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Migration : Jede Woche kommt ein Dorf

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Er ließ sogar die Zahl der Grenzwächter verringern. Lukaschenka hatte schon zuvor wiederholt damit gedroht, die Schleusen für die illegale Migration zu öffnen, falls der Westen nicht aufhöre, Weißrussland politisch anzugreifen. Anderseits ist der Oberst in Brest bemüht, die Leistungsfähigkeit des weißrussischen Grenzschutzes herauszustellen. Einmal in Fahrt gekommen, zeigt er eine Karte, auf der Weißrussland in drei Zonen unterteilt ist: das unmittelbare Grenzgebiet, der grenznahe Raum und das restliche Weißrussland. Überall hielten sich Menschen auf, die im Verdacht stünden, das Land als Durchgangsstation für illegale Einwanderung in den Westen nutzen zu wollen, sagt er.

Das Kartenwerk ist mit recht genauen Zahlenangaben über die Menge der potentiellen illegalen Migranten auf dem Stand von 2012 versehen. Demnach warteten mehr als 20.000 auf ihre Chance, gen Westen weiterzureisen. „Wir wissen das alles und haben alles im Griff“, sagt der Oberst stolz. Dann trägt er die eigentliche Botschaft vor: Es sei an der Zeit, dass Brüssel mehr Geld zur Unterhaltung und Modernisierung der alten sowjetischen Grenzanlagen beisteuere, sagt der weißrussische Grenzschützer.

„Deren Asylantenheime reichen doch nie und nimmer aus“

Ein Vierteldollar je Grenzkilometer sei viel zu wenig, und die Grenzanlagen seien ja nicht nur zum Schutz des weißrussischen Territoriums da, sondern auch der Westeuropäer vor ungewollten Migranten. Noch seien Grenzübertritte über die grüne Grenze eine Seltenheit, sagt er zur Untermauerung seiner Forderung nach Geld. Von den etwa 19.000 „Polen-Reisenden“, wie er sie nennt, seien im vergangenen Jahr zwar 11.000, meist Tschetschenen, auf der anderen Seite der weißrussischen Grenze abgewiesen und nach Weißrussland zurückgeschickt worden.

Aber die restlichen 8.000 seien ja wohl noch in Polen, und der Andrang aus Tschetschenien nehme ständig zu. „Was machen die Polen eigentlich mit den Tschetschenen, die sie als Asylbewerber ins Land lassen?“, fragt der Oberst. „Deren acht Asylantenheime für jeweils höchstens 300 Menschen reichen doch nie und nimmer aus, um diese Menschenmengen aufzunehmen.“ Im Zug nach Terespol sitzen die Menschen bunt gemischt durcheinander.

Aber während der 15 Minuten, die er in Richtung Terespol zuckelt, kann man mit jeder Minute, die vergeht, mehr und mehr spüren, wie die Anspannung unter den Kaukasiern zunimmt. Sie reden nur noch miteinander und vermeiden sogar den Blickkontakt mit anderen Mitreisenden. Nur Mowladi, ein Tschetschene aus der Gegend von Grosnyj, erzählt im Durchgang zwischen zwei Wagen bei einer Zigarette ungefragt, dass die Personaldokumente und alles Geld seiner Familie in Moskau gestohlen worden seien.

Hinter Nato-Draht: Ein Lager für Abschiebehäftlinge in Biala Podlaska
Hinter Nato-Draht: Ein Lager für Abschiebehäftlinge in Biala Podlaska : Bild: Natalja Golub

Seine Frau und fünf Kinder sitzen im Abteil nebenan. Nur die Reisepässe seien ihnen geblieben, sagt Mowladi. Vielleicht habe der Dieb Mitleid gehabt, die Pässe brauchen sie schließlich, um bis Terespol zu kommen. Der Tschetschene will wissen, was er den Polen denn nun sagen solle. Offensichtlich ist er auf der Suche nach einer glaubhaften Geschichte für das Verhör, das ihn wie andere Asylbewerber bald erwartet, einer Geschichte, die ihm die Tür zur Europäischen Union öffnet. Ein Schengenvisum hat Mowladi für seine Familie nicht.

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