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Macron tritt in Frankreich an : Ein Wilderer in allen Revieren

Emmanuel Macron wirbelt das Rennen um die französische Präsidentschaft gehörig durcheinander. Bild: Reuters

Emmanuel Macron bringt mit seiner Kandidatur für das französische Präsidentenamt Amtsinhaber Hollande in die Bredouille. Doch die Ankündigung des politischen Wunderkindes sorgt in allen Parteien für Nervosität, sogar bei Marine Le Pen.

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          Nach sieben Minuten hinter dem Rednerpult spricht Emmanuel Macron am Mittwoch die entscheidenden Worte: „Ich bin Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten“. Der französische Präsidentschaftswahlkampf wird mit diesem 38 Jahre alten Seiteneinsteiger ohne Partei und Pfründe endlich spannend. Denn Macron wirbelt alles durcheinander: Auf der Linken die Wiederwahlambitionen seines langjährigen Förderers François Hollande, auf der Rechten den Favoritenstatus des die gemäßigten Wählerschichten umwerbenden Alain Juppé.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Macron stellt sich den Franzosen als Systemkritiker vor. „Ich habe die Leere unseres politischen Systems von innen erlebt“, sagte der frühere Wirtschaftsminister (von August 2014 bis August 2016) in seiner ersten Rede als Präsidentschaftskandidat. Nicht die Franzosen seien schuld am Niedergang des Landes, sondern „das politische System ist das Haupthindernis an der Veränderung unseres Landes“. Macron will die alten politischen Seilschaften überwinden. Seinen Mentor Hollande, dem er seine politische Karriere verdankt, würdigte er keines Wortes.

          Macron verheißt, dass es eine Politik des guten Willens ohne Lagerdenken geben könne. Der frühere Philosophiestudent nennt das „Willensoptimismus“. Nicht rechts, nichts links, davon hatte auch schon der Zentrist Francois Bayrou geträumt. Doch trotz eines ehrenhaften Abschneidens bei den Präsidentenwahlen scheiterte er an den Institutionen der V. Republik, die zur Blockbildung zwingen. Aber Macron beruft sich nicht auf so naheliegende Erfahrungen, er beschwört lieber die tausendjährige Geschichte Frankreichs. Das Land könne mit ihm eine „demokratische Revolution“ vollbringen, verspricht er.

          Zeitpunkt mit Bedacht gewählt

          Inhaltlich bleibt der frühere Investmentbanker jedoch vage. Mit seiner Bewegung „En marche“, die inzwischen 100.000 Mitglieder zählen soll (mehr als die sozialistische Regierungspartei), hat er alle französischen Missstände analysiert und Lösungsvorschläge ausgearbeitet. Aber am Mittwoch, in der Lehrlingswerkstatt in Bobigny, ein sozialer Brennpunkt im Norden von Paris, spricht er nur von „der Hoffnung“, die er verbreiten will. Er beklagt, dass es über Europa „so viele Hassreden“ gibt und fordert eine „europäische Wiederbelebung“, denn „Europa ist unser Glück in der Globalisierung“. Aber er belässt es bei diesen Formeln, die so beliebig klingen wie die von ihm angeprangerten politischen Sonntagsreden.

          Den Zeitpunkt seiner Kandidatur hat der Mann, in dem Hollande einst ein „politisches Wunderkind“ ausgemacht hatte, mit Bedacht gewählt. Am Mittwoch hat die bislang aussichtsreichste Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen ihr Wahlkampfhauptquartier in der Rue du Faubourg Saint-Honoré eröffnet. An der Straße liegt auch der Elysée-Palast, wenn auch etliche Hausnummern entfernt. „L'escale“ hat Le Pen ihre neuen Büros getauft und damit den Eindruck verstärkt, dass es sich nur um einen „Zwischenstopp“ vor dem Einzug im nächsten Mai in den Präsidentenpalast handelt.

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