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Matteo Renzi : Fast jedermanns Liebling

  • -Aktualisiert am

Bad in der Menge zum Valentinstag: Matteo Renzi Bild: AP

Italiens wahrscheinlicher nächster Regierungschef wird von manchen schon als Heilsbringer gefeiert. Unumstritten ist er aber nicht.

          Vor zwei Jahren hatte der Bürgermeister von Florenz, Matteo Renzi, dieser Zeitung noch gesagt, es gebe keinen schöneren Posten auf dieser Welt als den seinen im Palazzo Vecchio der Fürsten Medici. Das glaubte dem Jungstar der italienischen Politik schon damals niemand. Dann trat der heute 39 Jahre alte Renzi im Dezember 2012 bei den Vorwahlen seines sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) gegen den damaligen Parteichef Pier Luigi Bersani an, um Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten zu werden – und verlor nur knapp gegen den Vertreter des alten Apparats aus Kommunisten und Sozialisten. Seither drängt er mit Macht nach Rom. Kaum war er im Dezember vergangenen Jahres als Bersanis Nachfolger zum PD-Chef gewählt worden, begann Renzi auch schon, an der Tür von Ministerpräsident Enrico Letta zu lauern. Dieser Zeitung sagte er seinerzeit, es falle ihm „schwer, Geduld zu haben“.

          Nun ist er fast am Ziel: Seinen ebenfalls vom christdemokratischen Parteiflügel stammenden Freund Letta hat er auf unsanfte Weise aus dem Amt gedrängt und wird wohl nächste Woche das Staffelholz selbst übernehmen. Der Mann mit dem markanten Leberfleck ist derzeit in Italien fast jedermanns Liebling. Das bestätigt zum einen eine Umfrage, wonach mehr als 55 Prozent der Italiener den Ehemann einer Lehrerin und Vater zweier Schulkinder schätzen. Aber auch bei den Verbänden und Gewerkschaften hat er Freunde. Der Chef der Unternehmervereinigung Giorgio Squinzi nutzte die jüngste Tagung von 600 Unternehmern in Turin dazu, Lettas Regierung Industriefeindlichkeit vorzuwerfen – und Renzi als zupackenden Macher zu loben, der den Ernst der Lage in Italien begriffen habe. Dabei hatte Squinzi noch vor nicht allzu langer Zeit Renzis Stadtpolitik für Florenz kritisiert.

          Scharfe Kritik am vermutlichen neuen Regierungschef kommt derweil aus der „Bewegung 5 Sterne“. Ihr Anführer Beppe Grillo, der seine Mannschaft in Kammer und Senat auf Totalopposition eingeschworen hat, bezeichnet den Wechsel an der Regierungsspitze als „Verrat gegenüber dem Wähler“, der wieder nicht gefragt werde. Genüsslich enthüllte Grillo Details aus Renzis Stadtverwaltung in Florenz: Während der Jungstar sich in Rom um höhere Würden bemühe, habe seine Stadt inzwischen 98 Millionen Euro Schulden angehäuft, und Renzi tue nichts dagegen. Er fehle selbst bei den Gemeinderatssitzungen, „und wenn er kommt, bleibt er höchstens 30 bis 45 Minuten, um selbst etwas zu sagen“. Seit dem Beginn des PD-Vorwahlkampfes vor eineinhalb Jahren sei Renzi „nicht einmal“ mehr im Stadtrat erschienen. Renzi sei nichts weiter als ein „charakterloser Karrierist“, schreibt Grillo in seinem Blog. Ganz uneigennützig sind Grillos Einlassungen allerdings nicht: Sollte der Charismatiker Renzi, der von manchen schon als Erlöser gefeiert wird und über den viele im Moment nichts Negatives hören wollen, tatsächlich Erfolg haben, dann würde Grillos Protestbewegung viel Wind aus den Segeln genommen.

          Demonstrativ sucht er das Gespräch mit den Mitreisenden

          Tatsächlich hat Florenz, wo Renzi im Februar 2009 nach einem großen Sieg über einen früheren Fußballspieler in den Palazzo Vecchio einzog, in den vergangenen Monaten unter dem Ehrgeiz seines Ersten Bürgers gelitten. Das sagt dort auch der Heimatforscher Paulo Paoletti, der Renzi vorwirft, er habe als Bürgermeister kaum mehr als eine Verkehrsberuhigung im Altstadtzentrum durchgesetzt. Ansonsten gebe es wenig Gutes zu berichten: Der Müll in den Straßen werde nicht mehr täglich zusammengefegt. Einige Stadtteile seien verwahrlost. Renzi nutze den Ruhm der Renaissance dazu, selbst vor der ganzen Welt zu glänzen. Maria Bergaglio hingegen, die für eine Werbeagentur arbeitet, findet, Renzi sei es gelungen, einige große Firmen an Florenz zu binden. Als Modestadt gewinne Florenz immer mehr an Bedeutung. Der Tourismus sei im Aufschwung, sagt Maria Bergaglio. Dass die Stadt Schulden habe, liege daran, dass sie seit der Amtszeit von Mario Monti kaum mehr staatliches Geld erhalte.

