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Moldau : Ein schönes, leeres Land

Viel Land für wenige Bewohner: Elena Mişota (von hinten) und eine Dorfbewohnerin in ihrem Heimatdorf Lingura. Bild: Carola Fritzsche

Wenn jeder Vierte im Ausland nach Arbeit sucht, wie geht es dann den Menschen, die zurückbleiben? Ein Besuch in der Republik Moldau.

          7 Min.

          Elena Mişota und ihr Mann Petru lieben ihre Enkel, trotzdem werden vor dem Abschied ein paar harte Worte fallen. Elena Mişota wird nicht mehr wissen, wie es eigentlich dazu kam. Der Tag hatte friedlich begonnen. Sie hat lange in der kleinen Küche gestanden, denn ihre Schwester Mariana ist aus Deutschland angereist, und auch ihre Tochter mit Mann und Kindern ist aus Irland zu Besuch in der alten Heimat, dem Dorf Lingura im Süden der Republik Moldau. Elena Mişota bringt die dampfenden Schüsseln mit Fleisch und Paprikagemüse auf den Tisch unter dem Weinlaub im Hof. Die Sonne malt Flecken auf ihre blaue Kittelschürze. Die grauen Haare, die unter ihrem Kopftuch hervorschauen, lassen sie älter wirken, als sie mit Anfang 50 ist. Elena ist zufrieden, die Familie isst und redet.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Es ist für Elena und Petru Mişota der letzte Tag, an dem sie ihre Enkel in diesem Jahr sehen. Die Enkelin sagt: „Ich finde Moldau furchtbar“, dann schaut sie den Großeltern fest in die Augen. „Ich werde jedes Jahr wieder hierherkommen, um euch zu besuchen. Aber ich will hierher nicht mehr zurück.“ „Und was sollen wir jetzt machen?“, fragt Elena Mişota, und ihre Stimme, die durch eine verpatzte Schilddrüsenoperation sowieso hoch klingt, kratzt schrill. „Sollen wir alle das Land verlassen?“ Keiner sagt mehr etwas.

          Junge Menschen verlassen das Land

          Von den 3,5 Millionen Einwohnern der Republik Moldau leben und arbeiten mehrere hunderttausend im Ausland. Eingekeilt zwischen dem EU-Mitglied Rumänien und der Ukraine, befindet sich das Land in unmittelbarer Nähe zum größten Krisengebiet, das Europa derzeit hat. Wenn in Westeuropa von der Republik Moldau die Rede ist, dann allerdings meist im Zusammenhang mit Migration. Jeder vierte erwerbstätige Moldauer arbeite im Ausland, hieß es im jüngsten Bericht zur Arbeitsmigration in Moldau, den die Internationale Organisation für Migration 2008 veröffentlichte. Drei Jahre zuvor ging sie noch von rund 400.000 Moldauer Arbeitsmigranten aus. Doch was passiert in einem Land, das die jungen Arbeitskräfte verlassen?

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          Das will auch Elena Mişotas Schwester Mariana Tscherwienski wissen. Sie will die Menschen besuchen, die sie zurücklassen musste, als sie vor 15 Jahren nach Deutschland ging. Ihr Studium als Lehrerin hatte sie in Moldau kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beendet, dann schlug sie sich in der neuen Heimat mit Gelegenheitsjobs durch, machte eine Weiterbildung zur Erzieherin und arbeitet heute in einer Behörde für Integration. Sie lernte in Deutschland ihren Mann kennen, das Paar hat mehrere Kinder. Wenn Mariana Tscherwienski deutsch spricht, hat sie fast keinen Akzent. Trotzdem ist sie in Deutschland öfters angefeindet worden, sagt sie. Das Klischee vom „Sozialtourismus“ hängt in den Köpfen. Weil sie sich und ihre Familie davor schützen will, möchte Mariana Tscherwienski ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

          Tscherwienski war mehrere Jahre nicht mehr in ihrer alten Heimat. Sie käme gerne öfter, doch ein Flug in die Republik Moldau ist teuer, und die Anreise in den Süden des Landes wegen der schlechten Straßen sehr lang. Deshalb kommt auch die Tochter von Elena Mişota nur einmal im Jahr zu Besuch. Sie wohnt mit ihrem Mann und den zwei Kindern mittlerweile in Irland. Sie putzt dort Büros, er arbeitet auf dem Bau. Als die Kinder noch klein waren, teilte sich das Paar die Schichten auf, damit immer einer zu Hause bleiben konnte. Jetzt, da die Kinder in die Schule gehen, fliegt die Familie meistens in den Sommerferien nach Moldau. Dann versuchen sie, beide Familien zu treffen, damit die Großeltern ihre Enkel sehen können.

