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Michail Chodorkowskij : Nichts wie weg

  • -Aktualisiert am

Auge in Auge: Putin und Chodorkowskij im März 2002 im Kreml Bild: dpa

Während Michail Chodorkowskij nach zehn Jahren Haft als erstes Ziel Deutschland ansteuerte, wird unter Russlands Oppositionellen schon spekuliert. Welche Rolle könnte er künftig spielen?

          3 Min.

          Am Ende ging die Befreiung von Russlands berühmtestem Gefangenen sehr schnell. Kurz nachdem Präsident Wladimir Putin am Freitagmorgen den Gnadenerlass für Michail Chodorkowskij unterschrieben hatte, durfte der ehemalige Oligarch das Straflager Segescha nahe der finnischen Grenze verlassen und ein Flugzeug nach Deutschland besteigen. Die vergangenen zehn Jahre seines Lebens hat Chodorkowskij in Untersuchungsgefängnissen, Lagern und Gerichtssälen verbracht. Man kennt gar keine anderen Bilder mehr von ihm als solche hinter Gitterstäben oder dicken Panzerglasscheiben in den Käfigen, in denen in Russland auch wegen Wirtschaftsdelikten Angeklagte während der Prozesse hocken müssen, wenn es dem Richter gefällt.

          Chodorkowskij ist im Gefängnis 50 Jahre alt geworden, er hat seine vier Kinder nicht aufwachsen sehen und sich bisher trotzdem standhaft geweigert, seine Schuld einzugestehen und den jeweiligen Präsidenten – Putin, Medwedjew, dann wieder Putin – um Gnade zu bitten. Der frühere Chef des Erdölkonzerns Yukos hat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Schadensersatz wegen erniedrigender Behandlung und unzulässig langer Untersuchungshaft erstritten. Dass der erste Prozess gegen ihn und seinen Geschäftspartner Platon Lebedew wegen Unterschlagung und Steuerhinterziehung politisch motiviert war, wollte das Gericht in einem Urteil von 2011 allerdings nicht als erwiesen ansehen.

          Gelungene Überraschung

          Als Chodorkowskij und Lebedew 2010 auch noch in einem zweiten Verfahren schuldig gesprochen wurden, Erdöl im Wert von 27 Milliarden Dollar abgezweigt und zum eigenen Vorteil verkauft zu haben, sagte er: „Dieses Urteil wurde im Kreml beschlossen.“ Chodorkowskijs Haftzeit hätte am 23. August 2014 geendet, doch kündigte die Staatsanwaltschaft vor einiger Zeit neue Ermittlungen an; viele rechneten mit der Fortsetzung der Gerichtsfarce in einem dritten Prozess. Die Überraschung mit der Begnadigung ist Putin deshalb gelungen. Nach zähen vier Stunden Pressekonferenz rechnete am Donnerstag niemand mehr mit einer Sensation. Dann präsentierte der Präsident sein Weihnachtsgeschenk.

          Chodorkowskij habe ein Gnadengesuch eingereicht, sagte Putin wie beiläufig auf die Frage eines Journalisten, als er schon auf dem Weg aus dem Saal war – und er gedenke es zu unterschreiben. Chodorkowskij habe zehn Jahre Strafe abgesessen, eine ordentliche Zeit. Nun habe er wegen seiner kranken Mutter um Straferlass gebeten. Über die Umstände der Entstehung dieses Gnadengesuchs wurde sofort wild spekuliert. Weder Chodorkowskijs Anwälte noch seine Familie hatten offenbar davon gewusst. Er habe es im Radio erfahren, berichtete Chodorkowskijs betagter Vater. Sein Anwalt sagte gar, Chodorkowskij habe kein Gnadengesuch eingereicht. Wenig später korrigierten seine Pressesprecher, man könne zurzeit nichts kommentieren. Offenbar wusste man nichts.

          Kampf gegen Putin

          Die liberale Tageszeitung „Kommersant“ berichtete, Geheimdienstmitarbeiter hätten im Straflager mit Chodorkowskij gesprochen – ohne dessen Anwälte. Vom Gesundheitszustand der 79 Jahre alten und an Krebs erkrankten Mutter Chodorkowskijs sei bei diesem Gespräch die Rede gewesen und auch von dem drohenden dritten Prozess. Daraufhin habe sich Chodorkowskij entschlossen, das Gesuch an Putin zu richten, um sich weitere Jahre Haft zu ersparen. Diesen Hergang halten viele Beobachter für wahrscheinlich. Der nationalbolschewistische Literat und Politaktivist Eduard Limonow vermutete, Putin habe Chodorkowskij mit der Androhung weiterer Haftjahre einschüchtern lassen, um ihn zum Unterschreiben eines Gesuchs zu drängen.

          Der Sprecher Putins stellte noch am Donnerstag auf Anfrage klar, dass jedes Gnadengesuch an den Kreml per definitionem einem Schuldeingeständnis gleichkomme, auch wenn dies darin nicht explizit formuliert sei. Chodorkowskij kam wie andere sogenannte Oligarchen in den neunziger Jahren schnell zu großem Reichtum, indem er ehemaliges Staatseigentum zu günstigen Preisen erwarb. Das Mitleid der Bevölkerung mit ihm hielt sich deshalb während des ersten Prozesses sehr in Grenzen. Und selbst den zweiten Prozess, der gewaltige internationale Aufmerksamkeit auf sich zog, nahmen viele Russen kaum zur Kenntnis. Als er noch einer der reichsten Männer Russlands war, hatte Chodorkowskij mit einer Stiftung auch Oppositionsparteien unterstützt. Wodurch genau er den Zorn des damaligen Präsidenten Putin auf sich gezogen hat, ist allerdings nie ganz aufgeklärt worden.

          Mit Hilfe seines Presse- und Informationszentrums khodorkovsky.ru hat sich der ehemalige Oligarch aus dem Gefängnis heraus nicht nur im Gespräch gehalten, sondern sich auch publizistisch am Kampf der Opposition gegen Putin beteiligt. Nach der Nachricht über die Begnadigung wurde in Moskau sofort darüber diskutiert, welche Rolle der freigelassene Chodorkowskij künftig unter russischen Regierungsgegnern spielen könnte. Die Menschenrechtlerin Ludmila Aleksejewa von der Helsinki-Gruppe wurde mit den Worten zitiert, sie würde Chodorkowskij gern als Mitstreiter gewinnen. Wenig später korrigierte sie sich: Sie habe ihn nicht zur Mitarbeit auffordern wollen. Der ehemals berühmteste Gefangene Russlands flog am Freitag umgehend nach Berlin. Ob Chodorkowskij sich nun – wie andere gefallene Oligarchen vor ihm – dauerhaft ins Ausland absetzt, wusste am Freitag noch niemand zu sagen.

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