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Londoner Stadtteil Wembley : Die fremden Nachbarn

Das moderne London: Muslime aus vielen verschiedenen Ländern prägen das Leben in der Hauptstadt Bild: Mauro Bottaro / Anzenberger

Kaum etwas erinnert im Londoner Stadtteil Wembley an Großbritannien. Jeden Freitag versammeln sich 2000 Muslime zum Gebet und diskutieren über den Sinn von Demokratie. Einheimische resignieren langsam.

          Draußen in der Welt steht Wembley für glanzvolle Sportereignisse. Doch hier, in der Nähe des Stadions, wirken Fußball und andere Freuden des Westens weit weg. Auf der Ealing Road, die sich im Schatten der Arena in den Süden zieht, erinnert kaum noch etwas daran, dass diese Siedlung auf dem 51.Breitengrad und dem Längengrad null liegt, also in London.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Gläubigen, die freitagmittags in die Straße einbiegen, können sich vor dem Gebet bei Pamir die Haare schneiden lassen oder bei Rishi Express noch schnell ein paar pakistanische Rupien für die nächste Heimreise einwechseln. Wenn Zeit ist, lässt sich bei Al Haqq im Sortiment gebrauchter Elektrogeräte stöbern, ein Pfund Lamm beim Halal-Butcher bestellen oder im Schaufenster von Juwelen Raj von einem Goldring träumen. Irgendwann landen sie dann alle vor der Central Mosque, die von außen aussieht wie eine alte Dorfkirche.

          Teppichzipfel auf dem Bürgersteig

          Das war sie auch einmal. Bis in die neunziger Jahre hinein predigte hier ein presbyterianischer Pfarrer, dann kaufte die wachsende islamische Gemeinde das Gotteshaus, entfernte das Kreuz auf dem Dach und baute es zu einer Moschee um. Vor dem Gebäude lehnen Teppichrollen an der Wand. Man braucht sie am Freitag. Wenn niemand mehr in den Gebetssaal hineinpasst, rollt Halil, der Moscheehelfer, die Teppiche auf dem Vorhof aus. Und wenn auch dort der Platz knapp wird, ziehen die Gläubigen die letzten freien Teppichzipfel auf den Bürgersteig. Heute versammeln sich, wie jede Woche, mehr als 2000 Menschen zum Gebet.

          „Ist das nicht überwältigend?“, schwärmt ein junger Mann, der vor der Moschee Flugblätter an seine Glaubensbrüder verteilt. „Überall auf der Welt versammeln wir uns zur selben Stunde, Millionen und Abermillionen.“ Der Aktivist, dessen Eltern aus Bangladesh eingewandert sind, ruft zu Spenden für die Kriegsopfer in Syrien auf. Die Broschüren werden ihm bereitwillig aus der Hand genommen. Halil gesellt sich zu ihm, schlägt ihm freundschaftlich auf die Schulter und mustert dann den unbekannten Beobachter. Die Stimmung vor der Central Mosque ist gut.

          Neulich tauchte die Polizei auf. Das war einen Tag nachdem in Woolwich, am anderen Ende der Stadt, zwei Männer im Namen Allahs einen britischen Soldaten mit Fleischermessern abgeschlachtet hatten. Die Sicherheitsbeamten kamen nicht etwa, um Verdachtsmomenten nachzugehen, sondern um Schutz anzubieten vor möglichen Angriffen auf die Moschee. „Wir haben gesagt, das ist nicht nötig, vielen Dank“, sagt Imam Abdul Sattar. „Wir fühlen uns hier nicht bedroht.“ Als Sattar vor 16 Jahren Karachi verließ und die Moschee in Wembley übernahm, knieten höchstens fünfzig Männer vor ihm, an besonderen Tagen vielleicht 500. Mittlerweile haben sich die Zahlen vervierfacht. „Wir können hier gute Muslime sein“, sagt der Imam.

          Kaum ein Stadtteil hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so grundlegend verändert wie Wembley. In den sechziger Jahren mischten sich vor allem Iren und Inder unter die Leute. Vor zehn Jahren geriet die einheimische Bevölkerung dann langsam in die Minderheit. Heute stellen die „Weißen“ in Wembley laut einer Studie der Gemeindeverwaltung gerade noch dreißig Prozent. Die größte Gruppe ist mit über vierzig Prozent „asiatisch oder asiatisch-britisch“. Die drittgrößte Gruppe (17 Prozent) wird von den Gemeindestatistikern als „schwarz oder schwarz-britisch“ bezeichnet. Der Rest verteilt sich auf „Chinesen“ und „andere ethnische Gruppen“ - sowie „Gemischte“ wie Dave.

          Fremd gebliebene Nachbarn

          Dave ist halb Inder, halb Ire, fühlt sich aber britisch und sitzt daher im „Flannery’s“. Der Pub liegt in sicherer Entfernung zur Moschee und strahlt in seiner Gewöhnlichkeit etwas Subversives, fast Gegenweltartiges aus. Während drüben in der Ealing Road gebetet wird, fließt im „Flannery’s“ das Bier. Im Fernsehen galoppieren Pferde über eine englische Rennbahn, an der Wand hängen Plakate einer Anti-Brustkrebs-Kampagne. Man diskutiert über Fußball und - mit einem kleinen Anstoß - über die Lage im Viertel. „Fragen Sie mich lieber nicht, wie ich das finde mit den ganzen Ausländern hier“, sagt eine ältere Frau, die schon in Wembley zur Schule ging. „Ich versuche einfach nicht daran zu denken. Und dann habe ich ja noch meinen Pub.“

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