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Nach Kämpfen in Mazedonien : Vom Beitrittskandidaten zum Sicherheitsrisiko

Reiterstatue Alexanders des Großen in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Am Wochenende brachen im Land blutige Kämpfe aus. Bild: Frank Röth

Mazedonien war der Musterstaat des Balkans. Mehrfach riet die EU-Kommission zu Beitrittsgesprächen, was Griechenland jedesmal verhinderte. Nun nähert sich das Land nach blutigen Kämpfen am Wochenende wieder der Bürgerkriegszeit von 2001.

          Wenn Mazedoniens Außenminister Zeit hat, führt er seine Gäste gern auf die Dachterrasse seines Ministeriums. Das mazedonische Außenministerium sieht aus wie ein Spielcasino in Las Vegas und fügt sich damit harmonisch in die Umgebung ein, denn Mazedoniens Ministerpräsident Nikola Gruevski lässt Skopje seit Jahren systematisch antikisieren, wie seine Hofarchitekten das nennen. Dutzende neue Gebäude in einem pseudoklassizistischen Laisser-faire-Stil sind in der Hauptstadt entstanden, weitere werden gebaut: Behörden, Ministerien, Hotels, sogar Parkhäuser entstehen hinter Fassaden mit dorischen oder ionischen Säulen. Dazu Brunnen, Brücken, mehrere hundert Denkmäler, ein dem Pariser Vorbild nachempfundener Triumphbogen mit Aufzug und einem fensterlosem Restaurant sowie ein fast 30 Meter hohes, von Fontänen umgebenes Reiterstandbild Alexanders des Großen, das nachts zu den Klängen von Wagners Walkürenritt vielfarbig angestrahlt wird.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          In ähnlichem Stil sind auch mehrere neue Museen und ein Nationaltheater errichtet worden. Wo nicht neu gebaut werden kann, werden antikisierende Fassaden vor die existierenden Gebäude gesetzt, ganze Mietskasernen verschwinden dahinter. Vom Dach des Außenministeriums wird der Umfang des gigantomanischen Bauprojekts in seiner Mischung aus Zuckerbäckerstalinismus und Disneyland erst richtig sichtbar. Auf ästhetische Diskussionen lässt sich Nikola Poposki aber ungern ein. „Man kann das mögen oder nicht, aber es gibt jetzt endlich etwas zu sehen hier. Viele Touristen kommen, um das neue Skopje zu besichtigen“, sagt Mazedoniens Außenminister, während er seinem Gast die einzelnen Bauprojekte in der Innenstadt erläutert.

          Kämpfe mit Albanern am vergangenen Wochenende

          Später im Ministerbüro geht es dann nicht mehr um Mazedoniens eingebildete Antike, sondern ganz um das triste Hier und Jetzt in dem gut zwei Millionen Einwohner zählenden Balkanstaat. Im Gespräch erläutert Poposki die Schwierigkeiten der südlichsten aus dem Zerfall Jugoslawiens entstandenen Republik, gelegen zwischen Griechenland, Bulgarien, Serbien, dem Kosovo und Albanien. Das Interview fand noch vor dem Blutvergießen von Kumanovo statt, bei dem am Wochenende nach staatlichen Angaben mindestens acht mazedonische Polizisten und 14 bewaffnete Albaner getötet wurden, doch die blutigen Ereignisse lassen die Worte des Ministers nicht veraltet erscheinen – sie bestätigen sie vielmehr.

          „Mazedonien hat in sechs EU-Fortschrittsberichten die Empfehlung bekommen, Beitrittsverhandlungen zu beginnen. Aber nie wurde diese Empfehlung befolgt“, stellt Poposki einleitend fest. Tatsächlich hat Griechenland den Beginn von Gesprächen stets blockiert, weil sich in Athen bis auf die daueroppositionellen Kommunisten alle Parlamentsparteien einig sind, dass Mazedonien erst seinen Namen ändern müsse, bevor es der Nato beitreten oder Beitrittsgespräche mit der EU aufnehmen könne. Alexander der Große, so die Athener Begründung, sei schließlich Grieche gewesen und der Begriff „Mazedonien“ ein exklusiver Bestandteil der griechischen Geschichte, weshalb schon die Existenz eines Staates unter diesem Namen eine unannehmbare Provokation des griechischen Nationalstolzes sei.

