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Flüchtlinge : Rettung aus den Horrorbooten

Mehr als 80.000 Flüchtlinge sind dieses Jahr schon über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Bild: AP

Täglich ziehen Retter erschöpfte Flüchtlinge aus ihren armseligen Booten, ein aufreibender Einsatz auf dem unruhigen Mittelmeer. Ein Tag an Bord der schwedischen „Poseidon“.

          8 Min.

          Zwei Stunden, nachdem Joakim Åkermark, Offizier der schwedischen Küstenwache, auf Malta gelandet war, lief sein Schiff aus. Notruf im Mittelmeer. Wenige Tage später brachte das Schiff der schwedischen Küstenwache die geretteten Flüchtlinge in den Hafen von Catania auf Sizilien. Fernsehbilder zeigen entkräftete Menschen, manche werden gestützt. Doch einige lächeln, sie halten das Victory-Zeichen den Kameras entgegen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Auf zwei Boote waren die Flüchtlinge verteilt, als man sie fand. Mehr als eine Woche waren sie da auf dem Meer gewesen. Der Zustand der Flüchtlinge auf einem Boot war besonders schlecht, erzählt Åkermark. Viele konnten nach Tagen des gedrängten Sitzens kaum mehr gehen, sie hatten offensichtlich lange schon kein Wasser mehr.

          Åkermark zog sie mit seinen Kollegen an Bord. Die Kinder schrien, wenn er sie aus den Armen ihrer Eltern hob. Insgesamt brachten die Schweden mehr als 500 Flüchtlinge nach Catania. „Genaugenommen 504 plus 1“, sagt Åkermark. Eine Frau nahmen sie tot an Bord. Sie starb vermutlich an Dehydration.

          Einen Tag später ist im Hafen Catanias von der Ankunft der Flüchtlinge fast nichts mehr zu sehen. Blaue Eisenzäune stehen verwinkelt am Hafenkai, wo Ärzte die Flüchtlinge in Empfang nahmen und die italienischen Behörden sie registrierten, Fingerabdrücke nahmen und Fotos machten. Leere Wasserflaschen und ein Paar Plastikhandschuhe liegen am Boden. Die Flüchtlinge wurden in ein Aufnahmelager gebracht.

          Auch auf dem schwedischen Schiff ist nicht mehr viel von der Rettung zu erkennen. Nach der Ankunft wurde es lange gereinigt, sagt Åkermark. Desinfizieren, Salzwasser, Desinfizieren, wieder Wasser, gut sechs Stunden lang. Jetzt ist das Schiff bereit. Die Sonne brennt schon in der Frühe auf der Haut, die Stadt erwacht mit Straßenlärm. Kein Wind. Åkermark steht an Deck, die Haut mehr rot als braun, sein Bauch drückt sich über den Gürtel. Er holt die Leinen ein. Und das Schiff der schwedischen Küstenwache läuft wieder aus ins Mittelmeer.

          Letzte Etappe auf dem Weg nach Europa

          Seit Jahren ist das Mittelmeer die letzte Etappe für Abertausende Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa. Für viele ist es zu einem Friedhof geworden. Immer wieder werden Flüchtlinge von einem der europäischen Schiffe gerettet, die im Mittelmeer kreuzen. Schiffe wie jenes der schwedischen Küstenwache, das „Poseidon“ getauft wurde, so wie der griechische Gott des Meeres.

          Die „Poseidon“  der schwedische Küstenwache im Mittelmeer vor Sizilien.

          Auf der Brücke der „Poseidon“ steht der italienische Lotse, Sonnenbrille auf der Nase und Kaffeetasse in der Hand, und führt das Schiff aus dem Hafen. Auf den Bildschirmen blinken Zahlenreihen auf, die Kaffeemaschine läuft, in einer Ecke steht eine Yukka-Palme in ihrem Topf. Die Poseidon ist 81 Meter lang und 16 Meter breit. Hier oben sind die Motoren nicht zu spüren, wie in Watte gehüllt bewegt sich das Schiff weg vom Kai.

          Der Lotse zeigt ein paar Schiffe im Hafenbecken. Es sind Schiffe von Schleppern. Keines sieht so aus, als könnte es sich noch aus eigener Kraft bewegen. Eines hat so kräftig Schlagseite, dass es wie ein Wunder anmutet, dass es überhaupt noch schwimmt. Der Lotse erzählt von einem der Boote, das vor zwei Jahren vor Catania auftauchte. Es lief vor dem Strand auf eine Sandbank auf. Von den etwa 100 Flüchtlingen versuchten einige an Land zu stürmen. Sechs ertranken bei dem Versuch, nur wenige Meter vor dem Ziel.

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