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Moldau : Ein schönes, leeres Land

Die Dorfgemeinschaft sorgt füreinander

Elena Mişota macht sich wieder an die Arbeit. Früher hat sie im Bezirkskrankenhaus in der Nähe von Lingura gearbeitet, das mit der Sowjetunion unterging. Seitdem bewirtschaftet sie den Hof. Sie hat zwei Schweine, ein paar Schafe und Enten, die sie schon vor dem Morgengrauen mit ihrem Geschnatter aus dem Bett treiben. Wenn sie vom Hof erzählt, bekommt Elena Mişota gute Laune. „Ich kann alles, was ein Mann kann, außer ein Schwein schlachten“, sagt sie und lacht. Die Schafe hat sie bis zum Winter ein paar Hirten aus dem Dorf anvertraut, dafür bekommt sie alle paar Wochen frische Schafsmilch, mit der sie Käse zubereitet. Obst und Gemüse baut sie im Garten an. Was sie nicht für sich selbst braucht, teilt sie mit den Nachbarn. An diesem Nachmittag macht sie sich auf den Weg, um frischgebackene runde Brote zu verteilen. Ein Nachbar pflegt seine kranke Frau, weil es hier weder Pflegedienst noch Verwandte gibt, die ihm das erleichtern könnten. Nur die Dorfgemeinschaft sorgt füreinander.

Während seine Frau sich um die anderen kümmert, will Petru der Schwägerin das Dorf zeigen. Lingura liegt inmitten von Weinbergen, sie fallen sanft in ein kleines Tal ab. „Und dort hinten ist schon Rumänien“, sagt Petru Mişota und zeigt über die grünen Hügel. Durch das Dorf zieht sich eine einzige Straße, rund zwei Kilometer lang. Anfangs ist sie noch asphaltiert, dann wird sie zur staubigen Piste. Die Häuser reihen sich entlang des Weges wie Perlen auf einer Kette. Einige Häuser sind prächtig, mit glänzenden ziselierten Eingangstoren und neuen Dachschindeln. „Die sind mit dem Geld gebaut, das die Kinder und Verwandten aus dem Ausland schicken“, sagt Petru Mişota. Die schönen Häuser stehen Seite an Seite mit Höfen, von denen die Farbe abblättert und wo Unkraut über die Zäune schaut. Sie gehören den Familien, die weggegangen sind, um im Ausland zu arbeiten. „Wir haben hier im Dorf mindestens 45 solcher verlassener Grundstücke.“ Früher wohnten im Dorf etwa 500 Familien, sagt er, fast zehn Prozent der Einwohner hätten es über die Jahre verlassen. Nur in der Landwirtschaft gibt es Arbeit, doch davon lässt sich immer schlechter leben.

Bis vor ein paar Jahren haben auch Petru und Elena Mişota noch auf ein paar Hektar Wein angebaut, doch als Russland Produkte aus Moldau zu boykottieren begann, brachte das Geschäft mit den Trauben nichts mehr ein. „Wir haben alles ausgerissen, jeden einzelnen Weinstock“, sagt Petru Mişota. „Jetzt wachsen dort kleine Walnussbäume. Die Nüsse können wir nach Westeuropa verkaufen.“ Der Boden sei sehr gut, es wachse fast alles.

Ganz Moldau scheint fruchtbar zu sein. Als Mariana Tscherwienski von Lingura in den Norden des Landes weiterfährt, um Anna Tomozek, ihre ehemalige Schwiegermutter, zu besuchen, geht die Fahrt stundenlang an Feldern vorbei. Gelbe Maisfelder gehen in grüne Melonenplantagen über. Ab und an überholt der Wagen ein Pferdegespann. In den Dörfern blockiert manchmal eine einsame Gänseherde den Weg. Am Nachmittag erreicht Mariana Tscherwienski die Kleinstadt Corneşti.

Besuch von der Familie liegt 14 Jahre zurück

Die ehemalige Schwiegermutter erwartet sie schon. Die alte Frau hat bereits während der Fahrt mehrmals angerufen und gefragt, wann Mariana ankommen würde, damit sie das Essen rechtzeitig fertig bekäme. Als die Gäste endlich da sind, setzt sich Tomozek an den Tisch, faltet die Serviette zusammen und wieder auseinander. Sie hat selten Besuch, dem sie von sich erzählen kann. 35 Jahre lang hat sie als Apothekerin gearbeitet, nun bekommt sie 1020 Leik Rente im Monat, rund 50 Euro. Einmal in der Woche kommt eine Pflegeschwester und sieht nach ihr. Anna Tomozek hat zwei Kinder, fünf Enkel und zwei Urenkel. Die Kinder leben in Italien und Russland, ihre Enkel auch. Nur einer ist nach dem Studium in die Ukraine gezogen, weil er dort Arbeit gefunden hat. In Moldau sahen sie keine Zukunft. 14 Jahre ist es her, dass sie das letzte Mal von ihnen besucht wurde.

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