          Westintegration durch Griechenland blockiert

          So ist Mazedoniens Weg zur Westintegration seit Jahren blockiert. Das blieb nicht folgenlos. Das Land hat die einstige Vorreiterrolle auf dem Balkan längst eingebüßt und fällt immer weiter zurück. Korruption und autoritäres Gebaren der Regierung haben den einstigen Reformeifer verdrängt. Heute erinnert die Lage unheilvoll an das Jahr 2001, als nur das energische Eingreifen der Vereinigten Staaten, der EU und schließlich der Nato verhinderte, dass aus den Kämpfen zwischen albanischen Freischärlern und staatlichen Sicherheitstruppen der slawisch-mazedonischen Bevölkerungsmehrheit ein ausgewachsener Bürgerkrieg wurde. Mazedonien, Beitrittskandidat seit 2005, sitzt seit einem Jahrzehnt im europäischen Vorzimmer, doch das Land ist während des langen Wartens auf den Beginn von Beitrittsverhandlungen nicht reifer und demokratischer geworden, im Gegenteil. Mag Mazedonien 2005 noch reif für den Beginn von Beitrittsverhandlungen gewesen sein, 2015 ist es das nicht mehr.

          „Wir vollbringen hier schon Wunder, indem wir die europäische Agenda hochhalten, obwohl wir seit Jahren keine Glaubwürdigkeit im Beitrittsprozess mehr sehen“, sagt Poposki dazu. „Die Kommission, die nicht nur die Interessen der Mitgliedsstaaten, sondern auch die der gesamten EU vertritt, sagt seit Jahren, Mazedonien solle mit den Beitrittsverhandlungen beginnen, aber dazu kommt es nicht, weil ein Mitgliedsstaat das ablehnt. Das ist eine große Enttäuschung für die europäischen Ambitionen der Menschen hier“, sagt der Minister und kritisiert den Nachbarn im Süden deutlich: „Athen verlangt von den anderen Staaten, auf Griechenlands Seite zu sein, fordert selbst aber von einem demokratischen Land, Namen, Identität, Nationalität und Sprache zu ändern. Das ist verrückt.“

          „Nord-Mazedonien„ oder „Ehemaliger Teil Jugoslawiens“?

          Zwar finden unter Vermittlung der Vereinten Nationen seit nunmehr zwei Jahrzehnten Verhandlungen über die „Namensfrage“ statt, doch da die Gespräche hinter verschlossenen Türen geführt werden, ist schwer zu ergründen, wer sie immer wieder blockiert. In den Vereinten Nationen wird Mazedonien offiziell als „Former Yugoslav Republic of Macedonia“ (Fyrom) geführt. Über eine Änderung des Staatsnamens, etwa in „Nord-Mazedonien“ oder „Ober-Mazedonien“, könne man sich noch einigen, ist in Skopje zu hören. Doch Griechenland verlange Unmögliches: Athen wolle, dass die Mazedonier auch sich selbst und ihre Sprache umbenennen und dies in der Verfassung festschreiben.

          Wer im griechischen Außenministerium nachfragt, erhält jedoch die Versicherung, das sei nicht wahr, Griechenland gehe es allein um eine Änderung des Staatsnamens. „Das ist eine Lüge“, antwortet Poposki. „Dieses Ziel haben die Griechen doch vor 20 Jahren bereits erreicht. Wir sind schließlich nicht unter unserem verfassungsmäßigen Namen Mazedonien UN-Mitglied, sondern als Fyrom.“

          Nüchtern skizziert Poposki die Lage seines Landes: „Ich sehe für ein Land von zwei Millionen Einwohnern ohne Meerzugang keine Strategie, die glaubwürdig genug wäre, mit der Perspektive einer Mitgliedschaft in EU und Nato zu konkurrieren. Leider weiß man das auch in Europa uns sagt sich dort: ,Diese Jungs haben sowieso keine bessere Option, also lasst uns mit dem derzeitigen Rezept weitermachen.'“ Nur gründe diese Haltung auf dem gefährlichen Irrtum, Mazedonien werde schon irgendwie stabil bleiben, warnte Poposki in einem Gespräch mit der F.A.Z., bevor das Blutvergießen von Kumanovo seine Worte bestätigte.

          Albanische Minderheit strebt in die EU

          Artan Grubi gehört zu den mächtigsten Politikern der albanischen Minderheit in Mazedonien. Gut ein Viertel der Bevölkerung des Landes sind Albaner. Grubi ist Parlamentsabgeordneter und Bürochef von Ali Ahmeti, dem Vorsitzenden der „Demokratischen Union für Integration“. So heißt die größte Albanerpartei des Landes, die seit Jahren Juniorpartnerin in der Regierung des mächtigen Ministerpräsidenten Nikola Gruevski ist. Während der blutigen Gefechte 2001 befehligte Ahmeti die Freischärler der nach kosovarischem Vorbild gegründeten „Nationalen Befreiungsarmee (UCK), deren albanische Kämpfer Terroranschläge auf mazedonische Polizisten und Soldaten verübten.

