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Moskauer Wertediskussion : Für die Familie und Neurussland

Putin gedenkt derer, die „Neurussland“ schützen Bild: AFP

Eine Tagung in Moskau wendet sich gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe. Finanziert wird sie von Männern, die Präsident Putin nahestehen.

          5 Min.

          „Bildung und Erziehung“ lautet das Thema des „runden Tisches“ im Patriarchensaal der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. In dem großen Raum mit Kronleuchtern, flauschigem Teppichboden und Heiligenbildern an der Wand hebt ein Redner nach dem anderen hervor, wie verdorben das staatliche Schulwesen sei. „Kinder brauchen keine Sexualkundespezialisten!“, ruft eine langhaarige Niederländerin im schwarzen Jäckchen über der zugeknöpften Bluse, „die Eltern selbst sind die Spezialisten!“ Wie die anderen Redner wirbt sie dafür, Kinder zu Hause zu unterrichten.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ein orthodoxer Priester aus Alatyr, einer kleinen Stadt etwa 500 Kilometer östlich von Moskau, nimmt sein Referat über „Familienanthropologie“ zum Anlass einer Analyse des „Bürgerkrieges“ in der Ukraine: Der sei ausgebrochen, weil die neuen Machthaber in Kiew die „religiösen Werte“ des Landes verraten und eine Gay-Pride-Parade erlaubt hätten. Applaus.

          „Große Familien und die Zukunft der Menschheit“, heißt das Forum. Nach Angaben der Veranstalter sind mehr als 1000 Teilnehmer aus 45 Ländern nach Moskau gekommen. Bei der Eröffnungsfeier am Mittwoch im Staatlichen Kreml-Palast, den Chruschtschow Anfang der sechziger Jahre bauen ließ, wurde Russland als letzte Hoffnung einer modernen, dem Sittenverfall anheimgefallenen Welt dargestellt. Ein Mitglied der Präsidialverwaltung verlas ein Grußwort Wladimir Putins, der eine „Erosion moralischer Werte“ beklagte.

          Kritik an Kieewr Gay-Pride-Parade

          Dabei war auch Jelena Misulina, die Vorsitzende des Duma-Familienausschusses, die durch Gesetze zum Verbot der Adoption von Waisenkindern durch Amerikaner und zum Verbot der Förderung „nicht traditioneller sexueller Beziehungen“ unter Minderjährigen bekannt wurde. Misulina sagte, sie sei sicher, dass es im „heutigen Europa unmöglich wäre, ein Forum wie dieses zu veranstalten“. Wenn doch, dann nicht im Kreml, sondern in einem Vorort.

          Dass das Forum im Kreml und im Kongresstrakt der Christ-Erlöser-Kathedrale seine Veranstaltungen mit Titeln wie „Alles beginnt mit der Familie“, „Jugendinitiativen zur Unterstützung der traditionellen Familie“ oder „Gesellschaftliche Initiativen zur Unterstützung der Familie und zur Vorbeugung der Verwaisung“ abhalten kann, liegt zuvorderst an zwei Männern aus dem Umfeld Putins, deren Einfluss und Reichtum groß sind: Wladimir Jakunin und Konstantin Malofejew.

          Jakunin war am Mittwoch auch dabei, sprach von Russlands Abschied vom westlichen Entwicklungsmodell, das weder zu materiellem noch zu geistigem Wohlbefinden führe. Malofejew lobte das Gesetz gegen „Homosexuellenpropaganda“ und kritisierte, wie dann der Priester aus Alatyr, die Kiewer Gay-Pride-Parade.

          „Ein Christ opfert sich für andere“

          Jakunin ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender der Staatlichen Russischen Eisenbahn. Er kennt Putin aus Leningrader beziehungsweise Sankt Petersburger Jahren und gilt als eine Art Türöffner zu ihm. Die Vereinigten Staaten und Australien haben gegen Jakunin im Frühjahr Einreiseverbote und Kontosperren verhängt. Sein älterer Sohn lebt in London, der jüngere nahe Genf; Jakunins Landsitz im Dorf Akulinino südlich von Moskau soll über ein eigenes Gebäude zur Lagerung von Pelzen und einen klimatisierten Gebetsraum mit kostbaren Ikonen verfügen. Doch Jakunin nutzt seinen Reichtum, den laut Berichten russischer Antikorruptionskämpfer die Olympischen Spiele in Sotschi bedeutend mehrten, auch anders: Seine „Apostel-Andreas-Stiftung“ widmet sich der „Bewahrung des orthodoxen Glaubens“, sein „Zentrum für nationalen Ruhm“ der „Bewahrung der kulturellen und geistigen Grundlagen des Lebens unserer Gesellschaft“ sowie dem „historischen Schicksal Russlands“.

          Wladimir Jakunin ist der Chef der russischen Eisenbahn

          Der Leiter der Zweigstelle des Zentrums im sibirischen Krasnojarsk, ein freundlicher Hüne in Motorradweste und Jeans mit rotem Bart und festem Händedruck, ist ebenfalls in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Am Stand des Zentrums berichtet er, er sei erst vor drei Tagen nach einer 15.000 Kilometer langen Motorradtour des „Zentrums für nationalen Ruhm“ durch ganz Russland nach Moskau gekommen. Er sei auf seiner BMW-Maschine gefahren, „dem teuersten Modell, das es gibt“. Ziel der Reise sei es gewesen, unter Russlands Vätern ein Gefühl der Verantwortung für ihre Rolle zu wecken, wobei die Prämisse gelte: „Russland ist immer patriarchalisch gewesen.“

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