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Kriegsversehrte in Deutschland : Der ukrainische Patient

  • -Aktualisiert am

Mit vorgehaltener Pistole

Der Frontarzt wollte das Bein amputieren. Vadim Bevza habe ihn mit vorgehaltener Pistole daran gehindert, sagt er. Dann hätten sie ihn nach Kiew gebracht, wo ihn die Ärzte aufgrund seiner vielen schweren Verletzungen für die Behandlung in Deutschland ausgewählt hätten.

Die Pfleger im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg hören viele Geschichten wie diese. Was Wahrheit und was Dichtung ist, das wissen sie nicht. 69 schwerverwundete Ukrainer wurden inzwischen in Deutschland behandelt, die meisten sind nicht älter als 20 Jahre. 69 Geschichten und Schicksale aus dem Krieg, der bis heute nicht beendet ist. „Wir gehen davon aus, dass wir noch über Jahre ukrainische Patienten haben werden“, sagt Charleen Zientek.

Die Kliniken in der Ukraine sind voller Kriegsverletzter. Soldaten mit besonders schweren Verletzungen fliegt die Bundeswehr mit einem Lazarettflugzeug von Kiew nach Berlin und verteilt sie auf ihre fünf Krankenhäuser, zuletzt Anfang Dezember. Anfangs seien die Wunden der Patienten so stark verkeimt gewesen, dass sie eine Quarantänestation hätten einrichten müssen, berichtet Jürgen Icks. Jede Operation, jeder Verbandswechsel barg für Ärzte, Pfleger und andere Patienten die Gefahr einer schweren Infektion. Inzwischen hätten sie das im Griff.

Als Vadim Bevza in Hamburg eintraf, wurde er umgehend operiert. Es folgten weitere 25 Eingriffe an Lunge, Herz, Gesicht und Bein. Vadim Bevza hat Verletzungen, die deutsche Militärärzte zuletzt nur bei Bundeswehrsoldaten sahen, die in Afghanistan verwundet wurden. Die Behandlung der Ukrainer, sagt Charleen Zientek, erfülle daher nicht nur einen humanitären Zweck. Sie diene auch dazu, deutsche Ärzte und Pfleger auf den Auslandseinsatz vorzubereiten.

Manche zeigen sich wenig dankbar

Die Rundumversorgung in den deutschen Krankenhäusern hat sich bei ukrainischen Verwundeten inzwischen herumgesprochen. Es sei für ihn ein großes Glück, hier behandelt zu werden, sagt Vadim Bevza. In seiner Heimat bekäme er nicht annähernd die Versorgung wie in Deutschland. Mancher ukrainische Patient scheint das großzügige deutsche Angebot allerdings falsch zu verstehen. Pflegerinnen berichten von sexueller Belästigung, die in einigen Fällen dazu geführt habe, dass die Patienten in die Ukraine zurückgeschickt worden seien. „Man sollte meinen, die müssten demütig und dankbar sein“, sagt Oberstabsfeldwebel Icks. „Einige denken aber, das hier ist das Schlaraffenland und sie könnten sich alles erlauben.“

Vadim Bevza hat inzwischen ein neues Gesicht. Bundeswehrärzte verpflanzten Knochen, Hautlappen und Muskeln aus dem Becken an die Stelle, an der einst seine Nase war. Sie sind auf plastische und Wiederherstellungschirurgie spezialisiert und werden in weiteren Operationen versuchen, daraus wieder eine ansehnliche Nase zu machen. Als Vadim Bevza auf seinem Bett sitzt und das Handybild von sich und seiner Frau zeigt, kommt der Arzt ins Zimmer, der ihn operiert hat. „Das sieht doch schon gut aus“, sagt er und betrachtet die Nase. Er hoffe, bald nicht mehr wie ein Monster auszusehen, erwidert Vadim Bevza und lächelt gequält.

Der Operationsmarathon geht für ihn im nächsten Jahr weiter. Bis dahin will er in den Dienst zu seiner Einheit zurückkehren. Die sei jetzt in Slawjansk stationiert, sagt er. „Wir rechnen damit, dass die Russen den Weg zur Krim haben wollen. Also werden sie dort bald angreifen.“

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