          Die Dorfgemeinschaft sorgt füreinander

          Elena Mişota macht sich wieder an die Arbeit. Früher hat sie im Bezirkskrankenhaus in der Nähe von Lingura gearbeitet, das mit der Sowjetunion unterging. Seitdem bewirtschaftet sie den Hof. Sie hat zwei Schweine, ein paar Schafe und Enten, die sie schon vor dem Morgengrauen mit ihrem Geschnatter aus dem Bett treiben. Wenn sie vom Hof erzählt, bekommt Elena Mişota gute Laune. „Ich kann alles, was ein Mann kann, außer ein Schwein schlachten“, sagt sie und lacht. Die Schafe hat sie bis zum Winter ein paar Hirten aus dem Dorf anvertraut, dafür bekommt sie alle paar Wochen frische Schafsmilch, mit der sie Käse zubereitet. Obst und Gemüse baut sie im Garten an. Was sie nicht für sich selbst braucht, teilt sie mit den Nachbarn. An diesem Nachmittag macht sie sich auf den Weg, um frischgebackene runde Brote zu verteilen. Ein Nachbar pflegt seine kranke Frau, weil es hier weder Pflegedienst noch Verwandte gibt, die ihm das erleichtern könnten. Nur die Dorfgemeinschaft sorgt füreinander.

          Während seine Frau sich um die anderen kümmert, will Petru der Schwägerin das Dorf zeigen. Lingura liegt inmitten von Weinbergen, sie fallen sanft in ein kleines Tal ab. „Und dort hinten ist schon Rumänien“, sagt Petru Mişota und zeigt über die grünen Hügel. Durch das Dorf zieht sich eine einzige Straße, rund zwei Kilometer lang. Anfangs ist sie noch asphaltiert, dann wird sie zur staubigen Piste. Die Häuser reihen sich entlang des Weges wie Perlen auf einer Kette. Einige Häuser sind prächtig, mit glänzenden ziselierten Eingangstoren und neuen Dachschindeln. „Die sind mit dem Geld gebaut, das die Kinder und Verwandten aus dem Ausland schicken“, sagt Petru Mişota. Die schönen Häuser stehen Seite an Seite mit Höfen, von denen die Farbe abblättert und wo Unkraut über die Zäune schaut. Sie gehören den Familien, die weggegangen sind, um im Ausland zu arbeiten. „Wir haben hier im Dorf mindestens 45 solcher verlassener Grundstücke.“ Früher wohnten im Dorf etwa 500 Familien, sagt er, fast zehn Prozent der Einwohner hätten es über die Jahre verlassen. Nur in der Landwirtschaft gibt es Arbeit, doch davon lässt sich immer schlechter leben.

          Bis vor ein paar Jahren haben auch Petru und Elena Mişota noch auf ein paar Hektar Wein angebaut, doch als Russland Produkte aus Moldau zu boykottieren begann, brachte das Geschäft mit den Trauben nichts mehr ein. „Wir haben alles ausgerissen, jeden einzelnen Weinstock“, sagt Petru Mişota. „Jetzt wachsen dort kleine Walnussbäume. Die Nüsse können wir nach Westeuropa verkaufen.“ Der Boden sei sehr gut, es wachse fast alles.

          Ganz Moldau scheint fruchtbar zu sein. Als Mariana Tscherwienski von Lingura in den Norden des Landes weiterfährt, um Anna Tomozek, ihre ehemalige Schwiegermutter, zu besuchen, geht die Fahrt stundenlang an Feldern vorbei. Gelbe Maisfelder gehen in grüne Melonenplantagen über. Ab und an überholt der Wagen ein Pferdegespann. In den Dörfern blockiert manchmal eine einsame Gänseherde den Weg. Am Nachmittag erreicht Mariana Tscherwienski die Kleinstadt Corneşti.

          Besuch von der Familie liegt 14 Jahre zurück

          Die ehemalige Schwiegermutter erwartet sie schon. Die alte Frau hat bereits während der Fahrt mehrmals angerufen und gefragt, wann Mariana ankommen würde, damit sie das Essen rechtzeitig fertig bekäme. Als die Gäste endlich da sind, setzt sich Tomozek an den Tisch, faltet die Serviette zusammen und wieder auseinander. Sie hat selten Besuch, dem sie von sich erzählen kann. 35 Jahre lang hat sie als Apothekerin gearbeitet, nun bekommt sie 1020 Leik Rente im Monat, rund 50 Euro. Einmal in der Woche kommt eine Pflegeschwester und sieht nach ihr. Anna Tomozek hat zwei Kinder, fünf Enkel und zwei Urenkel. Die Kinder leben in Italien und Russland, ihre Enkel auch. Nur einer ist nach dem Studium in die Ukraine gezogen, weil er dort Arbeit gefunden hat. In Moldau sahen sie keine Zukunft. 14 Jahre ist es her, dass sie das letzte Mal von ihnen besucht wurde.

