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Manuel Valls : Hollandes starker Mann

Der französische Innenminister Manuel Valls blieb hart, als sich der Protest gegen die Abschiebung einer fünfzehnjährigen Schülerin und ihrer Roma-Familie formierte. An der Blamage des zaudernden Präsidenten Hollande ist er darum nicht ganz unschuldig. Geschadet hat es ihm nicht. Bild: AFP

Frankreichs Innenminister Manuel Valls ist die treibende Kraft im Kabinett Hollandes. Er blieb bei der umstrittenen Abschiebung einer jugendlichen Roma hart. Seine Zustimmungswerte steigen, der Glamourfaktor stimmt. Manche sehen ihn schon im Elysée-Palast.

          Der französische Innenminister Manuel Valls hat sich durchgesetzt – anstatt zurückzutreten. Gedroht hatte er sehr wohl damit, die Regierung zu verlassen, sollte der Präsident umfallen und die rechtmäßig ins Kosovo ausgewiesene Roma-Familie zurück ins Land holen. Da war er gerade übernächtigt aus dem Flugzeug in Paris gestiegen, mit tiefen Augenringen und Bartstoppeln im Gesicht. Eine Reise auf die Karibikinseln Martinique und Guadeloupe, auf denen er auch für Ordnung und Sicherheit zuständig ist, hatte er abgebrochen. Denn im Elysée-Palast war Panik ausgebrochen angesichts des anschwellenden Protestes gegen die Abschiebepolitik.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Valls hat sich dem Beschwichtigungskurs des Präsidenten nicht gebeugt. Er bestand darauf, dass die Roma-Familie in Frankreich nichts zu suchen habe, auch wenn protestierende Oberschüler das forderten. Ein bisschen ist er deshalb auch schuld an der blamablen Fernsehansprache Hollandes, die in dem gänzlich unverständlichen Kompromissangebot gipfelte, das 15 Jahre alte Roma-Mädchen Leonarda ohne ihre Familie wieder in Frankreich aufzunehmen - was diese denn auch prompt und obendrein noch öffentlich ablehnte.

          Showeinlagen für die Boulevardpresse

          Nach dieser Affäre ist Valls mehr denn je der starke Mann der Regierung, ein zupackender Innenminister, der anders als der Präsident einen klaren Kurs vorgibt. Die Franzosen danken es ihm mit kontinuierlich steigenden Zustimmungswerten. Jede fünfte Französin, das hat ein Frauenmagazin ermittelt, träumt inzwischen von einem „feurigen Abenteuer“ mit dem Minister. Valls nimmt solche Umfrageergebnisse mit Gelassenheit: „Ich bin verliebt!“, erwiderte er in einer Fernsehsendung. Politik ist auch Show. Für die Fotografen des Hochglanzmagazins „Paris Match“ küsste er seine Auserwählte. Anne Gravoin heißt sie, eine stolze, schlanke Brünette, Inbild der modernen Französin.

          Sie war ein Jugendflirt, aus dem – zunächst – nichts wurde. Sie machte Karriere als international anerkannte Violinistin. Er bekam vier Kinder mit einer anderen. Und fristete ein Außenseiterdasein in der Sozialistischen Partei, die mit seinem Pragmatismus und Modernisierungsdrang nicht viel anfangen konnte. Das war nach seinen politischen Anfängen als Regierungssprecher der Linksregierung Jospin (1997 bis 2001), ein Vorgeschmack darauf, wie schwer es ist, mit einem bunten Haufen aus Grünen, Kommunisten und anderen Linksgläubigen zu regieren.

          Cherchez les femmes!

          Valls hat damals die Schwächen Hollandes kennengelernt, der als Parteichef dem Premierminister den Rücken freihalten sollte – und es nicht vermochte. Nach der Niederlage 2002 konzentrierte sich Valls auf den Pariser Vorort Evry, ein Labor für die französische Multikulti-Gesellschaft. Als Bürgermeister erfasste Valls schnell, dass es einer Leitkultur bedarf, gerade in seiner von Zuwanderung und Religionsvielfalt geprägten Vorstadt. Er kämpfte – erfolgreich – dagegen, dass in bestimmten Vierteln das Warenangebot in den Supermärkten eingeschränkt wurde und etwa Alkohol aus religiösen Gründen aus den Regalen verschwand. Auf seine Erfahrung in Evry geht seine Überzeugung zurück, dass die Linke in der Sicherheits- und Einwanderungspolitik republikanische Kompromisslosigkeit zeigen muss.

