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Missbrauchs-Skandal in England : In einem verdorbenen Land

Untersuchungen und Ermittlungen bringen immer neue Einzelheiten, vor allem aus den siebziger und achtziger Jahren, ans Tageslicht, die eine verbreitete Ignoranz gegenüber dem Phänomen des Kindesmissbrauchs illustrieren. Savile mit seinen Hunderten Opfern ist nur der unglaublichste aller Fälle. Mehrere weitere Prominente der siebziger und achtziger Jahre wurden inzwischen wegen ähnlicher Taten verurteilt, zuletzt der Pop-Musiker Gary Glitter.

Seit Jahren ermittelt die Polizei auch im Umkreis von Westminster, wo die Spuren eines verzweigten Pädophilenrings zusammenlaufen. Mehrere Schuldige sind mittlerweile identifiziert, darunter der verstorbene liberaldemokratische Abgeordnete Cyril Smith sowie der ebenfalls verstorbene frühere Botschafter und Geheimdienstchef Sir Peter Hayman. Neue Zeugen, die derzeit vernommen werden, könnten das Tableau um weitere Namen erweitern.

Wurden die Täter von staatlichen Institutionen gedeckt?

Der Verdacht, dass die Täter von staatlichen Institutionen gedeckt wurden und womöglich immer noch geschützt werden, ist nicht abwegig. Im vergangenen Juli musste das Innenministerium zugeben, dass mehr als hundert Akten, die entsprechende Hinweise enthalten hatten, verschwunden sind - „vermutlich vernichtet, verloren oder unauffindbar“. Vermisst wird unter anderem das Dossier, das der konservative Abgeordnete Geoffrey Dickens in mehrjähriger Kleinarbeit recherchiert und 1983 dem damaligen Innenminister, seinem Parteifreund Leon Brittan, ausgehändigt hatte.

Es enthielt Aussagen von Opfern - und die Namen der Täter. Dickens wurde nach eigenen Angaben mit dem Tode bedroht, nachdem er im Unterhaus gefragt hatte, warum Hayman nicht strafverfolgt werde. Von Drohungen spricht, dreißig Jahre später, auch der Labour-Abgeordnete Simon Danczuk. Ein Tory-Minister habe ihn „unter Druck“ gesetzt, den Namen Brittan nicht fallenzulassen, als er im vergangenen Sommer vor einem Parlamentsausschuss aussagte. Nicht einmal enge Weggefährten Margaret Thatchers wollen eine Verschleierung ausschließen.

Auf die Frage, ob man es womöglich mit einer staatlichen Vertuschungsaktion zu tun habe, sagte der frühere Minister Norman Tebbit vor einigen Monaten: „Das kann gut sein“ - und fügte an: „Damals dachten die meisten Leute, dass das Establishment, das System geschützt werden müsse und dass es, wenn mal ein paar Sachen schieflaufen, wichtiger ist, das System zu schützen, als zu tief in die Sachen einzusteigen.“

Was bisher bekannt sei, sagte Innenministerin Theresa May im vergangenen Sommer, sei nur die „Spitze des Eisbergs“. Die öffentliche Untersuchung, die sie auf den Weg brachte, kreiste bisher allerdings weniger um den Pädophilie-Skandal als um sich selbst. Gleich zwei Vorsitzende musste May aus dem Rennen nehmen. Beiden Kandidatinnen - Baroness Butler-Sloss und Fiona Woolf - wurde von den Medien zu viel Nähe zum Establishment und damit ein „Interessenkonflikt“ vorgeworfen. Im Februar berief May nun endlich eine neue Untersuchungsleiterin. Lowell Goddard kann so schnell niemand Nähe zum System unterstellen. Sie war Richterin in Neuseeland.

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