          Grubi warnt ebenfalls davor, die Folgen der seit Jahren blockierten Integration Mazedoniens in die Nato zu unterschätzen. „Wir haben oft versucht, die Staatengemeinschaft darauf hinzuweisen, wie wichtig diese Sache ist. Die ausbleibende EU- und Nato-Integration schafft eine tiefe Kluft zwischen Albanern und Mazedoniern. Wir als Albaner wollen zu 99 Prozent der EU und der Nato beitreten, und wir werden dieses Ziel nicht aufgeben.“ Anders als den slawischen Mazedoniern ist es den mazedonischen Albanern nicht wichtig, wie das Land heißt, in dem sie leben, bestätigt Grubi. „Wir würden jede Lösung akzeptieren, die uns als Albaner in die Nato und die EU bringt.“

          Szenarien wie in der Ukraine

          Doch Griechenland will womöglich gar keine Lösung. Auf dem Nato-Gipfel in Bukarest 2008 setzte sich der damalige amerikanische Präsident George Bush nachdrücklich dafür ein, Mazedonien wenigstens unter dem Kunstnamen „Fyrom“ in die Allianz aufzunehmen. Athen war dagegen. Wenn Griechenland an der Stabilität der Region interessiert sei, sollte es Mazedonien jedoch wenigstens erlauben, Teil der Nato zu werden, so Grubi. „Man sieht ja, was in der Ukraine geschieht: Die Hälfte des Landes hält zum Westen, die andere zum Osten.“

          Eine solche Situation drohe jetzt auch in Mazedonien. Grubi spricht es nicht wörtlich aus, aber es ist klar, was er meint: Sollten die Albaner ihren Wunsch nach Westintegration nicht innerhalb Mazedoniens befriedigen können, werde sie es eben auf andere Weise versuchen. Ein staatlicher Zerfall Mazedoniens mit unabsehbaren Folgen für das Kosovo, Albanien und das albanisch besiedelte Südwestserbien wäre womöglich die Folge. „Wir brauchen das direkte Engagement aus Washington, Berlin, Paris, London“, glaubt Grubi.

          Im Westen gilt der mazedonische Ministerpräsident Nikola Gruevski wegen Korruptionsvorwürfen als politisch angezählt (Aufnahme aus dem Februar).

          Ministerpräsident Nikola Gruevski war im Westen nie beliebt. Seitdem die mazedonische Opposition abgehörte Telefongespräche des Ministerpräsidenten und seiner Umgebung öffentlich gemacht hat, in denen sich systematischer Machtmissbrauch offenbart, gilt Gruevski als angezählt. In Brüssel will fast niemand mehr etwas mit einem Regierungschef zu tun haben, der den Rechtsstaat nicht achtet.

          Doch für die jüngste Eskalation trägt nicht Gruevski allein die Verantwortung. Das Blutvergießen im von Mazedoniern, Albanern und einer kleinen serbischen Minderheit bewohnten Kumanovo deutet vielmehr auf schwere Machtkämpfe unter den Albanern in der Region hin. So war es schon 2001, als Mazedonien vor dem Abgrund des Bürgerkriegs stand. Ali Ahmeti und seine Männer waren damals weitgehend unbekannt in Mazedonien. Erst durch Terror und Anschläge schwangen sie sich gewaltsam zu den „wahren Vertretern“ albanischer Interessen in Mazedonien auf. Blut ebnete Ahmeti den Weg an die Macht, nur haben das viele westliche Diplomaten in Skopje längst vergessen oder nie begriffen.

          Noch ist unklar, für wen oder was die schwer bewaffneten Albaner in Kumanovo standen und was sie planten, doch die seit Monaten wachsende inneralbanische Kritik an Ali Ahmeti könnte etwas mit ihrem Erscheinen zu tun haben. Ahmetis Kämpferruhm von 2001 ist längst verblasst, seine Partei gilt als korrupter Machterhaltungsapparat. Gerade in der Region Kumanovo sind viele einstige Freischärler politisch und materiell unzufrieden. Der am Wochenende dort erschossene Kommandant mit dem Kampfnamen Malisheva, bürgerlich Muhammed Krasniqi, einer der Freischärlerführer von 2001, war schon seit Jahren mit Ahmeti zerstritten.

          Außenstehende können unmöglich in alle Details dieses inneralbanischen Machtkampfes eindringen, doch sicher ist: Es gärt unter den Albanern, vor allem im heiklen Grenzgebiet um Kumanovo. Manche der einstigen Kämpfer sind in kriminelle Geschäfte und Schmuggel verwickelt. Sie sind familiär und wirtschaftlich eng mit den Albanern im angrenzenden Kosovo und im serbischen Presevo-Tal vernetzt. Von dort sollen auch Kämpfer der ominösen Bande stammen, die in Kumanovo jetzt gegen die mazedonische Sonderpolizei kämpfte.

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