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Muslimische Häftlinge in Frankreich : Alleingelassen in der Zelle

Zahl islamistischer Häftlinge wird auf fast 1000 geschätzt

Der nationale Leiter der muslimischen Gefängnisseelsorge, El Aloui Talibi, hat nach dem Attentat von Brüssel einen Brandbrief an die Regierung geschickt. Die „barbarische Tat“, die er zutiefst verurteile, zeige von neuem, wie wichtig es sei, einen moderaten Islam zu verbreiten. „Unsere Arbeit im Gefangenenmilieu ist nützlich. Es ist an der Zeit, dass die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, verbessert werden“, heißt es in dem Brief. Es müssten mehr Posten geschaffen und Fortbildungen für die Gefängnisseelsorger angeboten werden. Justizministerin Christiane Taubira hingegen ist nicht der Meinung, dass der Fall Nemmouche ein Umdenken im Haftvollzug erfordert. „Das Phänomen der Radikalisierung in den Haftanstalten existiert, aber man sollte es nicht überschätzen“, sagte die Justizministerin. Insgesamt 80 Häftlinge ständen aufgrund radikalislamistischer Ideen „unter besonderer Beobachtung“. Das sei eine verschwindend kleine Minderheit. In Frankreich sitzen derzeit 80470 Personen in Haft. Die Justizvollzugsgewerkschaften schätzen die Zahl der potentiell gefährlichen islamistischen Eiferer in Haft hingegen auf annähernd 1000.

Auch Benabadji hält es für riskant, die Veränderungen im Gefängnismilieu zu verharmlosen. Die Haftanstalten seien ein Spiegelbild der Gesellschaft. Benabadji zitiert den Islamforscher Gilles Kepel. In seinem jüngsten Buch „Passion française, les voix des cités“ beschreibt Kepel den Vormarsch des Salafismus in den Vorstädten der großen französischen Ballungszentren. Für eine wachsende Zahl von Franzosen mit Einwanderungshintergrund aber auch für Konvertiten sei dieser „Urislam“ mit seinen strikten Regeln und Kleidungsvorschriften attraktiv.

Der alltägliche Banlieue-Salafismus mit seinen äußeren Erkennungsmerkmalen, langen Bärten und Djellabah für die Männer, Niqab für die Frauen, schreibt Kepel, bilde den Nährboden für den bewaffneten Dschihad. Den Gläubigen werde empfohlen, den „wahren Islam“ im Mittleren Osten oder im Maghreb auszuleben und Frankreich zu verlassen. Es gebe keinen Gewaltautomatismus, so Kepel. Aber es reiche oftmals aus, dass ein Imam die muslimischen Pflichten eigenmächtig auslege und dazu aufrufe, die „Glaubensbrüder“ in Syrien im bewaffneten Kampf zu verteidigen, um den Radikalisierungsprozess einzuleiten. Gerade in Gefängnissen erscheine das „Erlösungsversprechen“ des heiligen Kampfes in Syrien besonders attraktiv. „Haftanstalten sind Orte besonderer Verwundbarkeit“, sagt auch Benabadji.

Konspirative Stimmung

Es sei sehr schwierig, einen Radikalisierungsprozess zu unterbrechen, zumal die meisten selbsternannten Prediger eine konspirative Stimmung erzeugten und auf Verheimlichung Wert legten. Ihre Opfer ließen sich keine langen Bärte mehr wachsen, um unerkannt zu bleiben. Gerade deshalb sei es wichtig, den Kontakt zu den Häftlingen zu halten. Benabadji hat beobachtet, dass das Aufsichtspersonal in den Haftanstalten die Religiosität der Häftlinge toleriert, „weil sie sich so sozialen Frieden erkaufen“. Die „Neu-Gläubigen“ machten keine Scherereien, sondern seien vollends mit ihrem selbstgebastelten Islam beschäftigt.

„Seit einigen Jahren hat sich die Strategie der radikalislamistischen Gruppen in den Haftanstalten verändert. Es werden nur noch kleine, konspirative Zellen gebildet, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen“, schreibt der Islamforscher Farhad Khosrokhavar, der das Buch „Der Islam im Gefängnis“ („L’Islam en prison“) veröffentlicht hat.

Deshalb sprächen die Geheimdienste von „einsamen Wölfen“. Doch dies täusche: Wenn es sich wie bei Nemmouche und Merah um Einzeltäter handele, so seien sich beide gewiss gewesen, Teil eines großen Netzwerkes zu sein. „Das verheerende ist, dass der Islam der Verständigung und des friedlichen Zusammenlebens, den ich im Gefängnis predige, kaum noch etwas mit dem zu tun hat, was die Häftlinge entdecken, wenn sie entlassen werden“, sagt Benabadji. Merah und Nemmouche würden in vielen Sozialbauvierteln als „Helden“ betrachtet. „Es wird noch Nacheiferer geben“, sagt Benabadji.

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