https://www.faz.net/-gq5-7ko21

Michael Chodorkowskij in Berlin : „Das wichtigste ist Freiheit, Freiheit, Freiheit“

  • Aktualisiert am

Michail Chodorkowskij 2010 im Moskauer Chamownitscheski-Gericht Bild: dpa

Aus den ersten öffentlichen Worten Michael Chodorkowskijs spricht Erleichterung. Auf einer Pressekonferenz will er sich am Sonntag zu seinen Zukunftsplänen äußern. Zunächst aber gehört er seiner Familie.

          Michael Chodorkowskij hat sich erstmals nach seiner Freilassung aus russischer Haft öffentlich geäußert. Der kreml-kritischen Zeitschrift „The New Times“ sagte er am Telefon, nach zehn Jahren in Haft empfinde er ein „unglaubliches Gefühl der Freiheit“. Er sei allen dankbar, die geholfen hätten, damit er das Straflager verlassen könne. „Das Wichtigste“, sagte er weiter, „ist jetzt: Freiheit, Freiheit, Freiheit.“

          Chodorkowskij will sich am Sonntag in Berlin detailliert zu seinen Zukunftsplänen öffentlich äußern. Vorab kündigte er bereits an, sich für andere Häftlinge in Russland einzusetzen. „Es gibt noch viel zu tun, die Freilassung der Geiseln, die noch im Gefängnis sind, vor allem Platon Lebedew.“

          Lebedew war Geschäftspartner des einstigen Ölmilliardärs, der mit ihm unter anderem wegen Steuerbetrugs verurteilt worden war. Menschenrechtler haben Chodorkowskij bereits eine führende Rolle beim Aufbau der Zivilgesellschaft in Russland angeboten. Der 50 Jahre alte ehemalige Oligarch lud für Sonntagmittag zu einer Pressekonferenz ein. Sie soll um 13 Uhr im Mauermuseum in der nähe des ehemaligen Grenzübergangs Checkpoint Charlie stattfinden. Am Samstag wollte sich Chodorowskij zunächst um seine Familie kümmern.

          Chodorkowskij wurde am Berliner Flughafen Schönefeld vom früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher begrüßt Bilderstrecke

          Die Eltern des freigelassenen Kreml-Kritikers Michail Chodorkowskij sind am Samstag in Berlin eingetroffen. Seine Mutter Marina und sein Vater Boris landeten an Bord einer Linienmaschine aus Moskau, wie ein Sprecher der Familie der dpa mitteilte.

          Der Putin-Kritiker hatte sich nach in Berlin zuvor bereits mit seinem ältesten Sohn getroffen.Pawel Chodorkowskij, der in New York lebt, hatte über den Kurznachrichtendienst Twitter geschrieben: „Mein Vater ist frei und sicher in Deutschland. Dank an Euch alle, die Ihr meine Familie über all die Jahre unterstützt habt!“

          Chodorkowskijs Mutter ist an Krebs erkrankt. Der ehemalige Oligarch hatte vergangenen Monat die Befürchtung geäußert, er werde sie womöglich nie wiedersehen. Nach Worten von Deutschlands ehemaligen Außenminister Genscher, der die Ausreise wesentlich vorangetrieben hatte, war Chodorkowskij nicht bewusst, dass seine Mutter, die in Deutschland behandelt worden sei, zwischenzeitlich nach Russland zurückgekehrt sei.

          Chodorkowskij selbst hatte nach seiner Ankunft in Berlin erklärt, er habe Putin um Gnade ersucht, damit sei aber kein Schuldeingeständnis verbunden. Ihm wurde unter anderem Steuerhinterziehung vorgeworfen. Kritiker sprachen dagegen von politisch motivierten Prozessen, weil der einstmals reichste Mann Russlands Putin herausgefordert hatte.

          Regulär hätte Chodorkowskij nach zwei international umstrittenen Urteilen im August 2014 in Freiheit kommen sollen. Der frühere Chef des Ölkonzerns Yukos war unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Diebstahls verurteilt worden.

          Die Vereinigten Staaten begrüßten am Samstag die Freilassung des russischen Regierungskritikers. Außenminister John Kerry rief Russland allerdings zugleich auch dazu auf, mehr für die Beachtung der Menschenrechte zu tun. Dazu müssten Reformen vorangebracht werden, die ein „transparentes, unabhängiges und verlässliches Rechtssystem“ garantieren, erklärte Kerry.

          Die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert ein dauerhaftes Bleiberecht für Chodorkowskij in Deutschland. Wenn er dies wolle, sollte die Bundesregierung ihm einen Aufenthalt ermöglichen, sagte sie der „Passauer Neuen Presse“ (Samstag). Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko forderte Präsident Viktor Janukowitsch in der „Bild“-Zeitung auf, Putins Beispiel zu folgen und die inhaftierte ehemalige Regierungschefin Julia Timoschenko ebenfalls zu begnadigen.

          Weitere Themen

          Diese Russland-Sache

          Mueller-Bericht : Diese Russland-Sache

          Sex, Lügen und eigenartige Treffen: Viele Ergebnisse der Ermittlungen von Sonderstaatsanwalt Mueller lassen Donald Trump und seine Umgebung in einem eigenartigen Licht erscheinen.

          „Frage nach Amtsenthebung sollte vom Tisch sein“

          Mueller-Bericht : „Frage nach Amtsenthebung sollte vom Tisch sein“

          Der Bericht von Sonderermittler Robert Mueller ist da – und Donald Trump sieht sich bestätigt, keine Fehler begangen zu haben. Warum wir von Mueller trotzdem noch mehr hören werden, erklärt sein Biograph Garrett Graff im Interview.

          Steht die Terrormiliz vor dem Ende? Video-Seite öffnen

          „Islamischer Staat“ : Steht die Terrormiliz vor dem Ende?

          Nach wochenlangen Kämpfen eroberten die Syrischen Demokratischen Kräfte den Ort Baghus nahe der irakischen Grenze. Mit Anschlägen in allen Teilen der Erde versetzen die Islamisten die Welt immer wieder in Angst und Schrecken.

          Topmeldungen

          Brexit-Debatte im Unterhaus : May will weiter um Mehrheit werben

          Die britische Premierministerin kündigt im Unterhaus an, weiterhin für einen geordneten Austritt Großbritanniens kämpfen zu wollen – auch wenn sie für ihr Abkommen immer noch nicht die nötige Mehrheit habe. Rücktrittsforderungen erteilt May eine Absage.

          Im Fußball zählen Siege : Mut zum Volltreffer!

          Zuletzt gab der deutsche Fußball ein desolates Bild ab. Nun aber meldet er sich mit einem eindrucksvollen Signal zurück auf der Bildfläche. Das zeigt, was es vor allem braucht für eine erfolgreiche Zukunft.

          Trump und der Mueller-Bericht : Frohlocken im Weißen Haus

          Ihrer eigenen Obsession mit der Russland-Untersuchung haben die Demokraten es zu verdanken, dass Trump nun derart auftrumpfen kann. Im Jubel seiner Fans geht jedoch Wichtiges unter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.