Gebildes „Volksrepublik Donezk“, der russische Staatsbürger Alexander Borodaj, sagte unterdessen, seine „Regierung“ sei bereit, mit den internationalen Fachleuten zusammenzuarbeiten, die mittlerweile in der Ukraine eingetroffen sind. Unter anderem werde man ihnen Flugzeugteile aushändigen, welche seine Männer geborgen hätten und welche möglicherweise die Flugschreiber der abgestürzten Maschine seien. Borodaj bestritt, dass die Rebellen irgendwelche Beweismaterialien entfernt hätten. Die Toten habe man nur deswegen schon vor Eintreffen der Experten weggeschafft, um sie in der Sommerhitze nicht der Verwesung und den Tieren der Steppe auszusetzen.

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