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Nach Anschlag an syrischer Grenze : Ankara will sich nicht provozieren lassen

  • Aktualisiert am

Recep Tayyip Erdogan: „Wir werden mit Geduld und Augenmaß die Klärung des Vorfalls abwarten“ Bild: AFP

Nach dem Sprengstoffanschlag an der Grenze zu Syrien hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eine Reaktion „mit Augenmaß“ angekündigt.

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          Nach dem Sprengstoffanschlag an der Grenze zu Syrien hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag deutlich gemacht, dass sein Land sich nicht provozieren lassen werde. „Wir werden mit Geduld und Augenmaß die Klärung des Vorfalls abwarten. Wenn er geklärt ist, werden wir tun, was nötig ist“, sagte er in einer betont gemäßigten Stellungnahme. Erdogan hob hervor, dass die türkisch-syrische Grenze „vor 100 Jahren mit einem Lineal gezogen“ und dabei eine gewachsene Siedlungslandschaft getrennt worden sei: „Es ist für die Türkei unmöglich, von den Ereignissen in Syrien nicht beeinflusst zu werden.“

          Am Montag waren nach der Explosion eines Fahrzeugs an einem Grenzübergang mindestens 14 Personen getötet und mehr als zwei Dutzend zum Teil so schwer verletzt worden, dass weitere Todesopfer zu befürchten sind. Drei Todesopfer waren Türken, elf Syrer. Nach den Worten Erdogans war das Fahrzeug auf der syrischen Seite der Grenze nicht kontrolliert worden, weil es dort seit langem keine regulären Kontrollen mehr gebe. Erdogan fügte hinzu, dass der in der Provinz Hatay gelegene Grenzübergang nur dazu genutzt werde, humanitäre Güter in den vom Krieg zerrissenen Nachbarstaat zu bringen.

          Widersprüchliche Berichte über das vermeintliche Anschlagsziel

          Der türkische Justizminister Sadullah Ergin sagte, vermutlich seien Zivilisten das Ziel des Anschlags gewesen. Das Innenministerium in Ankara teilte mit, das zur Explosion gebrachte Fahrzeug habe ein syrisches Kennzeichen gehabt. Türkische Medien berichteten unter Berufung auf offizielle Quellen, drei Verdächtige seien aus dem Fahrzeug gestiegen. Zwei seien nach Syrien gegangen, der dritte in die Türkei.

          Nach anderen Berichten - unter anderem von syrischen Regimegegnern nahestehenden Medien - galt der Anschlag einer Abordnung des oppositionellen Syrischen Nationalrates (SNC), die zur Zeit der Explosion eigentlich an der Grenze erwartet wurde, aufgrund eines kurzfristig geänderten Plans jedoch verschont blieb. Demnach sind Informanten des Assad-Regimes an der Grenze tätig. Der SNC-Vorsitzende George Sabra bestätigte gegenüber dem arabischen Sender Al Arabija, sein Konvoi habe sich wegen heftiger Regenfälle verspätet; die Bombe sei eine halbe Stunde vor seiner Ankunft an der Grenze explodiert. Der türkische Innenminister Muammer Güler hatte gesagt, die Explosion habe sich im Niemandsland zwischen den Grenzen ereignet.

          Die Anschlagsstelle am Sonntag Bilderstrecke
          Die Anschlagsstelle am Sonntag :

          Die syrischen Rebellen haben in den vergangenen Tagen offenbar mehrere strategisch wichtige Siege errungen. Sie eroberten nach eigenen Angaben den Militärflughafen Al Dscharah, der östlich des Wirtschaftszentrums Aleppo liegt. In einem im Internet verbreiteten Video sind Rebellenkämpfer bei einem Angriff und mehrere Kampfflugzeuge zu sehen. Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, den Aufständischen seien erstmals intakte MiG-Kampfflugzeuge in die Hände gefallen. Am Montag hatten Oppositionelle mitgeteilt, Rebellenkämpfer hätten das größte Wasserkraftwerk des Landes erobert. Die in der Provinz Raqqa am Euphrat errichtete Anlage versorgt unter anderem das umkämpfte Aleppo mit Elektrizität. Das Assad-Regime hatte immer wieder Hochburgen der Opposition von der Stromversorgung abgeschnitten. Im Osten Syriens bereiten die Rebellen nach eigenen Angaben eine Offensive zur Eroberung der Provinzhauptstadt Deir al Zor vor. Gelänge dies, stünde erstmals eine Provinz unter der Kontrolle der Aufständischen. Das Regime in Damaskus meldete am Dienstag Erfolge gegen die Rebellen in der Hauptstadt. Bei Operationen in Vorstädten und dem Umland von Damaskus seien viele „Terroristen“ getötet worden, hieß es in einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Sana.

          Der syrische Minister für Nationale Versöhnung, Ali Haidar, erklärte sich derweil bereit, auf das Gesprächsangebot des Führers der Syrischen Nationalen Koalition Moaz al Khatib einzugehen. „Ich bin bereit, Herrn Khatib in jeder ausländischen Stadt zu treffen, in die ich reisen kann, um über Vorbereitungen für einen nationalen Dialog zu diskutieren“, sagte er der Zeitung „Guardian“. Der Versöhnungsminister gilt nicht als Teil des inneren Machtzirkels des Assad-Regimes, das bisher keinen Zweifel daran gelassen hat, eine militärische Lösung herbeiführen zu wollen. Nach UN-Angaben vom Dienstag wurden in dem Konflikt fast 70000 Menschen getötet.

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