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Boris Johnson : Der Mann, der mehr für sich will

Bild: Bloomberg

Plötzlich wirbt auch Londons Bürgermeister offensiv für den „Brexit“. Dass Boris Johnson bald ganz Großbritannien regieren möchte, bezweifelt mittlerweile niemand mehr. Sein Plan ist mutig – birgt aber auch große Gefahren.

          6 Min.

          Er sei nie ein „natural outer“ gewesen, sagte Boris Johnson vor einigen Wochen. Natural Outer, das sind Leute, bei denen die EU schon in Jugendjahren Übelkeit verursacht hat, und von denen gibt es eine ganze Menge in der Konservativen Partei. Johnson war aber auch nie ein ausgewiesener Freund der Europäischen Union, obwohl er viele Jahre in Brüssel gelebt hat, erst als Schüler, später als Korrespondent.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Boris Johnson, der so scharfzüngig und polemisch Position beziehen kann, äußerte sich in der Europafrage bislang immer ausbalanciert. Auch deshalb stand das politische London Kopf, als er am Sonntag ankündigte, von nun an gegen den Premierminister zu argumentieren und für einen Austritt Britanniens aus der EU zu werben.

          Wochenlang hatten die Zeitungen spekuliert, auf wessen Seite Johnson sich schlagen würde. Selbst die Buchmacher nahmen Wetten an; sie standen äußerst knapp. Beide Lager, das „In“- wie das „Out“-Camp, schickten Emissäre, wenn nicht gleich die Anführer persönlich an die Tür klopften, um dem Umworbenen ein Angebot zu machen. Als Johnson in der vergangenen Woche mal wieder nach dem Termin seiner Entscheidung gefragt wurde, versuchte er seine eigene Bedeutung zu ironisieren: Man dürfe davon ausgehen, dass er sein Verdikt in Form eines „ohrenbetäubenden Eklats“ verkünde, sagte er.

          Maniertes Stottern

          Was hat es nur auf sich mit diesem Mann, der meistens aussieht, als sei er gerade aus dem Bett gekommen, und der formal betrachtet nicht mehr als ein scheidender Bürgermeister und ein Hinterbänkler im Unterhaus ist? Um eine Ahnung zu bekommen, welche Rolle Boris Johnson im Vereinigten Königreich spielt, bietet sich eine Rückblende in den Sommer 2012 an, als London die Olympischen Spiele austrug.

          Bürgermeister Johnson glitt, nahe des Olympiafeldes, in einer PR-Aktion an einem Stahlseil durch den Victoria-Park, als ihn ein technischer Defekt in der Mitte der Tour zum Halten brachte. Da hing er nun, sieben Meter über der Erde, mit einem Schutzhelm, baumelnden Beinen und einem britischen Fähnchen in der Hand. Unzählige Fotos und Videos entstanden. Für jeden Politiker wäre dies der mediale Albtraum gewesen. Nicht für Johnson. Er scherzte über seine missliche, ziemlich unelegante Position, und die Aufnahmen, die bald im Netz zirkulierten, trieben seine Beliebtheitswerte nur noch weiter nach oben.

          Eigentlich müsste Johnson im breiten Volk verhasst sein. Nur wenige, selbst in der elitären Führungsriege der Konservativen Partei, haben einen derart reinrassig piekfeinen Lebenslauf aufzubieten: Privatschule in Eton, Studien des klassischen Altertums in Oxford, Autor und dann Chefredakteur der unterhaltsamen, aber leicht hochnäsigen Zeitschrift „Spectator“.

          Johnson würzt seine Reden mit lateinischen und griechischen Zitaten oder, wenn sie ihm gerade nicht einfallen, mit Analogien aus der Zeit. Sein Queen´s English ist so lupenrein, dass es auf Gegner der britischen Klassengesellschaft fast anstößig wirkt. Er garniert seinen Akzent mit dem „Oxford Stutter“, einem manierierten Stottern, das sich manche Studenten in den heiligen Hallen der Universität antrainieren.

          In Oxford war Johnson Mitglied im berüchtigten Bullingdon-Club, einem klandestinen Männerbund, in dem Studenten in maßgeschneiderten Fracks Saufgelage veranstalten und dabei die künftigen Führungspositionen im Königreich unter sich aufteilen. Mit am Bullingdon-Tisch saßen damals George Osborne, heute Schatzkanzler mit Sitz in Downing Street 11, und David Cameron, seit bald sechs Jahren Hausherr in Downing Street 10.

