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Krim-Krise : Putin brüskiert die Serben

Entscheiden und entscheiden lassen: Putin in seiner Residenz Bild: RIA Novosti

Belgrad gilt als enger Verbündeter Moskaus. Nun hat der russische Präsident die Serben mit einem einzigen Satz über die Kosovo-Albaner in Wallung gebracht. Prominente Politiker sehen sich  zu verbalen Purzelbäumen gezwungen. 

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          Die erschütterlichen Prinzipien Moskauer Außenpolitik haben in dem Balkanstaat Serbien Ärger über die russische Schutzmacht hervorgerufen. Ein einziger Satz des russischen Präsidenten Wladimir Putin sorgt in Belgrad für Ungemach und aufgeregte Diskussionen. In einem Interview zu den Vorgängen in der Ukraine war Putin gefragt worden, wie er sich die Zukunft der Krim vorstelle und ob eine „Variante“ ihres Anschlusses an Russland erwogen werde.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Darauf antwortete der russische Präsident, er sei grundsätzlich der Ansicht, dass nur die Bürger, die in einem bestimmten Territorium leben, über deren Zukunft bestimmen können. Putin nannte die Kosovo-Albaner als Beispiel und fügte hinzu, das ihnen gestattete Recht auf Selbstbestimmung sei „seines Wissens“ in den entsprechenden Dokumenten der Vereinten Nationen verankert und von niemandem aufgehoben worden. Wenn die Bewohner der Krim also dem Beispiel des Kosovos folgen wollen, sei das in Ordnung, insinuierte Putin.

          Das Kosovo mit seiner albanischen Bevölkerungsmehrheit von mehr als 90 Prozent hatte im Februar 2008 seine staatliche Unabhängigkeit erklärt und sich von Serbien gelöst – allerdings gegen den entschiedenen Widerstand nicht nur Belgrads, sondern auch Moskaus. Die Vereinigten Staaten, Deutschland und die Mehrheit der EU-Staaten unterstützten die kosovarische Unabhängigkeit, Russland hingegen verhindert dagegen mit seinem Veto im UN-Sicherheitsrat bis heute die Aufnahme des Kosovos in die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen. Begründung: Die kosovarische Unabhängigkeitserklärung verletze die territoriale Integrität und staatliche Souveränität Serbiens, dessen Provinz das Kosovo von 1912 bis 2008 war.

          Dialektische Purzelbäume

          Und nun das. Putin sagt, die Einwohner der Krim sollten selbst entscheiden, wo sie leben sollen. Er spricht ihnen also jenes Selbstbestimmungsrecht zu, das Moskau den Kosovo-Albanern unter Berufung auf die territoriale Unversehrtheit Serbiens nicht zubilligt. Für Belgrad eine schwierige Lage, die einige serbische Politiker zu dialektischen Purzelbäumen zwang. Ministerpräsident Ivica Dacic sagte, Putin habe mit vollem Recht auf die „Prinzipienlosigkeit“ in Sachen Kosovo und Krim hingewiesen – die Prinzipienlosigkeit des Westens, wohlgemerkt. Aus Dacics Partei heißt es, das Kosovo habe kein Recht auf Selbstbestimmung gehabt, weil es „historisch serbisch“ sei, während die Krim „historisch ein russisches Territorium“ sei.

          Slobodan Samardzic, die rechte Hand des entschiedenen EU-Gegners und früheren serbischen Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica, sprach entschuldigend davon, Putin habe „in der Eile“ vielleicht „eine falsche Analogie zwischen Kosovo und der Krim hergestellt.“ Deswegen dürfe man ihm jedoch nicht gram sein, denn das Kosovo und die Krim seien in Wirklichkeit natürlich „vollkommen verschiedene Fälle. Die Kosovo-Albaner haben die Unabhängigkeit erklärt, auf der Krim wird für Autonomie gekämpft.“

          Neu ist das serbische Ungemach mit den Russen in Sachen Kosovo nicht. Im August 2008, kaum ein halbes Jahr nach der entschiedenen russischen Ablehnung der kosovarischen Unabhängigkeit, sprach sich die russische Duma einstimmig für die Anerkennung der Unabhängigkeit der von Georgien abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien aus.

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