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Moskau vernichtet Lebensmittel : Dann wird der Käse aus dem Westen halt verscharrt

  • -Aktualisiert am

Russischer Käse nach britischer Art: John Kopiski stellt seit mehr als 20 Jahren Käse in Wladimir her. Bild: AP

Den westlichen Sanktionen gegen Russland begegnet Präsident Putin mit Härte. Doch die angeordnete Vernichtung importierter Lebensmittel aus Lettland oder Frankreich stößt auf Protest. Und Phantasie.

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          Kann Käse brennen? Wahrscheinlich nicht. Wohl aus diesem Grund sind am Donnerstag in der russischen Stadt Orenburg zwanzig Tonnen lettischer Käse nicht ins Feuer geworfen worden, sondern wurden zuerst mechanisch gehäckselt und dann verscharrt. Käse aus Lettland unterliegt wie viele andere Lebensmittel aus vielen anderen Ländern einem russischen Importstopp.

          Präsident Wladimir Putin hatte Ende Juli ein Dekret erlassen, wonach beschlagnahmte Schmuggelware aus den betroffenen Ländern nicht etwa zu wohltätigen Zwecken verteilt, sondern vernichtet werden muss. Eigentlich sollen im ganzen Land mobile Brennöfen diese Aufgabe übernehmen, aber dem Dekret zufolge ist auch jeder andere Weg erlaubt.

          Importstopp als Wirtschaftsförderung

          Im Internet formiert sich Widerstand, für eine Online-Petition fanden sich über 200.000 Unterzeichner zusammen. Dass sie die populistische Vernichtung der Lebensmittel stoppen kann, gilt als unwahrscheinlich.

          Seinen Anfang nahm der Populismus bereits vor einem Jahr. Am 6. August 2014 ordnete Putin an, wichtige Agrargüter und Lebensmittel aus dem Ausland nicht mehr über die Grenze zu lassen. Betroffen sind Produkte aus der EU, den Vereinigten Staaten, Norwegen, Kanada und Australien. Das war eine Vergeltung wegen der Wirtschaftssanktionen, welche diese Länder als Folge von Russlands Aggression in der Ukraine verhängt hatten.

          Auf die Strafmaßnahmen gegen Rüstungskonzerne, den Ausschluss russischer Banken von westlichen Kapitalmärkten und das Verbot schwieriger Erdölprojekte reagierte Moskau mit dem Importstopp, den es als Wirtschaftsförderung darstellte: So soll die oft unproduktive und veraltete russische Landwirtschaft zu neuer Stärke finden.

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          Ausgerechnet in der Wirtschaftskrise soll die russische Landwirtschaft das erreichen, was seit der Wende nicht gelungen ist. Die Zwischenbilanz ist durchwachsen, aber nachgeben will Moskau nicht.

          Der Importstopp bezieht sich auf Schweinefleisch, Geflügel und Rindfleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Milchprodukte aller Arten sowie Obst und Gemüse. Bereits im Juni 2015 hat Putin das Einfuhrverbot um ein Jahr verlängert. Das ist wenig verwunderlich, denn erstens sind die westlichen Sanktionen nicht gelockert worden, und zweitens sind die Investitionszyklen in der Landwirtschaft lang.

          Passiert ist deshalb seit dem Embargo zweierlei: Die Preise zogen an, und die Regale lichteten sich zunächst etwas, bevor sie mit Produkten anderer Herkunft wiederaufgefüllt wurden.

          Auf Umwegen in die Regale

          Wer heute in einen russischen Supermarkt geht, findet keine Leere, sondern einen Kraftakt des globalen Lebensmittelhandels. Was früher vor allem aus Europa stammte – Milch aus Finnland, Äpfel aus Polen, Gurken aus den Niederlanden, Südfrüchte aus Spanien –, kommt nun aus Brasilien, Argentinien, China und der Türkei.

          Andere Produkte, beispielsweise Lachs aus Norwegen, wurden durch wundersame Alternativen ersetzt: Weißrussland, ohne Zugang zum Meer, hat sich auf phänomenale Weise zu einem wichtigen Herkunftsland für Fisch und Meeresfrüchte entwickelt. Zumindest laut Zolldeklaration.

          Der lettische Käse in Orenburg kam über Kasachstan nach Russland. Tatsächlich wären die Folgen des Embargos gravierender, wenn es strikt angewandt würde. Häufig rätselt der Käufer, wie es diese offensichtlich österreichische Marmelade oder jener italienische Schinken eigentlich in den Laden geschafft haben.

          Eine Wirkung ist in allen Geschäften und bei allen Produkten zu spüren: die Inflation. Eine zunächst konstante Lebensmittelnachfrage traf auf ein zunächst knappes heimisches Angebot, und kurzfristig arrangierte Lieferverträge vom anderen Ende der Welt sind teurer als langfristige Absprachen mit nahen europäischen Händlern.

