https://www.faz.net/-gq5-80pms

Zwei Jahre Papst Franziskus : Der Unberechenbare

  • -Aktualisiert am

Mexikanisierung Argentiniens: Pannenserie um ein Kapitel reicher

Unter amerikanischen Bischöfen macht schon seit längerem das Wort von der „loose cannon“ die Runde, wenn von Franziskus gesprochen wird. Das ist eine alte englische Redensart, die sich das Bild eines im Sturm schwankenden Schiffes zunutze macht, auf dem sich eine der schweren Kanonen aus der Vertäuung gelöst hat und nun bedrohlich auf Deck hin- und herrollt. Unmöglich, vorauszusagen, wann und wo sie im nächsten Augenblick landen und neuen Schaden anrichten wird. Das Bild bietet sich an, weil die Kirche seit Urzeiten als Schiff auf ihrer Reise durch Raum und Zeit gedacht wird. Es drängt sich aber auch auf, weil bei diesem Papst nie absehbar ist, wohin es im nächsten Moment geht. Alles ist denkbar. Die Kanone ist los.

Papst Franziskus liebt das Bad in der Menge.

Wann immer der Papst das vorbereitete Manuskript aus der Hand legt und beginnt, frei weiterzureden (und das tut er trotz aller schlechten Erfahrungen immer wieder), halten die Berater im Hintergrund die Luft an. Typisch ist aber auch, was während der Fastenexerzitien des Papstes geschah: In Argentinien wurde eine E-Mail des Papstes bekannt, in der er seinem alten Freund Gustavo Vera in Buenos Aires geschrieben hatte, die „Mexikanisierung“ ihres gemeinsamen Heimatlandes Argentinien müsse unbedingt verhindert werden.

Wie das gemeint war, erklärte die Pressestelle des Vatikans tags drauf in umfangreichen Erläuterungen, verwies auf den Drogenkrieg in Mexiko, die Kriminalität auf den Straßen und die politische Korruption, bat im Übrigen um Verständnis und stellte klar, dass die Äußerung „keinesfalls beleidigend“ gemeint gewesen sei und der Papst dem mexikanischen Volk die allerhöchste Wertschätzung entgegenbringe. Trotzdem fanden die Mexikaner - die meisten von ihnen sind katholisch und gehören zu den Treusten der Treuen - das gar nicht lustig. Der Kardinalstaatssekretär höchstselbst, immerhin die Nummer zwei in der Hierarchie des Vatikans, antwortete auf die Protestnote des mexikanischen Außenministers mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns. Die Pannenserie des Papstes ist wieder um ein Kapitel reicher.

Schwierigkeiten Privates und Öffentliches zu trennen

Aber wie kann es überhaupt immer wieder zu solchen Ausrutschern kommen? Wird der Papst falsch beraten? Versteht er nicht die Tragweite seiner Worte? Diejenigen, die es wissen müssten, zeigen sich schon seit längerem weitgehend entmutigt. Gewisse Lernprozesse seien zwar zu beobachten, doch am Kern des Problems sei nichts zu ändern: Franziskus lässt sich nicht sagen, was er zu tun oder zu lassen hat. Das freie, spontane, oft auch unbedachte Wort, das er nicht auf die Goldwaage legt, entspricht einfach seinem Naturell.

Er fühlt sich pudelwohl, wenn er einfach drauflosreden kann, ohne auf liturgische Vorschriften oder diplomatische Gepflogenheiten Rücksicht nehmen zu müssen. Jeder äußere Zwang - seien es die päpstlichen Gewänder oder die Dienstwohnung im Apostolischen Palast, die vorbereiteten Ansprachen oder die strengen Rituale im Vatikan - ist ihm im Kern zuwider. Das kann man sympathisch finden; für das geistliche Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken in der Welt ist es vielleicht keine ideale Voraussetzung. In Teilzeit lässt sich dieser Job einfach nicht bewältigen. Er fordert den ganzen Mann.

Weitere Themen

Über dem Tellerrand des Silicon Valley

Digitalkonferenz DLD : Über dem Tellerrand des Silicon Valley

„Ein paar wenige Unternehmen entscheiden über Milliarden Menschen auf der Welt“, sagt Ramesh Srinivasan. Er fordert eine globale digitale Revolution – und glaubt zu wissen, wer der nächste amerikanische Präsident wird.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.