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Zwei Jahre Papst Franziskus : Der Unberechenbare

  • -Aktualisiert am

Viel Wunschdenken: „Frischer Wind im Vatikan“

Mit der um sich greifenden Verwirrung ist auch das Angebot an Deutungen des rätselhaften Papstes gewachsen. Nie gab es so viele Interpreten, die der ratlos staunenden Welt erklären, wie dieser Papst richtig zu verstehen ist. Ihre Titel lauten: „Revolution im Vatikan“, „Ein radikaler Papst“, „Revolution der Zärtlichkeit“, „Papst mit Herz und Seele“, „Vom Reaktionär zum Revolutionär“, „Der Papst der Armen“, „Frischer Wind im Vatikan“, „Ein neuer Frühling für die Kirche“, „Eine Revolution von oben“.

Es ist unübersehbar, dass fast alle Titel dasselbe Thema nur leicht variieren: der neue, ganz andere Papst, der Aufbruch, der Neuanfang, die Revolution. Womöglich ist da viel Wunschdenken im Spiel, und in manchem Titel vermischen sich die Hoffnungen des Autors mit der Marketing-Strategie des Verlages. Revolution? Aufbruch? So was läuft immer gut. Ein vorläufiger, unsicherer Befund, eine Indifferenz im Urteil - all das lässt sich in den Medien viel schlechter an den Mann bringen als eine steile These unter einem zugespitzten Titel. Dabei kommen die echten Insider genau zu diesem Schluss, also diejenigen, die den Papst täglich aus der Nähe beobachten oder direkt in der Kurie arbeiten: Sie sind in ihrem Urteil über ihn unsicher - und er verunsichert sie von Tag zu Tag mehr.

Noch wird ihm vieles nachgesehen: Papst Franziskus Ende Januar bei einer Audienz mit Kindern im Vatikan

Die Mitarbeiter der Kurie haben ohnehin einen schweren Stand beim neuen Papst, der sie seine Abneigung vom ersten Tag an spüren ließ. Für die - ohne Zweifel notwendige - Reform der Kurie setzte er einen Rat von Kardinälen ein, die größtenteils über keinerlei eigene Erfahrung im Vatikan verfügen. In der Öffentlichkeit kam das gut an, wie alles, was sich gegen Apparat und Bürokratie richtet. Doch in der Kurie war die Stimmung dadurch von Beginn an schlecht; dann wurde sie schlechter.

Böse Worte nach der Weihnachtsansprache

Das gilt vor allem für die Laien, die im Vatikan arbeiten und angesichts römischer Lebenshaltungskosten bescheidene Gehälter in Kauf nehmen, um für den Papst im Dienst zu stehen. Als er ihnen die Bezahlung der Überstunden strich, verspielte er auch ihre Sympathien. Dann kam die Weihnachtsansprache 2014, in der Franziskus 15 Krankheiten in der Kurie diagnostizierte, in gewohnt drastischer Wortwahl. Wieder war dem Papst der Beifall der Öffentlichkeit gewiss, denn auf die Kurie zu schimpfen und den Bischöfen „geistliches Alzheimer“ und Karrierismus vorzuwerfen, kommt immer gut an. „Papst liest den Kardinälen die Leviten“, „Franziskus bläst Bischöfen den Marsch“ - so und ähnlich hießen überall auf der Welt die Schlagzeilen.

Doch zwischen dem Papst und seinen Mitarbeitern kam es an diesem Tag zum endgültigen Bruch. Zum ersten Mal machten böse Worte die Runde. Dabei hatten auch innerhalb der Kurie viele Verständnis für die Kritik, nicht aber für das Timing und die Pauschalität des Urteils. Auch hier bleibt rätselhaft, warum niemand dem Papst das Naheliegende erklärt hat: Nach einer solchen Weihnachtsansprache kann kein Chef mehr auf die volle Unterstützung seiner Mitarbeiter zählen.

Vielsagend ist, dass sich der Blick in den letzten Wochen und Monaten um 180 Grad gedreht hat: Immer seltener ist vom Anfang des neuen Pontifikates die Rede; immer häufiger aber wird über dessen Ende spekuliert. Man redet neuerdings wieder viel über die Mehrheitsverhältnisse im nächsten Konklave und über die Kardinäle, die „papabile“ sein könnten. Favoriten bringen sich in Position, Außenseiter arbeiten an ihren Netzwerken. So früh haben Nachfolgespekulationen noch nie begonnen. Doch auch dazu hat Franziskus selbst beigetragen, indem er sagte, er werde schon „in zwei, drei Jahren in das Haus des Herrn“ ziehen. War das eine Todesahnung oder eine Rücktrittsankündigung? Will der Papst den Job, den er vielleicht nie so richtig wollte, bald schon wieder an den Nagel hängen? Wie so vieles in der kurzen Ära Franziskus bleibt auch das unsicher.

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