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Nach Einigung im Gasstreit : Russische Luftnummern

Ein echter Hingucker: Der russische Jagdbomber Suchoi Su-34 Bild: dpa

Russland hat unlängst das neue Leistungsvermögen seiner Streitkräfte demonstriert. Wichtiger als die Ereignisse am Himmel war indes, was sich in Brüssel und einem litauischen Hafenstädtchen zutrug. In beiden Fällen ging es ums Gas.

          Europa erlebt derzeit allerlei Darbietungen der russischen Luftwaffe. Über der Ostsee, am schwedischen Schärengebiet oder auch an Portugals schöner Küste tauchen öfters russische Jets und Fernbomber auf, die interessante Flugmanöver zeigen. Offenbar hat der russische Präsident Wladimir Putin ein Interesse daran, aller Welt das Können seiner Flieger zu demonstrieren. Oder will er bloß von etwas anderem ablenken?

          Vor einigen Jahren war Russlands Armee ein einziger Schrottplatz. Aber das hat sich nun geändert. Putin hat für bessere Bezahlung, Ausbildung und Ausstattung gesorgt. Die Ergebnisse dieses Bemühens konnte der schockierte Westen beim Überfall auf die Krim und im Ukraine-Konflikt bereits besichtigen. Dort traten russische Soldaten mit moderner Ausrüstung und in guter Form auf, was – abgesehen von den Völkerrechtsbrüchen und den Grausamkeiten des Krieges – einen respektablen Eindruck hinterließ.

          Mit den Flugshows der vergangenen Wochen bietet Russland weitere Einblicke in das neue Leistungsvermögen seiner Streitkräfte. Dagegen muss man gar nichts tun, solange sich die Russen an die internationalen Spielregeln halten. Gezielt den Luftraum zu verletzen gehört wohl derzeit nicht zum russischen Flugprogramm. Außerdem waren die Piloten der Nato-Grenzpatrouillen wohl in den meisten Fällen rasch zur Stelle, wenn die Flieger mit der Sowjetstern-Kokarde an ihren Grenzen auftauchten.

          Die sehr schnelle Eingreiftruppe der Nato kommt noch schneller

          Bedauerlich an den Luftnummern ist allerdings, dass sie einen weiteren Rückschritt in die alten, provokativen Szenarien des Kalten Krieges bedeuten. In den europäischen Lüften treffen die Piloten nun nicht mehr auf potentielle Partner, sondern auf mögliche Gegner. Diese Botschaft hat der neue Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg verstanden. Er hat am Dienstag in Brüssel seine Antrittsrede gehalten. Stoltenberg sagte, die Nato werde wachsam sein und „ready to respond“, also bereit, auf Provokationen zu reagieren. Dazu passt die Nachricht, dass die geplante sehr schnelle Eingreiftruppe der Nato nun noch schneller aufgestellt wird als bislang geplant.

          Alle schauten in dieser Woche der Russland-Krise in den Himmel und auf die Flieger. Aber die beiden wichtigeren Ereignisse trugen sich auf Brüsseler Boden und in der Ostsee vor dem litauischen Hafenstädtchen Klaipeda zu. In beiden Fällen ging es ums Gas.

          Gasprom-Gas kostet die Balten nun zwanzig Prozent weniger

          In Brüssel verabredeten Russland und die Ukraine unter der Vermittlung der Europäischen Union zumindest einen Waffenstillstand in ihrem jahrelangen Gasstreit. Die Einigung sorgt dafür, dass die Ukraine wieder russisches Gas bekommt und Russland dafür sein Geld. Trotz Krieg und Streit. Sie ermöglicht im kommenden Winter warme Wohnungen und bringt Energie für die schwächliche ukrainische Wirtschaft. Für die neue Regierung in Kiew könnte es keinen besseren Start geben. Das wird dem Kreml nicht gefallen, aber ganz offenbar braucht Putins Regime die versprochenen Milliardeneinnahmen aus dem Gasvertrag noch dringender als den nächsten Schluck aus der Nationalismus-Pulle.

          Zur selben Zeit, als man in Brüssel am Vertragstext für den vorläufigen Gasfrieden noch feilte, lief in den Hafen von Klaipeda ein Schiffskoloss von fast dreihundert Metern ein. Er hört auf den Namen „Independence“ – „Unabhängigkeit“. Früher hätte man das für einen amerikanischen Flugzeugträger gehalten. Aber diese „Independence“ ist für Litauen und das übrige Baltikum viel besser. Denn sie bringt Gas. Viel Gas. Der riesige Tanker aus Norwegen ist sozusagen eine schwimmende Energiefabrik, die von nun an Flüssiggas ins Baltikum schafft, und zwar so viel, dass man dort notfalls ganz auf russische Lieferungen verzichten kann. Aus einer einhundertprozentigen Abhängigkeit der drei baltischen EU-Staaten wird so eine neue Freiheit.

          Russland hat darauf schon vor Monaten reagiert. Mit einem Rabatt: Gasprom-Gas ist für die Balten jetzt zwanzig Prozent billiger. Realpolitik bleibt möglich.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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