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Matteo Renzi : Fast jedermanns Liebling

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In jedem Fall hat Renzi bisher eine glanzvolle politische Karriere hingelegt. Noch als Gymnasiast trat der 1975 in Florenz geborene Matteo in die christsoziale Volkspartei ein und wechselte 1996 zur Bewegung des späteren Ministerpräsidenten Romano Prodi, die 2007 im PD aufging. Als bekennender Katholik schloss sich Renzi den Pfadfindern an, wo er Führungsqualitäten erwarb. Bis heute ist er ein bodenständiger Typ geblieben: In den Ministerien unterhält er sich bisweilen lieber mit den Boten als mit Chefbeamten. Das hat ihm zwischenzeitlich schon Ärger eingehandelt, denn die Beamten sagen offen, schon als Parteichef habe Renzi bei seinen Reformplänen zu selten ihren Rat eingeholt.

Auch im Zug zwischen Rom und Florenz sucht Renzi in der ersten Klasse des öfteren demonstrativ das Gespräch mit den anderen Passagieren und lässt sich kaum von Sicherheitsleuten abschirmen. Man müsse mit den Menschen reden, sonst könne man auch nichts für sie tun, sagt er dazu. Und während er in Florenz mit dem Fahrrad unterwegs ist, nutzt er in Rom einen Kleinwagen, den er von Parteifreunden leiht und selbst steuert.

Berlusconi schätzt ihn als Mensch, nicht als Bündnispartner

Renzi gehört zu jener jungen Generation, die ihr Mobiltelefon keine Minute lang aus der Hand legen – nicht einmal während seiner Rede vor dem erweiterten Parteivorstand am Donnerstagabend, mit der er Ministerpräsident Letta endgültig zum Rücktritt zwang. Er hatte schon zu seinem ersten Satz angehoben, als sein Telefon klingelte. Das sei der TV-Sender „La 7“ gewesen, sagte er nach dem Telefonat. Der habe ihn gebeten, doch noch wenige Sekunden mit der Rede zu warten, denn die Live-Schaltung stehe noch nicht. Dabei stand Renzi mit offenem Hemd vor dem Mikrofon und lachte in heiterer Stimmung, so als wollte er eine Geburtstagsrede halten. Indes ging es darum, den bisherigen Ministerpräsidenten Enrico Letta zu stürzen.

Mit der Bildung einer Nachfolgeregierung dürfte Matteo Renzi wohl keine Schwierigkeiten haben, wenn ihn Staatspräsident Giorgio Napolitano – wie zu erwarten ist – damit beauftragt. Seine eigene Partei steht fast geschlossen hinter ihm. Auch Koalitionspartner stehen schon bereit, wobei es einiges Gerangel um den künftigen Kurs einer möglichen Koalition gibt. Ein Flügel der linken Bewegung „Linke-Ökologie-Freiheit“ (SEL) hat angekündigt, Teil des Kabinetts sein zu wollen. Das aber könnte zu Problemen mit dem Nuovo Centrodestra (NCD) des bisherigen stellvertretenden Ministerpräsidenten Angelino Alfano führen, der einen zu starken Linksdrall der künftigen Regierung fürchtet. Aus Alfanos Umgebung verlautete am Freitag, eine Fortsetzung der Koalition sei „schon okay, auch mit Renzi“, aber die neue Regierung dürfe ihre gesellschaftspolitischen Positionen bei familienethischen Fragen nicht verändern. Gemeint ist die Homo-Ehe, deren Einführung der NCD ablehnt. Ähnlich argumentiert auch der zur Koalition zählende Rest der Christdemokraten von der Zentrumsunion (UDC). Der PD, heißt es dort, könne zwar seinen Ministerpräsidenten austauschen, aber darüber dürfe das Kabinett Renzi nicht nach „links abwandern“.

Eindeutige Unterstützung erfährt Renzi von der „Bürgerwahl“ (Scelta Civica), die von Ministerpräsident Mario Monti 2012 gegründet worden war. Man sei mit der Entscheidung der Partei zufrieden, Letta das Vertrauen zu entziehen. „Wir wollten Klarheit bei der politischen Lage“, hieß es bei der Bürgerwahl, „und die haben wir bekommen; Renzi will den radikalen Wandel, und den hat Italien nötig.“ Die oppositionelle „Forza Italia“ des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi fordert dagegen Neuwahlen. Mit Renzi komme der dritte Ministerpräsident in Folge ohne Wahlen an die Macht, und das wolle die Nation nicht, heißt es in der Partei. Berlusconi selbst will an diesem Wochenende die Delegation seiner Partei anführen, die mit Präsident Giorgio Napolitano die formellen Sondierungsgespräche über eine Regierungsbildung führen soll. Von dem Cavaliere ist zwar bekannt, dass er Renzi menschlich schätzt, einen politischen Bündnispartner sieht er in ihm aber nicht.

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