          Dass Osborne und Cameron in weiten Teilen des Landes als Abziehbilder einer abgehobenen, von sich selbst berauschten Elite gelten, während Johnson den Ruf als „unkonventioneller Politiker“ genießt, hat viel mit dessen entwaffnender Selbstironie zu tun. Zugleich eignet er sich bestens als Projektionsfläche. In seiner oft unbeholfen wirkenden Art und seinem nachlässigen Kleidungsstil verkörpert er die britische Verschrobenheit und transformiert sie zugleich in einen Kultzustand.

          Wie vor einem Popkonzert

          Zum Vorteil gereichte ihm aber auch seine Absenz von der Macht. Als Schriftsteller, Journalist und Hinterbänkler – selbst als Bürgermeister einer Weltstadt – musste er nie so viele politische Rücksichten nehmen wie Osborne und Cameron, die klassische Politikerkarrieren verfolgt haben. So durfte Johnson immer wieder die „Volksmeinung“ ausdrücken, besonders gerne dort, wo es gegen zu viel politische Korrektheit ging.

          Sein Witz und seine Schlagfertigkeit, die er kabarettreif darbieten kann, haben seine Auftritte zu Ereignissen werden lassen. Auf den jährlichen Parteitagen der Konservativen Partei muss für Johnson stets die größte Halle gebucht werden. Die Menschen stehen Schlange wie vor einem Popkonzert.

          Die einzigen Politiker, die ihr Publikum auf vergleichbare, wenn auch weniger subtile Weise in den Bann ziehen können, gehören populistischen Parteien an: Nigel Farage von der Unabhängigkeitspartei Ukip und Alex Salmond von der Schottischen Nationalpartei. Salmond hat seine Karriere schon hinter sich. Farages politische Attraktivität schwindet gerade. Nur Boris ist im Aufwind.

          Johnsons Widersacher: Premierminister Cameron will 2020 nicht noch einmal zur Wahl antreten
          Johnsons Widersacher: Premierminister Cameron will 2020 nicht noch einmal zur Wahl antreten : Bild: Reuters

          Ist er – ist er nicht? Sein Vater, der Schriftsteller und frühere Europapolitiker Stanley Johnson, formulierte am Montag einen Satz, der haften bleiben könnte. Der Schritt, den sein Sohn am Vortag gemacht habe, drohe dessen „Karriere zu beenden“, sagte er im Sender BBC. Johnson, ein bekennender Europhiler, der im Europaparlament gesessen und für die EU-Kommission in Brüssel gearbeitet hat, meinte dies durchaus anerkennend. Obwohl er „grundlegend anderer Ansicht“ sei, konzedierte er seinem Sohn eine genuine, auf die Sache und nicht auf die Machtfrage gerichtete Entscheidung.

          Eben dies ist Gegenstand vieler Spekulationen. Die meisten Brexit-Befürworter, die aus der Mitte des politischen Spektrums kommen, betonten in den vergangenen zwei Tagen, wie persönlich sie um ihre Gewissensentscheidung gerungen hätten; so auch Johnson. Und doch wäre es naiv anzunehmen, er hätte das machtpolitische Kalkül außen vor gelassen. Cameron hätte ihn vermutlich zum Außen- oder zum Innenminister ernannt, wäre er dessen proeuropäischen Kurs gefolgt. Aber dienen, zumal unter dem jüngeren Cameron, ist Johnsons Sache nicht. Ihm steht mehr zu.

          Johnson ist kein Zuarbeiter-Typ. Eher sieht er sich in der Nachfolge Winston Churchills, des berühmten Kriegspremierministers, über den er sein letztes Buch geschrieben hat. Auch Churchill begann als Nachwuchshoffnung, verzettelte sich dann politisch, wurde kauzig, fand Zuflucht im Schreiben – und war als Politiker schon beinahe abgeschrieben, als im Frühsommer 1940 plötzlich und unerwartet sein Augenblick kam. Wird der Frühsommer 2016 zu Johnsons Augenblick?

