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Mord an Boris Nemzow : Die Suche nach den Hintermännern

Frontstellung: Wladimir Putin und Ramsan Kadyrow Bild: dpa

Nach dem Mord an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow rückt der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow ins Zentrum des Interesses. Gerüchten zufolge gibt es einen Machtkampf zwischen Putins Statthalter in Grosnyj und dem Geheimdienst FSB.

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          Vordergründig ist Moskau nach dem Mord an Boris Nemzow zur Tagesordnung übergegangen. Zu Wochenbeginn teilte das Ermittlungskomitee mit, es gehe nicht mehr von einem Auftragsmord aus finanziellen Beweggründen aus. Stattdessen laute das Motiv nun „Hass“, etwa politischer oder religiöser Art. Am Dienstag weigerte sich Sergej Naryschkin, der Sprecher der Duma, über eine Schweigeminute zu Ehren des Oppositionspolitikers – eines früheren Abgeordneten und ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten – abstimmen zu lassen. Zwei Abgeordnete erhoben sich trotzdem.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Am Mittwoch fand unterhalb der Basilius-Kathedrale und damit wenige Schritte vom Tatort des Nemzow-Mordes entfernt die große Feier zum Jahrestag des Anschlusses der Krim statt. Neben Präsident Wladimir Putin trat dort auch der Chef der Motorradfahrergruppe „Nachtwölfe“ auf, einer der Initiatoren der „Bewegung Anti-Majdan“, die den Mord an Nemzow als erste Tat der ukrainischen Protestbewegung Majdan in Russland bezeichnet hat. Auch im Fernsehen wird weiter die These vom „sakralen Opfer“ propagiert, einem Mord aus Oppositionsreihen also – obwohl die Spuren nach Tschetschenien weisen, in die Umgebung von Putins Statthalter Ramsan Kadyrow nämlich.

          Saur Dadajew, der die tödlichen Schüsse abgegeben haben soll, diente bis vor kurzem in Bataillon „Sewer“ in Grosnyj, einer Art Leibgarde Kadyrows. Er und seine vier angeblichen Helfer sollen die Tat, wenn es nach dem Ermittlungskomitee geht, eigenständig geplant und ausgeführt haben. Putins Sprecher teilte mit, diese Behörde werde künftig die einzige sein, die über die Ermittlungen unterrichte. Das fiel auf, weil die Festnahme der ersten beiden Verdächtigen vom Geheimdienst FSB bekanntgegeben worden war. Doch weiterhin reißen Meldungen unter Berufung auf „Ermittlerkreise“ nicht ab.

          So berichtete die Zeitung „RBK daily“ auf ihrer Website, Dadajew habe ausgesagt, ein Tschetschene mit dem Spitznamen „Russik“ habe ihm gut 76.000 Euro für den Mord versprochen, die Tatwaffe und das Fluchtfahrzeug verschafft. Bei „Russik“, war weiter zu lesen, handele es sich um Ruslan Geremejew, den Neffen eines Duma-Abgeordneten, der Kadyrow nahesteht. Geremejew habe wie Dadajew in Kadyrows Leibgarde gedient. Er stehe, so die Zeitung „Nowaja Gaseta“, nun in Grosnyj „unter ernsthafter Bewachung von Sicherheitskräften“. Die Zeitung „Kommersant“ berichtete am Donnerstag, Geremejew solle als Zeuge vernommen werden.

          Eine der vielen Vermutungen im Zusammenhang mit dem Mord an Nemzow ist die eines Machtkampfs zwischen Kadyrow und dem FSB. Der Geheimdienst und weitere Teile des Sicherheitsapparats sollen sich an Kadyrows mit föderalem Geld alimentierten „Staat im Staate“ stören. Ob die Ermittler bis zu Geremejew vordringen könnten, wenn sie denn wollen, ist unklar: In Tschetschenien halten sich schon ein Berater Kadyrows und dessen Sondergesandter für die Ukraine auf, die in Moskau wegen diverser Vorwürfe gesucht, in ihrer Heimat indes nicht behelligt werden.

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