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Mordprozess in Wien : Auf der Jagd nach Doktor Alijew

Toter Hauptangeklagter: Rakhat Alijew erhängte sich im Februar in seiner Zelle. Bild: dpa

Zwei Männer sollen dem Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten bei einem Doppelmord geholfen haben. Der Fall wird in Österreich vor Gericht verhandelt. Die Details sind kinoreif.

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          Die Geschichte über den Doppelmord an zwei kasachischen Geschäftsleuten klingt wie ein Hollywood-Streifen, das sagt sogar die Staatsanwältin. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hat. Am Dienstag hat vor dem Wiener Straflandesgericht der Prozess gegen zwei Verdächtige begonnen, die beschuldigt werden, sich an dem Mord und mehreren weiteren Verbrechen beteiligt zu haben. Der Hauptangeklagte saß nicht auf der Anklagebank. Rachat Schoraz, bekannt unter seinem früheren Namen Alijew, ist im Februar in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis erhängt aufgefunden worden. Er hat sich, davon zeigen sich die österreichischen Behörden überzeugt, selbst getötet.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat Alijew den Mord im Februar 2007 aus Geldgier begangen und sich seiner Mitarbeiter Alnur Mussajew und Wadim Koschljak als Gehilfen bedient. Die beiden bestreiten das, ebenso wie es Alijew zu Lebzeiten getan hatte. Sie haben sich als Verfolgte bezeichnet, denen der despotisch herrschende kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew aus politischen Gründen nachstelle. So stellten es am Dienstag nach Angaben der Nachrichtenagentur APA auch die Verteidiger vor Gericht dar.

          Österreich wies Auslieferungsbegehren zweimal ab

          Dass die Sache eine politische Dimension hat, legt nicht nur der gewaltige Aufwand nahe, der aus Kasachstan betrieben wurde, um insbesondere Alijews habhaft zu werden oder ihn wenigstens hinter Gitter zu bringen, einschließlich teurer PR-Kampagnen. Alijew war der Schwiegersohn des Präsidenten und hatte hohe Ämter in Regierung und Geheimdienst inne, ehe er nach 2002 zweimal als Botschafter nach Wien entsandt wurde. Auch die österreichischen Behörden bezweifelten, dass den dreien in Kasachstan ein faires Verfahren garantiert wäre und wiesen daher zweimal Auslieferungsbegehren ab.

          Doch weil sich die Wiener Staatsanwaltschaft aufgrund ihrer eigenen Ermittlungen nach langem Hin und Her und einem ruhestandsbedingten Personalwechsel selbst von der Schuld der Verdächtigen überzeugte, wird nun in Wien über ein Verbrechen verhandelt, das in Kasachstan von Kasachen verübt worden sein soll. Der Aufwand ist beträchtlich. In der 116 Seiten langen Anklageschrift wird die Vernehmung von mehr als 50 Zeugen aus Kasachstan beantragt. Die Staatsanwälte versicherten, dass sie keinesfalls Wünschen Kasachstans entsprochen hätten, sondern einzig gemäß den österreichischen Gesetzen vorgingen. Freilich fußen ihre Erhebungen auf den kasachischen Ermittlungen sowie drei abgehörten Telefonaten, die Mussajew über eine Skype-Verbindung geführt haben soll und in denen er über seine Tatbeteiligung und den Ort, an dem die Leichname der beiden Ermordeten lagen, Auskunft geben soll. „Bei einer Überprüfung der in Kasachstan durchgeführten Ermittlungen in chronologischer Reihenfolge und einem Abgleich mit offenen Quellen ergab sich kein Hinweis auf allfällige Manipulationen dieser Ermittlungen,“ heißt es in der Anklageschrift. Die Verteidiger machen dagegen geltend, es sei alles vom kasachischen Geheimdienst gefälscht worden, Aussagen seien unter Gewalt und Drohungen zustande gekommen. Der Ausgang des Prozesses wird davon abhängen, ob die Richter und die 16 Geschworenen von den vielen angeführten Zeugen und dem von der Staatsanwaltschaft minutiös nachgezeichneten Geschehen überzeugt werden.

          Demzufolge soll Alijew, nebenher Mehrheitseigentümer des Geldhauses Nurbank, mit mehreren leitenden Mitarbeitern abgerechnet haben. Er soll sie im Verdacht gehabt haben, hinter seinem Rücken Kredite vergeben, dafür Provisionen kassiert und schließlich ihr eigenes Geschäft betrieben zu haben. Zwei Männer soll Alijew – mit Hilfe von mehreren Beteiligten – im Januar 2007 in einer Sauna festgesetzt haben, um ihnen durch Misshandlungen und Drohungen Geständnisse und Vermögensübertragungen abzupressen. Dabei ging es unter anderem um den Verkauf eines Bürogebäudes für 26 Millionen Euro, weniger als ein Drittel seines tatsächlichen Werts.

          Zwei Leichen in Metallfässern gefunden

          Keine zwei Wochen später soll einer von ihnen sowie ein Dritter aufs Neue entführt und misshandelt worden sein. Einer von ihnen soll gar mit einem Besenstil vergewaltigt worden sein. Diese beiden, Scholdas Timralijew und Ajbar Chasenow, sind es auch, deren in Metallfässer gezwängte Leichname vier Jahre später in einer verschütteten Müllgrube gefunden wurden. Alijew und seine Mittäter sollen die beiden mit Beruhigungsmitteln betäubt und dann, eine Plastiktüte über den Köpfen, mit einem Seil erdrosselt haben. Für das Geschehen bezieht sich die Staatsanwaltschaft auf die Aussagen von weiteren Beteiligten, die in Kasachstan in Haft sitzen. Nur für den Mord selbst stützt sie sich auf die „geschlossene Indizienkette“.

          Die drei haben, so zeigte sich die Staatsanwältin vor Gericht überzeugt, gemeinsam den Plan entwickelt und den Mord ausgeführt. Koschljak, Alijews persönlicher Assistent, war „stets bereit, wenn es erforderlich sein sollte, seinem Chef zu helfen“, so die Staatsanwältin. Mussajew sei der „Freund und Mentor“ gewesen, „ohne den Doktor Alijew keine wesentlichen Entscheidungen getroffen hat“. Für die Verteidigung ist das dagegen eine in Kasachstan erfundene „Lügengeschichte“. Die beiden Banker seien in Wahrheit „von der Führungsriege des kasachischen Geheimdiensts“ getötet worden, Alijew und den Mitangeklagten werde das Verbrechen „in die Schuhe geschoben“.

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