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Moldau : Ein schönes, leeres Land

Sie hält die Serviette vors Auge und schluckt. Manchmal sei sie selbst die Kinder und Enkel besuchen gefahren, doch jetzt fühle sie sich zu alt. Sie lebt allein, kümmert sich um ihren Hund, geht spazieren, besucht Bekannte in der Stadt und bewirtschaftet ihren kleinen Garten. „Ich habe hier alles, was ich brauche. Einen Platz zum Schlafen und mehr Essen im Garten, als ich verzehren kann“, sagt sie. Gibt es etwas, das sie sich dennoch wünschen würde? „Dass neue Wasserleitungen gezogen werden“, sagt sie nach kurzem Überlegen. „Das war das Schönste, als ich Mariana vor ein paar Jahren besucht habe. Da gab es eine Dusche und eine Badewanne“, sagt sie. „Es ist sehr schön, wenn man sich pflegen kann.“

Hat sie hier überhaupt fließendes Wasser? Sie schüttelt den Kopf. „Natürlich gab es hier schon einmal Wasserleitungen, noch aus den Zeiten der Sowjetunion. Doch die sind in einem Winter Anfang der 1990er Jahre eingefroren“, erzählt sie. Seitdem habe sich nie wieder jemand darum gekümmert. Am Abend nimmt Mariana Tscherwienski die Eimer. Sie überquert die Straße zum Brunnen und lässt den Schöpfeimer scheppernd in die Tiefe rauschen. Ein alter Mann schlendert über den Dorfplatz. Er grüßt, steckt sich eine Zigarette an und wartet. Mariana muss den Schöpfeimer mehrmals hinunterrasseln lassen, bis ihre Eimer gefüllt sind.

Moldau etwas urbaner: Die Hauptstadt Chişinau

An Morgen darauf ist der Besuch vorbei. Mariana Tscherwienski packt Tomaten und Eingemachtes in das Auto. Ihre ehemalige Schwiegermutter hat große Gläser mit Aprikosenmarmelade und geriebene Himbeeren vorbereitet. Die Fahrt geht weiter in Richtung der Hauptstadt Chişinau. Der Wagen macht Schlenker und muss immer wieder großen Schlaglöchern ausweichen. Manchmal erwischt er trotzdem eines, und dann scheint es ein Wunder, dass es Stoßdämpfer gibt, die das aushalten. Je näher die Hauptstadt kommt, desto besser wird die Straße. Richtig gemütlich wird sie aber nie.

„Hier werde ich akzeptiert“

Chişinau ist heiß und staubig, alte sozialistische Betonblöcke ziehen sich bis ins Zentrum. Die Fahrt geht vorbei an Parks und dem Parlamentsplattenbau, eine Ecke später gleißt die große Kuppel einer orthodoxen Kirche golden in der Sonne. Südlich der Innenstadt sind neue Apartmentgebäude entstanden.

In einer davon lebt Mariana Tscherwienskis Neffe Sergei Mişota mit seiner Frau und zwei Kindern. Vier Zimmer, Küche und Bad. Alles ist neu, die Böden glänzen vor Reinlichkeit. Der Neffe zeigt stolz die Einbauküche mit den weißen, glatten Flächen, die dunklen Schränke und Tische im Wohn- und Schlafzimmer. „Alles selbstgezimmert“, sagt er. Der Mann ist gelernter Tischler. Als er in Moldau keine Arbeit fand, ging er nach Italien und Deutschland, denn dort gab es Arbeit. Aber nie lange. Irgendwann bekam er ein Angebot in Irland und zog dorthin. „Sie bezahlten da auch mehr“, sagt er. Heute ist er froh, denn dort lernte er Olga kennen. Eine junge Frau aus Moldau, die ebenfalls ihr Land verlassen hatte, weil sie keine Arbeit fand. Die beiden verliebten sich, heirateten und bekamen zwei Kinder. „Das war ein Grund mehr, über eine Rückkehr in die Heimat nachzudenken“, sagt Sergei Mişota. Er hatte genug Geld zusammen, um eine kleine Möbelfirma aufzumachen. Mittlerweile hat er fünf Angestellte, die er ordentlich bezahlen kann. Ihre Kinder schickt das Paar auf die internationale Schule in Chişinau. Sie wissen, dass sehr viele Jugendliche in Moldau studieren – vorzugsweise Jura, BWL oder Medizin. Sie wissen auch, dass nur sehr wenige trotz dieser Ausbildung in ihrem Heimatland eine Stelle bekommen, dass man für eine solche Stelle gute Beziehungen haben muss und dass die meisten jungen Leute direkt nach ihrem Studium in die EU-Staaten, nach Russland oder Amerika auswandern. Meist nehmen sie dort Arbeit weit unter ihrer Studienqualifikation an.

Trotzdem hofft das Paar, dass es ihren Kindern einmal anders ergehen könnte als ihnen selbst. „Es ist schöner hier als in Irland“, sagt Sergei Mişota. „Ich mache das Gleiche wie dort, aber hier werde ich akzeptiert.“ Seine Frau stimmt ihm zu: „Ich fühle mich in Moldau viel freier. Egal, wie lange wir in Irland gelebt haben, wie gut wir Englisch konnten, wir blieben immer ,die Ausländer‘.“

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