          In jedem Fall hat Renzi bisher eine glanzvolle politische Karriere hingelegt. Noch als Gymnasiast trat der 1975 in Florenz geborene Matteo in die christsoziale Volkspartei ein und wechselte 1996 zur Bewegung des späteren Ministerpräsidenten Romano Prodi, die 2007 im PD aufging. Als bekennender Katholik schloss sich Renzi den Pfadfindern an, wo er Führungsqualitäten erwarb. Bis heute ist er ein bodenständiger Typ geblieben: In den Ministerien unterhält er sich bisweilen lieber mit den Boten als mit Chefbeamten. Das hat ihm zwischenzeitlich schon Ärger eingehandelt, denn die Beamten sagen offen, schon als Parteichef habe Renzi bei seinen Reformplänen zu selten ihren Rat eingeholt.

          Auch im Zug zwischen Rom und Florenz sucht Renzi in der ersten Klasse des öfteren demonstrativ das Gespräch mit den anderen Passagieren und lässt sich kaum von Sicherheitsleuten abschirmen. Man müsse mit den Menschen reden, sonst könne man auch nichts für sie tun, sagt er dazu. Und während er in Florenz mit dem Fahrrad unterwegs ist, nutzt er in Rom einen Kleinwagen, den er von Parteifreunden leiht und selbst steuert.

          Berlusconi schätzt ihn als Mensch, nicht als Bündnispartner

          Renzi gehört zu jener jungen Generation, die ihr Mobiltelefon keine Minute lang aus der Hand legen – nicht einmal während seiner Rede vor dem erweiterten Parteivorstand am Donnerstagabend, mit der er Ministerpräsident Letta endgültig zum Rücktritt zwang. Er hatte schon zu seinem ersten Satz angehoben, als sein Telefon klingelte. Das sei der TV-Sender „La 7“ gewesen, sagte er nach dem Telefonat. Der habe ihn gebeten, doch noch wenige Sekunden mit der Rede zu warten, denn die Live-Schaltung stehe noch nicht. Dabei stand Renzi mit offenem Hemd vor dem Mikrofon und lachte in heiterer Stimmung, so als wollte er eine Geburtstagsrede halten. Indes ging es darum, den bisherigen Ministerpräsidenten Enrico Letta zu stürzen.

          Mit der Bildung einer Nachfolgeregierung dürfte Matteo Renzi wohl keine Schwierigkeiten haben, wenn ihn Staatspräsident Giorgio Napolitano – wie zu erwarten ist – damit beauftragt. Seine eigene Partei steht fast geschlossen hinter ihm. Auch Koalitionspartner stehen schon bereit, wobei es einiges Gerangel um den künftigen Kurs einer möglichen Koalition gibt. Ein Flügel der linken Bewegung „Linke-Ökologie-Freiheit“ (SEL) hat angekündigt, Teil des Kabinetts sein zu wollen. Das aber könnte zu Problemen mit dem Nuovo Centrodestra (NCD) des bisherigen stellvertretenden Ministerpräsidenten Angelino Alfano führen, der einen zu starken Linksdrall der künftigen Regierung fürchtet. Aus Alfanos Umgebung verlautete am Freitag, eine Fortsetzung der Koalition sei „schon okay, auch mit Renzi“, aber die neue Regierung dürfe ihre gesellschaftspolitischen Positionen bei familienethischen Fragen nicht verändern. Gemeint ist die Homo-Ehe, deren Einführung der NCD ablehnt. Ähnlich argumentiert auch der zur Koalition zählende Rest der Christdemokraten von der Zentrumsunion (UDC). Der PD, heißt es dort, könne zwar seinen Ministerpräsidenten austauschen, aber darüber dürfe das Kabinett Renzi nicht nach „links abwandern“.

          Eindeutige Unterstützung erfährt Renzi von der „Bürgerwahl“ (Scelta Civica), die von Ministerpräsident Mario Monti 2012 gegründet worden war. Man sei mit der Entscheidung der Partei zufrieden, Letta das Vertrauen zu entziehen. „Wir wollten Klarheit bei der politischen Lage“, hieß es bei der Bürgerwahl, „und die haben wir bekommen; Renzi will den radikalen Wandel, und den hat Italien nötig.“ Die oppositionelle „Forza Italia“ des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi fordert dagegen Neuwahlen. Mit Renzi komme der dritte Ministerpräsident in Folge ohne Wahlen an die Macht, und das wolle die Nation nicht, heißt es in der Partei. Berlusconi selbst will an diesem Wochenende die Delegation seiner Partei anführen, die mit Präsident Giorgio Napolitano die formellen Sondierungsgespräche über eine Regierungsbildung führen soll. Von dem Cavaliere ist zwar bekannt, dass er Renzi menschlich schätzt, einen politischen Bündnispartner sieht er in ihm aber nicht.

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