          Sie hält die Serviette vors Auge und schluckt. Manchmal sei sie selbst die Kinder und Enkel besuchen gefahren, doch jetzt fühle sie sich zu alt. Sie lebt allein, kümmert sich um ihren Hund, geht spazieren, besucht Bekannte in der Stadt und bewirtschaftet ihren kleinen Garten. „Ich habe hier alles, was ich brauche. Einen Platz zum Schlafen und mehr Essen im Garten, als ich verzehren kann“, sagt sie. Gibt es etwas, das sie sich dennoch wünschen würde? „Dass neue Wasserleitungen gezogen werden“, sagt sie nach kurzem Überlegen. „Das war das Schönste, als ich Mariana vor ein paar Jahren besucht habe. Da gab es eine Dusche und eine Badewanne“, sagt sie. „Es ist sehr schön, wenn man sich pflegen kann.“

          Hat sie hier überhaupt fließendes Wasser? Sie schüttelt den Kopf. „Natürlich gab es hier schon einmal Wasserleitungen, noch aus den Zeiten der Sowjetunion. Doch die sind in einem Winter Anfang der 1990er Jahre eingefroren“, erzählt sie. Seitdem habe sich nie wieder jemand darum gekümmert. Am Abend nimmt Mariana Tscherwienski die Eimer. Sie überquert die Straße zum Brunnen und lässt den Schöpfeimer scheppernd in die Tiefe rauschen. Ein alter Mann schlendert über den Dorfplatz. Er grüßt, steckt sich eine Zigarette an und wartet. Mariana muss den Schöpfeimer mehrmals hinunterrasseln lassen, bis ihre Eimer gefüllt sind.

          Moldau etwas urbaner: Die Hauptstadt Chişinau

          An Morgen darauf ist der Besuch vorbei. Mariana Tscherwienski packt Tomaten und Eingemachtes in das Auto. Ihre ehemalige Schwiegermutter hat große Gläser mit Aprikosenmarmelade und geriebene Himbeeren vorbereitet. Die Fahrt geht weiter in Richtung der Hauptstadt Chişinau. Der Wagen macht Schlenker und muss immer wieder großen Schlaglöchern ausweichen. Manchmal erwischt er trotzdem eines, und dann scheint es ein Wunder, dass es Stoßdämpfer gibt, die das aushalten. Je näher die Hauptstadt kommt, desto besser wird die Straße. Richtig gemütlich wird sie aber nie.

          „Hier werde ich akzeptiert“

          Chişinau ist heiß und staubig, alte sozialistische Betonblöcke ziehen sich bis ins Zentrum. Die Fahrt geht vorbei an Parks und dem Parlamentsplattenbau, eine Ecke später gleißt die große Kuppel einer orthodoxen Kirche golden in der Sonne. Südlich der Innenstadt sind neue Apartmentgebäude entstanden.

          In einer davon lebt Mariana Tscherwienskis Neffe Sergei Mişota mit seiner Frau und zwei Kindern. Vier Zimmer, Küche und Bad. Alles ist neu, die Böden glänzen vor Reinlichkeit. Der Neffe zeigt stolz die Einbauküche mit den weißen, glatten Flächen, die dunklen Schränke und Tische im Wohn- und Schlafzimmer. „Alles selbstgezimmert“, sagt er. Der Mann ist gelernter Tischler. Als er in Moldau keine Arbeit fand, ging er nach Italien und Deutschland, denn dort gab es Arbeit. Aber nie lange. Irgendwann bekam er ein Angebot in Irland und zog dorthin. „Sie bezahlten da auch mehr“, sagt er. Heute ist er froh, denn dort lernte er Olga kennen. Eine junge Frau aus Moldau, die ebenfalls ihr Land verlassen hatte, weil sie keine Arbeit fand. Die beiden verliebten sich, heirateten und bekamen zwei Kinder. „Das war ein Grund mehr, über eine Rückkehr in die Heimat nachzudenken“, sagt Sergei Mişota. Er hatte genug Geld zusammen, um eine kleine Möbelfirma aufzumachen. Mittlerweile hat er fünf Angestellte, die er ordentlich bezahlen kann. Ihre Kinder schickt das Paar auf die internationale Schule in Chişinau. Sie wissen, dass sehr viele Jugendliche in Moldau studieren – vorzugsweise Jura, BWL oder Medizin. Sie wissen auch, dass nur sehr wenige trotz dieser Ausbildung in ihrem Heimatland eine Stelle bekommen, dass man für eine solche Stelle gute Beziehungen haben muss und dass die meisten jungen Leute direkt nach ihrem Studium in die EU-Staaten, nach Russland oder Amerika auswandern. Meist nehmen sie dort Arbeit weit unter ihrer Studienqualifikation an.

          Trotzdem hofft das Paar, dass es ihren Kindern einmal anders ergehen könnte als ihnen selbst. „Es ist schöner hier als in Irland“, sagt Sergei Mişota. „Ich mache das Gleiche wie dort, aber hier werde ich akzeptiert.“ Seine Frau stimmt ihm zu: „Ich fühle mich in Moldau viel freier. Egal, wie lange wir in Irland gelebt haben, wie gut wir Englisch konnten, wir blieben immer ,die Ausländer‘.“

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