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Muslimische Häftlinge in Frankreich : Alleingelassen in der Zelle

Videoaufnahme des mutmaßlichen Attentäters Mehdi Nemmouche: Der Franzose soll sich in der Haft radikalisiert haben - nach seiner Rückkehr aus Syrien tötete er am 24. Mai drei Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel Bild: AFP

Häftlinge in Frankreichs Gefängnissen sind anscheinend leichte Ziele radikaler Prediger und empfänglich für das „Erlösungsversprechen“ des heiligen Kampfes in Syrien. Ein muslimischer Seelsorger warnt nach den jüngsten Attentaten vor „Nacheiferern“.

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          Wieder ein Anschlag, wieder Tote und Verletzte und wieder reichen die Spuren in eine französische Haftanstalt. Mehdi Nemmouche, der mutmaßliche Attentäter vom Jüdischen Museum in Brüssel, hat sich im Gefängnis radikalisiert. Der 29 Jahre alte Franzose, der in Nordfrankreich in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs, glitt frühzeitig in die Kriminalität ab. Doch erst im Gefängnis kam er in Kontakt mit radikalislamistischen Gruppen. Wie vor ihm Mohamed Merah, der sich in der Haft einem islamistischen Netzwerk anschloss und im März 2012 im Namen des „Dschihad“ in Toulouse und Montauban sieben Menschen tötete. „Zwei Einzelfälle“, sagt Foudil Benabadji, „aber es sind Einzelfälle, die ein bestimmtes Profil aufzeigen, das mir im Gefängnisalltag immer häufiger begegnet.“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Benabadji ist einer von insgesamt 169 muslimischen Gefängnisseelsorgern in Frankreich. Obwohl in den staatlichen Haftanstalten das Prinzip der Laizität gilt, der Trennung von Religion und Staat, hat die Regierung 2005 eingelenkt und muslimische Gefängnisseelsorger zugelassen. Schließlich hat es immer schon katholische, protestantische, orthodoxe und jüdische Seelsorger in den Haftanstalten gegeben. Inzwischen haben jedoch mehr als die Hälfte der französischen Häftlinge Wurzeln, die in den muslimischen Kulturraum reichen. Doch darüber spricht auch Benabadji nicht gern, schließlich will er nicht die Thesen des rechtsextremen Front National stärken, für die Kriminalität und Immigration zusammengehören.

          Wachsender Einfluss radikaler Salafisten

          Benabadji berichtet lieber von der „erschreckenden Unkenntnis“ der meisten Häftlinge in religiösen Fragen und insbesondere über den Islam. Sie seien „leichte Ziele“ für selbsterklärte Imame, die den orientierungslosen, frustrierten jungen Männern ein Lebensprojekt ausmalten. Benabadji spricht von einem „Do-it-yourself-Islam“, der den oftmals ohne Vater aufgewachsenen Männern ein Gefühl von Bedeutung gebe, das ihnen in ihrer Kindheit und Jugend fehlte. Sie sehen sich als „heilige Krieger“, die Teil eines großen missionarischen Werkes seien. So hätten sie, die entwurzelten Kinder der französischen Banlieue, den Eindruck, die Verbindung zu ihren Vorfahren wiederzufinden. „Sie glauben, dass sie zu einem Ur-Islam zurückkehren“, sagt Benabadji. Das sei genauso irrsinnig, als würden die Christen sich vornehmen, wie zu Lebzeiten Jesu Christi zu leben.

          Seelsorger: Foudil Benabadji

          In der Haftanstalt in Chambéry (Savoyen), in der Benabadji jeden Freitag Gespräche in den Zellen anbietet und das Freitagsgebet leitet, entstammen nach seiner Schätzung acht von zehn Gefangenen dem muslimischen Kulturraum. „Viel zu viele“, sagt er, „es ist fast unmöglich, sich aller so anzunehmen, wie sie es verdient hätten.“ Es herrscht ein chronischer Mangel an muslimischen Gefängnisseelsorgern in Frankreich. Die katholische Kirche zählt 655, die Protestanten 317, die jüdische Gemeinde 70, doch die Zahl der muslimischen Seelsorger stagniert bei 169. Gerade mal fünfzehn neue Stellen sind im vergangenen Jahr geschaffen worden. „Das ist ein Skandal“, sagt Benabadji. Es bedeute, dass die meisten Häftlinge bei ihrer Suche nach religiösem Halt alleingelassen und somit leichte Beute für selbsternannte Imame würden. „Ich bin schockiert über den Anschlag vom Jüdischen Museum, aber überrascht bin ich nicht“, sagt Benabadji.

          Auch wenn er Verallgemeinerungen ablehne, habe er in den vergangenen 20 Jahren den zunehmenden Einfluss radikaler Salafisten beobachtet. „Die meisten Häftlinge sind isoliert und psychologisch fragil. Ihr Alltag ist langweilig und unangenehm, sie müssen auf engstem Raum mit anderen Leuten zusammenleben. Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität, nach einem Projekt für die Zeit nach dem Knast. Wenn sich dann ein selbsternannter Imam für sie interessiert, dann können sie schnell in dessen Bann geraten“, sagt der muslimische Seelsorger. Die Haftbedingungen in Frankreich seien erschreckend: überfüllte Zellen und so gut wie keine Hilfen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft, aus Mangel an qualifizierten Sozialarbeitern. „Aber es fehlt auch an gut ausgebildeten muslimischen Imamen, die Französisch sprechen, sich in der französischen Kultur und im Rechtssystem auskennen und willens sind, in die Haftanstalten zu gehen“, sagt Benabadji. Etwa 800 Euro erhalten die muslimischen Gefängnisseelsorger für ihre Arbeit im Monat.

