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Krise in der Ost-Ukraine : Der Angriff, auf den alle gewartet hatten

  • -Aktualisiert am

Umstellt: Ukrainische Truppen vor Slawjansk Bild: dpa

Die Industriestadt Slawjansk ist von ukrainischen Soldaten umstellt. Bei Kämpfen starben mehrere Menschen. Seit Tagen schon herrschte in der Stadt eine Truppe maskierter Männer – und die Angst vor dem, was nun kommt.

          Im Morgengrauen nach dem Maifeiertag beginnt die Regierung im fernen Kiew dann also doch, die widerspenstige Stadt Slawjansk mit Gewalt zurückzuerobern. Von allen Seiten rollen Panzer auf das verschlafene ostukrainische Industriestädtchen zu. Soldaten lassen die blau-gelbe ukrainische Fahne wehen, als wollten sie den Leuten zeigen, dass nun wieder die Hauptstadt die Macht übernimmt.

          Seit drei Wochen gilt in Slawjansk das Faustrecht. Wjatscheslaw Ponomarjow, ein ehemaliger Seifenfabrikant mit großer Zuneigung zum russischen Präsidenten Wladimir Putin, ernannte sich zum „Volksbürgermeister“ und riss mit Hunderten bewaffneten Männern die Kontrolle an sich. An Straßensperren aus alten Autoreifen standen sie, hielten einfahrende Wagen an, verlangten raunzend nach Ausweisen und öffneten ungefragt die Kofferräume, um nach Waffen zu suchen.

          Ponomarjow läuft herum wie ein kleiner Präsident

          Drinnen, im Stadtzentrum, besetzten die Freischärler die Verwaltung, das Geheimdienstgebäude und die Polizeiwache. Sie versteckten sich hinter Schutzwällen aus Sandsäcken und bereiteten angeblich ein Referendum über den Status ihrer Region vor. Ponomarjow, ein kleiner Mann mit goldenen Schneidezähnen, dem zwei Finger fehlen, trat wie ein kleiner Präsident vor der Presse auf. Er schimpfte wild über die Junta, die in Kiew die Macht übernommen habe, und behauptete, nicht nur die Stadt Slawjansk mit ihren 120.000 Einwohnern, nein, der ganze Osten stehe hinter ihm.

          In der Stadt liefen seine Schergen teilweise mit schwarzen Masken und schweren Maschinengewehren umher. Und dann brachten sie leise mehr und mehr Geiseln in ihre Gewalt: Politiker, Journalisten, ukrainische Soldaten, angeblich rechtsradikale Kiewer Aktivisten und zuletzt westliche Militärbeobachter.

          Kämpft die ukrainische Armee gegen professionelle Söldner?

          Kiew versuchte es erst mit Bitten und Fordern. Doch wie die Separatisten in vielen anderen Städten der Ostukraine weigerten sich Ponomarjows Leute, den Platz zu räumen und Slawjansk wieder freizugeben. Dann setzte Kiew eine antiterroristische Operation an und ließ Militär in der Gegend aufziehen, ohne jedoch wirklich einzugreifen.

          Am Freitag hat nun aber offenbar die „aktive Phase“ der Operation begonnen. Das verkündete Innenminister Arsen Awakow wie so oft im sozialen Netzwerk Facebook. Er gab an, seine Einsatzkräfte hätten zahlreiche Straßensperren von den prorussischen Aktivisten eingenommen und umstellten die Stadt nun in einem engen Ring. Was wirklich passiert ist, kann seitdem niemand genau sagen. Die meisten Straßen sind gesperrt, der Zugverkehr abgebrochen, die Meldungen spärlich.

          Ratlosigkeit angesichts der Eskalation in Slawjansk

          Angeblich haben sich die Separatisten im Stadtzentrum verbarrikadiert und feuern auf die Militärs aus schweren Waffen und mit Granaten. Tote und Verletzte soll es geben. Ponomarjows Kämpfer sollen sich in Wohngebäuden verstecken und Zivilisten als Schutzschilde missbrauchen, schrieb Awakow. Ob das zutrifft, ist schwer zu sagen. Meldungen des Innenministers haben sich zuletzt mehrfach als irreführend oder falsch erwiesen.

          In der Stadt seien Gewehrschüsse und heftige Explosionen zu hören gewesen, wie ein AFP-Korrespondent berichtete. Männer und Frauen jeden Alters errichteten in den Straßen Barrikaden. Ein Teil von ihnen wurde in Brand gesetzt. Zwei gepanzerte Fahrzeuge, die von den Rebellen im vergangenen Monat erbeutet worden waren, bezogen in der Nähe des Rathauses Stellung. Milizenführer Wjatscheslaw Ponomarjow sagte in einer Videobotschaft: „Wir werden die Stadt verteidigen, und wir werden gewinnen.“

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