          Der fallende Rubel verteuerte zudem sowohl importierte Konsumprodukte wie auch jene Vorleistungen, die russische Hersteller einführten, um selbst Lebensmittel herzustellen. 2014 erreichte die Teuerung 11 Prozent.

          Zur Hälfte importabhängig

          Analysten der russischen Bank VTB erwarten für das Gesamtjahr 2015 eine Inflation von 15 Prozent sowie 18 Prozent Preissteigerung bei Lebensmitteln. Die Reallöhne sinken.

          Ebenso die Verkäufe im Einzelhandel, im Juni lagen sie 9 Prozent unter Vorjahresniveau. Die Russen kaufen nicht nur günstigere Produkte, sie versorgen sich auch wieder mehr aus dem eigenen Gemüsegarten auf der Datscha.

          Der russischen Alfa Bank zufolge umfasste der Einfuhrstopp zu Beginn die Hälfte aller Lebensmittelimporte. Die Importabhängigkeit wiederum variierte je nach Kategorie stark.

          Die Schweizer Bank UBS schätzte sie auf rund 60 Prozent bei Rindfleisch sowie auf die Hälfte bei Fisch, Käse und Quark, wobei der Ausfall am Gesamtangebot durch das Embargo je nach Warengruppe bis zu knapp einem Drittel reichte.

          Milchkühe müssen wachsen

          Die Kompensation gelang relativ schnell: Der Gesamtwert der russischen Einfuhr von Lebensmitteln und Agrargütern lag laut Statistikamt 2014 bei umgerechnet 40 Milliarden Dollar und damit nur 8 Prozent niedriger als 2013. Im ersten Quartal 2015 brach er allerdings auf 6 Milliarden Dollar ein, 42 Prozent weniger als im Vorjahresquartal – aber zu Jahresanfang hatte der Rubel gegenüber dem Dollar auch dramatisch an Wert verloren.

          Die russische Landwirtschaft steht vor einer großen Herausforderung. Sie soll in einer Wirtschaftskrise mit sehr teuren Bankkrediten und fallender Konsumnachfrage jene Investitionen finanzieren, die den seit der Wende vernachlässigten Sektor wieder auf die Beine bringen sollen – Investitionen, die sich angesichts der mehrjährigen Zyklen in der Landwirtschaft meist nicht schnell auszahlen.

          Milchkühe müssen wachsen, ein zuvor brachliegender Acker bringt nicht schon nach der ersten Aussaat die volle Ernte. Zudem wird die Branche von Kleinbetrieben mit geringen Skaleneffekten dominiert, die mit hohen Transportkosten, komplizierten Vertriebswegen und schlechter Infrastruktur kämpfen – etwa fehlenden Lagerhäusern und einer löchrigen Kühlkette.

          Mit Palmöl gestreckt

          Zwar erlässt der Staat trotz wachsendem Haushaltsdefizit den Produzenten Steuern, bietet Zinsvergünstigungen an sowie Subventionen, kurzfristig helfen manchmal aber offenbar nur Tricks.

          Während Russlands Gesamtproduktion im Agrarsektor im ersten Quartal nur um rund 4 Prozent wuchs und die Fleischproduktion in den ersten vier Monaten immerhin um 14 Prozent zulegte, wuchs die Käseherstellung in diesem Zeitraum gleich um 30 Prozent.

          Doch die Milchproduktion blieb konstant, die Einfuhr von Milch fiel. Wo kam dann aber der Rohstoff für den Käse her? Inzwischen gilt es als Konsens, dass die Branche massenhaft mit Palmöl streckt und (undeklarierten) Kunstkäse herstellt.

          Bis zu drei Monate Gefängnis

          In Kontrast hierzu begründete Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew die nun begonnene Vernichtung ausländischer Konterbande wieder mit dem Heimatschutz: Der Schmuggel belaste russische Firmen, die „ähnliche, manchmal bessere Produkte herstellen, sie aber am Markt nicht verkaufen können“. Zudem arbeitet seine Regierung an einer Ausweitung des Einfuhrstopps auf andere Länder.

          Die Wirkung dürfte gering sein, da keines der Ziele wie Island, Liechtenstein oder Albanien ein nennenswerter Lieferant ist. Aber das politische Zeichen ist eindeutig – ebenso wie dieses: Wenn ein Staatsbediensteter sich bei der Beseitigung geschmuggelter Lebensmittel zu aktiv einbringt, also wenn er etwas davon isst, kann er mit bis zu drei Monaten Gefängnis bestraft werden. Verzehr gilt nicht als Vernichtung.

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