          Als Ségolène Royal für die Sozialisten in den Präsidentschaftswahlkampf zog, war er wenig angetan. „Wie lange will dieses Paar noch die Partei dominieren?“, stöhnte er damals. Nun, das Paar ist nicht mehr, aber Hollande ist er mit seinem Ruf nach Erneuerung nicht losgeworden. Den Lockrufen Sarkozys, der sich Valls gern als sozialistische Lichtgestalt ins Kabinett geholt hätte, widerstand er. In den offenen Vorwahlen der Linken im Herbst 2011 trat Valls gegen Hollande an. Überraschend schnell schlug sich Valls im zweiten Wahlgang auf die Seite Hollandes. Angebahnt hatte den Schulterschluss Anne Gravoin, die mit Hollandes Lebensgefährtin Valérie Trierweiler eng befreundet ist. Die beiden Frauen sollen sich angeblich häufiger einschalten, damit es zwischen den Männern nicht kracht.

          Metamorphose zum Mondänen

          Längst schon lebt Valls nicht mehr in Evry, sondern nahe der Bastille in Paris, in einem großzügigen Loft. Böse Beobachter wie die Satirezeitung „Le Canard Enchainé“ behaupten, dass aus den Straßenzügen um die Ministerwohnung Polizisten regelmäßig Stadtstreicher und bettelnde Roma-Kinder verjagen müssen, damit „Madame“ nicht gestört werde. Der Innenminister hat das vehement zurückgewiesen. Aber eine gewisse Metamorphose zum Mondänen kann er nicht leugnen. Er trägt jetzt maßgeschneiderte Anzüge, Hemden mit eingestickten Initialen und edle Seidenkrawatten. Längst ist vergessen, dass er während der Regierung Jospin gern als „Monsieur Darty“ verspottet wurde, da seine bunten Jacken und Krawatten an die Arbeitsuniform der Verkäufer der Haushaltswarenkette erinnerten. Valls gefällt es, sich auch im Kleidungsstil von der Provinzialität des Premierministers Jean-Marc Ayrault abzuheben.

          Neuerdings auch ein Beispiel für gelungene Integration

          Und natürlich hat er dabei politische Hintergedanken. Ihm behagt es, dass er als Nachfolger für den glücklosen Regierungschef gehandelt wird. „Eine Violinistin aus Paris, das verspricht schon mehr Glamour als eine Deutschlehrerin aus der Banlieue von Nantes“, stichelte Anne Gravoin gleich zu Anfang. Inzwischen hat sie sich bei Ayraults Frau entschuldigt. Aber das Bild vom Hochglanzpaar Valls ist geblieben. Fließend Spanisch, Italienisch und Katalanisch spricht der Minister und kann damit in Anspruch nehmen, das europäischste der Kabinettsmitglieder zu sein.

          Über seine Herkunft – er ist der Sohn eines katalanischen Künstlers und einer Schweizer Architektentochter aus dem Tessin – hatte Valls lange nicht gesprochen. Die Freunde wussten, dass er ein großer Fan des FC Barcelona ist. Schließlich hatte sein Großonkel die Hymne des Vereins („Cant el Barça“) komponiert. Aber erst seit er als Innenminister Ausweisungen zu verantworten hat, stellt sich Valls gern als Beispiel für eine erfolgreiche Integration dar. Sein Vater war aus Opposition gegen das Franco-Regime aus Spanien weggezogen und hatte in Paris eine neue Heimat gefunden. Erst mit 20 Jahren – 1982 – wurde Manuel Valls zum Franzosen.

          Weiche Seite, harte Bandagen

          Seine ein Jahr jüngere Schwester Giovanna lebt inzwischen wieder in seiner Geburtsstadt Barcelona. Für die kleine Schwester ist Manuel Valls Beschützer und Retter. Denn, das hat der Minister seinen Biographen anvertraut, Giovanna war als junge Frau heroinsüchtig geworden, hatte den Abstieg in Abhängigkeit und Kriminalität erlebt. Valls holte sie raus aus dem Elend, finanzierte ihre Entziehungskur und steht ihr weiterhin zur Seite. Das zumindest erzählte der Minister. Und gab sich damit eine zutiefst menschliche Seite, die dem obersten Polizeichef Frankreichs nicht spontan zugetraut wird.

          Auf dem Weg nach oben kämpft Valls dagegen mit harten Bandagen. Justizministerin Christiane Taubira hat das zu spüren bekommen, deren Projekte etwa zur Lockerung des Strafvollzugs er regelmäßig torpediert. Für die grüne Ministerin Cécile Duflot ist Valls seit langem ein rotes Tuch. Als er an der Integrationsfähigkeit der Roma zweifelte, hielt sie ihm vor, den Republikanischen Pakt verraten zu haben. Valls ficht das nicht an, genauso wenig wie die Proteste der Oberschüler. Er weiß eine Mehrheit der Franzosen hinter sich. Seine Frau hat einem Magazin schon anvertraut, dass sie sich ganz gut vorstellen könnte, im Elysée-Palast zu wohnen.

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