          Heimliche Abstimmung über Cameron

          Niemand zweifelt daran, dass „Boris“ das Ziel verfolgt, eines Tages das Land zu regieren. Cameron hat angekündigt, zu den Wahlen 2020 nicht noch einmal antreten zu wollen. Hätte sich Johnson am vergangenen Wochenende dessen Europapolitik angeschlossen, ein Fachressort übernommen und so in Warteposition begeben, hätte er in vier Jahren mit Osborne, womöglich auch mit Innenministerin Theresa May um den Vorsitz der Partei und die Nachfolge im Premierministeramt ringen müssen.

          Selbst wenn er sich gegen beide durchgesetzt hätte, wäre ihm vermutlich keine glanzvolle Zeit mehr beschieden. Wer einen langjährigen Premierminister aus der selben Partei beerbt, wird den Geruch des Ersatzmannes kaum mehr los: John Major trat in seinen sieben Jahren nie aus dem Schatten Margaret Thatchers, Gordon Brown blieb in seinen drei Jahren im dem von Tony Blair.

          Das Referendum ist Johnsons Chance, zu einem günstigen Zeitpunkt ins höchste Regierungsamt zu gelangen. Cameron versichert öffentlich, er werde auch im Falle eines „Brexit“ Premierminister bleiben. So will er verhindern, dass die Briten das EU-Referendum als Gelegenheit wahrnehmen, ihn abzustrafen. Aber kaum jemand glaubt, er werde im Amt bleiben, sollte er das Referendum „verlieren“. Schon während des Schottland-Referendums hatte sich Cameron so verhalten. Später gab er zu, dass er natürlich zurückgetreten wäre, hätte er die Entzweiung der Vereinigten Königreiches nicht verhindern können.

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          Nun wird am 23. Juni nicht nur heimlich über Cameron abgestimmt, sondern darüber, ob statt seiner Boris Johnson in die Downing Street 10 zieht. Denn sollte das „Out“-Lager mit Johnson in der Mitte (wenn schon nicht an der Spitze) die Volksabstimmung gewinnen, wäre er der natürliche Nachfolger. Er hätte dann mutig auf die richtige Karte gesetzt, und viele würden argumentieren, dass er mit seiner guten Laune und seinem sprudelnden Optimismus das neue, „von den Fesseln der EU befreite“ Großbritannien ideal verkörpert.

          Einen solchen, begeisterten Ton schlug Johnson an, als er am Montag seine Entscheidung im „Daily Telegraph“ begründete, wo er eine wöchentliche Zeitungskolumne schreibt. „Wir haben uns so an die Nanny in Brüssel gewöhnt, dass wir infantilisiert sind, unfähig, uns eine unabhängige Zukunft vorzustellen“, schrieb er, um dann umso stärker die historischen Stärken des Königreichs hervorzuheben: „Wir haben das größte Reich geführt, das die Welt je gesehen hat, mit einer viel geringeren Bevölkerung und einer relativ kleinen Beamtenschaft. Können wir wirklich keine eigenen Handelsabkommen aushandeln?“

          Schlag in den Magen

          Viel von der Euphorie, mit der er in den vergangenen acht Jahren London als „beste Stadt der Welt“ verkaufte, findet sich in seiner Vorstellung von einem „unabhängigen Großbritannien“ wieder: Er porträtiert das Königreich als „europäischen, wenn nicht Weltmarkt-Führer“ auf den wichtigsten Feldern des 21. Jahrhunderts: bei Finanzdienstleistungen und Wirtschaftsberatung, in Medien, Biowissenschaften und Hochschulbildung, in den Künsten und Technologien.

          „Jetzt ist der Zeitpunkt, um diese Erfolge nicht nur in Europa, sondern auf den Wachstumsmärkten jenseits Europas auszuspielen – der Zeitpunkt, um mutig zu sein, die Hand auszustrecken, und nicht am Rockzipfel des Brüsseler Kindermädchens zu hängen und alle Entscheidungen an andere zu delegieren.“

          Am Montag knöpfte sich Cameron seinen Widersacher im Unterhaus vor. Konzentriert erklärte er den Abgeordneten während einer hitzigen Debatte, warum der britische „Sonderstatus“, den er in Brüssel ausgehandelt habe, gerade auch der heimischen Wirtschaft nutze und setzte sich, ohne einen Namen zu nennen, mit Johnsons Argumenten auseinander. Zum Ende seiner Rede sagte er zwei Sätze, die jeder im Haus als Schlag in Johnsons Magen verstand: „Ich werde mich nicht noch einmal zur Wahl stellen. Ich habe keine andere Agenda als das, was am besten für unser Land ist.“

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