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Wahlen in Spanien : Alles zurück auf Anfang

  • -Aktualisiert am

Podemos-Parteiführer Pablo Iglesias posiert mit einer Unterstützerin während einer Wahlveranstaltung in Guadalajara für ein Selfie. Bild: dpa

Die Spanier empfinden die Neuwahlen am Sonntag als Zumutung. Es wird ein ähnlicher Ausgang wie im ersten Anlauf erwartet. Nur Podemos könnte sich noch verbessern. Wird das Land wieder regierbar?

          Flotten Schrittes verließ Pedro Sánchez das Hotel Ritz. Er war zufrieden mit sich, hatte er doch gerade einem erlesenen Kreis der spanischen Elite in der Hauptstadt erklärt, dass ein neues Zeitalter der Gleichheit, Brüderlichkeit und sozialen Gerechtigkeit anbrechen werde, wenn man ihn nur endlich regieren ließe. Doch dann geschah das Unerwartete: eine ältere Dame mit einer Caritas-Sammelbüchse stellte sich ihm in den Weg. Halb belustigt, halb genervt, weil ihm ausgerechnet jemand von einer so vorgestrigen Institution wie der katholischen Kirche die Zeit und sein Geld stehlen wollte, umging er sie mit einem eleganten Hüftschwung. Die Freiwillige der Organisation, die in den spanischen Krisenjahren Millionen Bedürftige mit Essen und Kleidung versorgt hatte, reagierte erbost und rief ihm nach: „Du gibst nichts, willst aber, dass die Leute dich wählen. Was für eine Schande.“

          Es waren genug Fernsehkameras zur Stelle, um die Flucht des sozialistischen Spitzenkandidaten festzuhalten. Das bemerkte sein Parteisprecher Antonio Hernando, der direkt hinter ihm lief und reagierte besser. Er beschwichtigte die Frau mit einem freundlichen Wort und einem Schein, woraufhin sie rief: „Dieser Herr ist charmant. Den kann man wählen.“ Wie sich später herausstellte war die Dame keine Geringere als Lucía de la Peña, die Markgräfin von Maura. Die Adelige war sich nicht zu schade, um am „Tag der Barmherzigkeit“ auf der Straße milde Gaben zu erbitten.

          Den Sozialisten laufen die Wähler davon.

          Die Szene mit Sánchez illustriert die ganze Misere der Arbeiterpartei, der die Wähler davonlaufen. Sie könnte am kommenden Sonntag von der linkspopulistischen Konkurrenz aus Podemos und den grünen Kommunisten als zweitstärkste politische Kraft des Landes abgelöst werden. Sie stand zugleich aber auch exemplarisch für einen Wahlkampf, der abgesehen von solchen Anekdoten an bleierner Ödnis schwer zu überbieten war.

          Die Mehrheit der Spanier empfindet die durch den mangelnden Kompromisswillen ihrer Politiker bei der Regierungsbildung erzwungene zweite Wahl schlicht als Zumutung. Bei der Beteiligung könnten die Kandidaten das spüren. Denn schließlich war schon beim ersten Durchgang am 20. Dezember alles gesagt. Jetzt erzählten ihnen nur die gleichen Anzugträger mit den gleichen Argumenten und Programmen, warum die Welt unterzugehen drohe, wenn sie nicht an die Macht kämen. Das Publikum zeigte sich unbeeindruckt und signalisierte den Meinungsforschern, dass es am 26. Juni – mit Ausnahme des „sorpasso“ genannten Überholmanövers im linken Spektrum – abermals so wählen würde wie zuvor. Sollte das so sein, dann wäre eine Fortsetzung der politischen Blockade mangels parlamentarischer Mehrheit auf der Rechten wie der Linken eine reale Möglichkeit. Sogar die Horrorvorstellung einer dritten Wahl vor Weihnachten wäre nicht mehr auszuschließen.

          Der Vorsitzende der spanischen Sozialisten, Pedro Sanchez, am Donnerstag während einer Rede in Murcia

          Zwar beteuern die Parteiführer, dass es soweit nicht kommen werde. Doch wenn es darum geht, wer mit wem paktieren wolle, stecken ihre Antworten wieder voller Vetos. Der Sozialist Sánchez versichert, dass er niemals mit der konservativen Volkspartei eine große Koalition eingehen werde. Der liberale Albert Rivera von den bürgerlichen Ciudadanos sagt, dass er unter Umständen mit den Konservativen, niemals aber mit dem von Korruptionsaffären ramponierten, „geschäftsführenden“ Ministerpräsidenten Mariano Rajoy ein Bündnis eingehen werde. Nur Pablo Iglesias von Podemos, dessen Prophezeiung von vor einem halben Jahr – „Ich oder Rajoy“ – sich diesmal bewahrheiten könnte, bietet den Sozialisten schon den Stellvertreterposten an. Dazu schweigt Sánchez noch indigniert. So bleibt den Wählern nicht verborgen, dass es in dieser politischen Auseinandersetzung weniger um Programme oder gar das Gemeinwohl, sondern eher um das Ego und die Ämter des Personals geht.

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