          Zahl islamistischer Häftlinge wird auf fast 1000 geschätzt

          Der nationale Leiter der muslimischen Gefängnisseelsorge, El Aloui Talibi, hat nach dem Attentat von Brüssel einen Brandbrief an die Regierung geschickt. Die „barbarische Tat“, die er zutiefst verurteile, zeige von neuem, wie wichtig es sei, einen moderaten Islam zu verbreiten. „Unsere Arbeit im Gefangenenmilieu ist nützlich. Es ist an der Zeit, dass die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, verbessert werden“, heißt es in dem Brief. Es müssten mehr Posten geschaffen und Fortbildungen für die Gefängnisseelsorger angeboten werden. Justizministerin Christiane Taubira hingegen ist nicht der Meinung, dass der Fall Nemmouche ein Umdenken im Haftvollzug erfordert. „Das Phänomen der Radikalisierung in den Haftanstalten existiert, aber man sollte es nicht überschätzen“, sagte die Justizministerin. Insgesamt 80 Häftlinge ständen aufgrund radikalislamistischer Ideen „unter besonderer Beobachtung“. Das sei eine verschwindend kleine Minderheit. In Frankreich sitzen derzeit 80470 Personen in Haft. Die Justizvollzugsgewerkschaften schätzen die Zahl der potentiell gefährlichen islamistischen Eiferer in Haft hingegen auf annähernd 1000.

          Auch Benabadji hält es für riskant, die Veränderungen im Gefängnismilieu zu verharmlosen. Die Haftanstalten seien ein Spiegelbild der Gesellschaft. Benabadji zitiert den Islamforscher Gilles Kepel. In seinem jüngsten Buch „Passion française, les voix des cités“ beschreibt Kepel den Vormarsch des Salafismus in den Vorstädten der großen französischen Ballungszentren. Für eine wachsende Zahl von Franzosen mit Einwanderungshintergrund aber auch für Konvertiten sei dieser „Urislam“ mit seinen strikten Regeln und Kleidungsvorschriften attraktiv.

          Der alltägliche Banlieue-Salafismus mit seinen äußeren Erkennungsmerkmalen, langen Bärten und Djellabah für die Männer, Niqab für die Frauen, schreibt Kepel, bilde den Nährboden für den bewaffneten Dschihad. Den Gläubigen werde empfohlen, den „wahren Islam“ im Mittleren Osten oder im Maghreb auszuleben und Frankreich zu verlassen. Es gebe keinen Gewaltautomatismus, so Kepel. Aber es reiche oftmals aus, dass ein Imam die muslimischen Pflichten eigenmächtig auslege und dazu aufrufe, die „Glaubensbrüder“ in Syrien im bewaffneten Kampf zu verteidigen, um den Radikalisierungsprozess einzuleiten. Gerade in Gefängnissen erscheine das „Erlösungsversprechen“ des heiligen Kampfes in Syrien besonders attraktiv. „Haftanstalten sind Orte besonderer Verwundbarkeit“, sagt auch Benabadji.

          Konspirative Stimmung

          Es sei sehr schwierig, einen Radikalisierungsprozess zu unterbrechen, zumal die meisten selbsternannten Prediger eine konspirative Stimmung erzeugten und auf Verheimlichung Wert legten. Ihre Opfer ließen sich keine langen Bärte mehr wachsen, um unerkannt zu bleiben. Gerade deshalb sei es wichtig, den Kontakt zu den Häftlingen zu halten. Benabadji hat beobachtet, dass das Aufsichtspersonal in den Haftanstalten die Religiosität der Häftlinge toleriert, „weil sie sich so sozialen Frieden erkaufen“. Die „Neu-Gläubigen“ machten keine Scherereien, sondern seien vollends mit ihrem selbstgebastelten Islam beschäftigt.

          „Seit einigen Jahren hat sich die Strategie der radikalislamistischen Gruppen in den Haftanstalten verändert. Es werden nur noch kleine, konspirative Zellen gebildet, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen“, schreibt der Islamforscher Farhad Khosrokhavar, der das Buch „Der Islam im Gefängnis“ („L’Islam en prison“) veröffentlicht hat.

          Deshalb sprächen die Geheimdienste von „einsamen Wölfen“. Doch dies täusche: Wenn es sich wie bei Nemmouche und Merah um Einzeltäter handele, so seien sich beide gewiss gewesen, Teil eines großen Netzwerkes zu sein. „Das verheerende ist, dass der Islam der Verständigung und des friedlichen Zusammenlebens, den ich im Gefängnis predige, kaum noch etwas mit dem zu tun hat, was die Häftlinge entdecken, wenn sie entlassen werden“, sagt Benabadji. Merah und Nemmouche würden in vielen Sozialbauvierteln als „Helden“ betrachtet. „Es wird noch Nacheiferer geben“, sagt Benabadji.

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