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Muslime in Russland : Zwischen Anti-Terror-Kampf und Städteplanung

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Einem anderen Gerücht zufolge hatte der Vorsitzende der Geistlichen Verwaltung der Muslime von Sankt Petersburg, Rawil Pontschajew, selbst den für die Region zuständigen Gesandten des Präsidenten Wladimir Putin auf gefährliche Verbindungen der Gemeinschaft zu Islamisten in Saudi-Arabien, Syrien und Bahrein hingewiesen und aufgefordert, Ordnung zu schaffen. Pontschajew soll als offizieller, gewissermaßen vom Staat bestellter Vertreter bei vielen Muslimen der Stadt unbeliebt sein.

„Warum machen die Sicherheitskräfte das kaputt?“

Es gibt in Russland vier große muslimische Dachorganisationen. Die älteste ist die noch vor der Sowjetunion gegründete zentrale geistliche Verwaltung der Muslime. In den neunziger Jahren kamen der Rat des Muftis von Russland und das Koordinierungs-Zentrum der Muslime des Nordkaukasus hinzu. Zuletzt wurde 2010 auf Wunsch der Regierung die Russische Vereinigung des islamischen Einvernehmens gegründet, die von den anderen vielfach als „künstliche Organisation“ kritisiert wird. Zwischen den Führern aller Bündnisse flammen immer wieder Konflikte auf und viele der rund 20 Millionen Muslime in Russland fühlen sich ohnehin durch die staatsnahen Strukturen nicht repräsentiert. Sie gründen kleine und kleinste Gemeinschaften auf lokaler Ebene, mehr als 2500 registrierte soll es inzwischen geben, viele weitere sind nicht behördlich gemeldet.

In Sankt Petersburg sind nun die Mitglieder Gemeinschaft, die den Gebetsraum auf dem Apraksin-Hof mietet, über den martialischen Auftritt der Sicherheitsleute beim Freitagsgebet empört. Der Vorsitzende, Schamil Mugattarow, denkt laut darüber nach, gegen die Aktion zu klagen. „Wir haben nichts dagegen, dass Terroristen und Extremisten gefangen werden. Fangt sie, wir helfen sogar dabei!“, sagt er. „Aber wegen eines einzigen Menschen Muslime zu erniedrigen - das ist nicht gerecht.“ Als offiziell beim Justizministerium registrierte Gemeinschaft stehe man in permanenten Dialog mit der Stadtverwaltung, hebt er hervor. „Warum machen die Sicherheitskräfte das kaputt?“

Die Zahl der Muslime wird sehr wahrscheinlich weiter wachsen

Russlands Verhältnis zu seinen Muslimen ist geprägt durch die Angst vor dem Terror, den islamistische Rebellen aus dem Nordkaukasus mit Bombenanschlägen auf die Moskauer U-Bahn, den Flughafen Domodjedowo oder die Geiselnahme im Musicaltheater „An der Dubrowka“ schon mehrfach bis in die Hauptstadt getragen haben. Russlands Politiker halten gleichwohl das sowjetische Ideal vom friedlichen Vielvölkerstaat hoch. Präsident Dmitrij Medwedjew hatte nach dem Anschlag auf den Flughafen dazu aufgerufen, dem friedlichen Islam jede mögliche Unterstützung zu gewähren, um den ideologischen Kampf gegen die Radikalen zu gewinnen.

Entgegen solch versöhnlicher Politikerworte, befinde sich der russische Staat aber in einer nahezu reinen Abwehrhaltung gegenüber den Muslimen, sagt der Kaukasus-Fachmann Sergej Markedonow. Natürlich müssten gewaltbereite Islamisten verfolgt und bestraft werden. Wenn die Ermittlungen aber unter Missachtung der Menschenrechte aller durchgeführt würden, stachele dies nur eine weitere Radikalisierung an. Die Regierung müsse versuchen, einen Dialog auch mit Gruppierungen jenseits der offiziellen Organisationen zu führen und sie nicht unbesehen als extremistisch einstufen. Zuletzt hatte Markedonow über die Ausbreitung islamistischer Gewalt auch in der wohlhabenderen Wolga-Region geschrieben, wo die Völker der Tataren und Baschkiren traditionell für einen aufgeklärten Islam stehen und wo radikale saudiarabische Missionare Anfang der neunziger Jahre noch wenig Erfolg hatten.

Die Zahl der Muslime in Russland wird in Zukunft - anders als die der russischen orthodoxen Christen - sehr wahrscheinlich weiter wachsen. Muslime haben häufig kinderreiche Familien, und noch immer strömen muslimische Gastarbeiter aus Zentralasien in die russischen Städte. Sie müssen oft jahrelang als Arbeitssklaven der Willkür ihrer Dienstherren ausgeliefert schuften und sind der Korruption der Sicherheitskräfte ausgeliefert, weil man ihnen keinen offiziellen Aufenthaltstitel zugesteht. Auch unter ihnen gibt es islamistische Kräfte.

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