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Krise in der Ukraine : Vaterlandsverteidiger gesucht

  • -Aktualisiert am

(Noch einmal) an die Waffe: Alte Veteranen und junge Männer melden sich für die ukrainische Nationalgarde. Bild: AFP

Kiew wirbt Freiwillige für die Nationalgarde an. Ihr Training gleiche eher einem Ausflug als einer Truppenübung, sagen Spötter. Moskau sieht in ihnen illegitime Kämpfer. Doch sie haben ihre eigenen Motive.

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          Ein paar Schritte entfernt von den Zelten, den Autoreifenbarrikaden und den rauchenden Tonnen des Majdan haben Männer in Flecktarnjacken eine Kaffeehausfiliale in ein Rekrutierungsbüro verwandelt. Sie haben vor der Tür, auf Kiews Kreschtschatik-Boulevard, kleine Tische aufgestellt. Dahinter sitzen junge Männer mit weinroten Baretts und langen Listen. Der Stuhl vor ihnen bleibt nie länger als ein paar Minuten leer. Es kommen Männer aller Altersgruppen, manche in Militärkleidung und Aufmachung der Selbstverteidigungskämpfer, die meisten aber in Zivil. Sie wollen sich registrieren lassen für die neue ukrainische Nationalgarde, eine dem Innenministerium unterstellte Sondereinheit zur Verteidigung des Landes, die Kiews Regierung in der vergangenen Woche eilig ins Leben gerufen hatte.

          Nach den Worten Andrij Parubijs, des ehemaligen Kommandanten des Majdan und neuen Chefs des ukrainischen Sicherheits- und Verteidigungsrates, soll die Nationalgarde „die Sicherheit des Staates garantieren, die Grenzen verteidigen und Terrorgruppen ausschalten“. Von den Freiwilligen, die an diesem Vormittag ihre Kontaktdaten auf den Listen eintragen, kann man sehr oft hören, dass sie sich verpflichtet fühlten, bei der Verteidigung ihres Landes gegen russische Truppen und Provokateure zu helfen.

          „Wer, wenn nicht wir, soll denn das machen?“, fragt Maxim, ein Tierarzt Anfang 30, der bereit wäre, seinen Beruf zumindest zeitweise aufzugeben, wenn es gälte, die Heimat zu retten. Noch hat er sich allerdings nicht entschieden, ob er mit einem richtigen Vertrag und Gehalt der Nationalgarde beitreten möchte oder lieber als Reservist zur Verfügung stehen will. Militärdienst hat Maxim bisher nicht geleistet, er war aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert worden.

          Unterstützung für das schwächliche Militär

          Die Nationalgarde soll Männer wie Maxim, aber auch einige der Selbstverteidigungseinheiten auf dem Majdan und in anderen Teilen des Landes aufnehmen, um Kiews schwächliches Militär zu unterstützen. Nach Angaben der Regierung sollen die Männer in professionellen Trainingszentren vorbereitet werden und legale Waffen erhalten. In das erste Zentrum dieser Art, auf einem Militärgelände 30 Kilometer von Kiew entfernt, hat Sicherheitschef Parubij zum Wochenbeginn eigens Journalisten eingeladen, um vorzuführen, wie professionell die Ausbildung vonstatten geht.

          Die ersten 500 Freiwilligen bereiten sich in der Nähe von Kiew auf ihren Dienst bei der neugegründeten ukrainischen Nationalgarde vor. Am Montag wurde eine Mobilmachung von 40.000 Reservisten vom ukrainischen Übergangspräsidenten beschlossen. Bilderstrecke

          Vor einem ausrangierten Flugzeug konnte man dort junge Männer unter lautem Kampfgeschrei gezielte Faustschläge üben sehen. Ein paar Meter weiter trainierten Ausbilder des Innenministeriums Hunde darauf, ihre Angreifer auf den schlammigen Boden zu bringen. Auf einem Tisch konnten sich die Freiwilligen mit den Waffengattungen von der kleinsten Pistole bis zum Maschinengewehr vertraut machen. Und Panzer feuerten laut donnernd Granaten auf einen gelben Bus, während Parubij in Anzug und Mantel vor Fernsehkameras trat, um mitzuteilen, dass auf dem Gelände schon 1000 Männer trainierten und sich insgesamt bereits 4000 Freiwillige registriert hätten.

          „Legitimation für rechtsextreme Kämpfer“

          Innenminister Arsen Awakow, der oberste Dienstherr der Nationalgarde, hat sich allerdings vorgenommen, bis Ende des Monats im ganzen Land mindestens 15.000 Männer zu rekrutieren. Am Wochenende wurde nach neuen Meldungen über Provokationen durch prorussische Kräfte im Osten des Landes eilig eine Telefonhotline eingerichtet, um schneller mehr Freiwillige zu versammeln. Der Nationalgarde sollen laut dem vom Parlament am Donnerstag ohne Gegenstimme verabschiedeten Gesetz bis zu 60.000 Männer angehören.

          Russland hatte auf die Gründung der ukrainischen Nationalgarde mit scharfer Kritik reagiert. In einer Erklärung des russischen Außenministeriums hieß es, dass Kiew mit der neuen Einheit radikale Kräfte wie die Extremisten des „Rechten Sektors“, deren Kämpfer die Barrikaden des Majdan verteidigt hatten, zu legitimieren suche. Der Führer des nationalistischen Bündnisses „Rechter Sektor“, Dmitrij Jarosch, teilte inzwischen allerdings mit, dass sich seine Leute nicht bei der Nationalgarde anmelden würden, und spottete über die Qualität von Waffen und Training. Letzteres gleiche doch eher einem Ausflug auf ein Militärgelände als einer richtigen Ausbildung, zitierten ukrainische Medien den Aktivisten, der angekündigt hat, bei der Präsidentenwahl in der Ukraine zu kandidieren.

          Keine Waffenrückgabe

          Darüber hinaus teilte Jarosch mit, dass der „Rechte Sektor“ nicht beabsichtige, seine Waffen abzugeben. Leute, die in Zeiten einer Revolution zur Waffe griffen, gäben diese hinterher nicht einfach wieder ab – für alle Fälle. Die Gründung der Nationalgarde war von vielen Beobachtern – nicht nur in Russland – auch als ein Versuch der ukrainischen Regierung interpretiert worden, die Partisanenkämpfer des Majdan unter Kontrolle zu bringen.

          Der Kiewer Politologe Oleksandr Suschko, selbst der Protestbewegung des Majdan und der neuen Regierung nahestehend, glaubt hingegen nicht, dass es überhaupt eine große Gruppe solcher Kämpfer gebe, die man nun kontrollieren müsste. Auf dem Majdan seien am Ende höchstens noch 1000 Männer gewesen. Die meisten von ihnen seien heimgekehrt und gingen dort ihrer ganz normalen Arbeit nach, ein paar andere hielten die Stellung an den Barrikaden. Es seien aber eher Arbeitslose und Veteranen, die sich für die Nationalgarde meldeten.

          Das ukrainische Innenministerium teilte unterdessen mit, dass Angehörige der Nationalgarde bereits das Gasleitungssystem des Landes schützten. Russische Medien hatten kürzlich gemeldet, dass Nationalistenführer Jarosch gedroht habe, die Gasleitungen in Richtung Russland anzugreifen.

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