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Zwei Jahre Papst Franziskus : Der Unberechenbare

  • -Aktualisiert am

Papst Franziskus während einer Audienz im Februar. Bild: AFP

Papst Franziskus hatte von Anfang an die Sympathien auf seiner Seite. Dann folgte ein Ausrutscher nach dem anderen. Allmählich ahnen auch seine größten Fans, dass daran nicht zuletzt einer schuld ist. Er selbst.

          Die letzten Wochen im Vatikan sind vergleichsweise gut gelaufen: Ein Dementi und eine kleine Richtigstellung, eine scharf formulierte Protestnote des mexikanischen Außenministers und eine prompte Entschuldigung vom Heiligen Stuhl, schließlich ein versöhnlicher Brief des Kardinalstaatssekretärs und herzliche Grüße des Heiligen Vaters an das mexikanische Volk - aber sonst ist der Papst ganz gut durchgekommen. Das liegt auch daran, dass er zwischenzeitlich in Klausur war, in den jährlichen Exerzitien, zu denen sich der Papst traditionell zu Beginn der Fastenzeit gemeinsam mit den führenden Mitarbeitern der Kurie zurückzieht. Deshalb gab es zuletzt nur wenige öffentliche Äußerungen des Papstes.

          Doch die Verschnaufpause ist vorbei. Man muss nun wieder täglich mit allem rechnen, mit handfesten Erziehungsratschlägen und deftigen Exkursen zum Paarungsverhalten zwei- und vierbeiniger Säugetiere, mit gutgemeinten Anekdoten und schlecht erzählten Witzen, mit theologischem Ernst und südamerikanischer Lässigkeit. Franziskus hat alles im Angebot. Lange schien es, als nütze ihm das sogar: ein Papst, der Klartext redet, endlich einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der nicht spricht wie ein hochtrabender Theologe, sondern wie ein echter Seelsorger, der weiß, wie die Menschen nun einmal wirklich sind. So gelang es ein ums andere Mal, eigentlich Unverständliches und Inakzeptables gerade noch zugunsten des Papstes umzudeuten. Und wenn doch etwas gründlich schiefging, wurden Medien und Missverständnisse dafür verantwortlich gemacht. Irgendwer hatte ihn wieder irgendwie ganz falsch verstanden. An Franziskus blieb nichts hängen.

          Das Maß ist voll

          Das hat sich geändert. Die beispiellose Sympathiewelle, die der Papst gleich beim Amtsantritt vor genau zwei Jahren ausgelöst hat, ebbt langsam ab. Die einen erlebten ein böses Erwachen, als er Katholiken ermahnte, es „nicht wie Karnickel“ zu treiben. Für andere war eine Grenze überschritten, als er sagte, er würde jedem, der seine Mutter beleidigte, „mit einem Faustschlag“ antworten. Dann folgte, in der Generalaudienz auf dem Petersplatz vor mehreren Zehntausenden Menschen, die Plauderei über das richtige, namentlich „würdevolle“ Schlagen von Kindern (also: nicht ins Gesicht), das der Papst mit den Worten kommentierte: „Wie schön!“

          Natürlich begannen umgehend die üblichen Rückzugsgefechte, die Deutungen, Umdeutungen und Relativierungen. Die Pressesprecher des Vatikans und Bischöfe in aller Welt bemühten sich redlich, das kaum Erklärbare zu erklären, dass der Papst es also nicht „so“ gemeint habe, sondern eben ganz anders, er dachte an einen harmlosen „Klaps“, als er ausdrücklich „schlagen“ sagte, er hat vergessen, zu erwähnen, dass Erziehung ganz ohne Schläge natürlich noch besser wäre, und dergleichen mehr.

          Doch hinter vorgehaltener Hand verloren auch die treuen Apologeten des Papstes zum ersten Mal die Geduld: Musste das sein? Denkt er denn überhaupt nicht darüber nach, wie seine Worte wirken? Kann er sich nicht ausmalen, dass sich demnächst prügelnde Eltern auf den Papst berufen werden? Hat er in zwei Jahren und nach allen anderen „Missverständnissen“ rein gar nichts hinzugelernt? Dass gleichzeitig die vom Papst selbst eingesetzte vatikanische Kommission zum Kinderschutz in Rom tagte, machte die Peinlichkeit perfekt. Zum ersten Mal griff eine neue Stimmung um sich: Das Maß ist voll.

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