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Ukraine-Krise : Zweifelhafte Majdan-Kämpfer

Die Freiwilligeneinheiten sind zum Teil eine bewaffnete Fortsetzung des „Majdan“, der Demonstrationsbewegung, die im Winter in der Hauptstadt Kiew den kleptokratischen Präsidenten Viktor Janukowitsch gestürzt hat. Manche der damaligen „Hundertschaften“ aus der „Selbstverteidigung des Majdan“ werfen sich jetzt mehr oder weniger komplett, aber nun eben mit Kalaschnikows in der Hand, statt mit Knüppeln und Schilden, der Intervention im Osten entgegen. Sie haben in den vergangenen Wochen die Hauptlast der Gefechte im Donbass getragen und etwa im Kessel von Ilowajsk schwere Verluste erlitten.

Diese Männer und Frauen, die sich oft mitten aus dem Berufs- und Familienleben an die Front gemeldet haben, um die im Winter erkämpfte Demokratie gegen die Intervention aus Russland zu verteidigen, können mit Recht als eine Wiederkehr des Scharnhorstschen Bürgersoldaten, des „geborenen Verteidigers“ seines Staates, gelten.

Praktisch Privatarmeen von Oligarchen

Allerdings zeigen die Vorwürfe von Amnesty International, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Weil das Freiwilligenheer der ukrainischen Revolution in rasender Eile während eines schon tobenden Krieges aufgestellt werden musste, weil man damals offenbar glaubte, jeden nehmen zu müssen, der sich meldete, haben sich unter die demokratischen Aktivisten des „Majdan“ auch zweifelhafte Elemente mischen können.

Oligarchen wie der Milliardär Ihor Kolomojskij haben als Großspender mehrerer Bataillone praktisch Privatarmeen aufgestellt. Die bisher bedeutungslose rechtsextremistische Organisation „Sozial Nationale Versammlung“ (SNA) hat die Gunst der Stunde genutzt und unter ihrem Führer Andrij Biletzkij das Bataillon „Asow“ gegründet.

Jetzt spielt sie eine Hauptrolle bei der Verteidigung der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. Biletzkijs Stellvertreter Oleh Odnoroschenko hat dieser Zeitung die Verbindung des Bataillons zur SNA bestätigt und hinzugefügt, zu den Zielen seiner Organisation gehöre es, die „rassische Identität Europas“ zu bewahren. Die Demokratie sei die schlechteste aller Staatsformen. Andere Feldkommandanten, wie Dmito Jarosch vom sogenannten „Rechten Sektor“, haben schon gelegentlich gedroht, die Waffen gegen die eigene Führung zu richten, falls bestimmte innenpolitische Forderungen nicht erfüllt würden.

Was tun gegen die Extremisten?

Solche Entwicklungen müssen gestoppt werden, wenn die eindrucksvolle freiwillige Mobilisierung, ohne welche die Verteidigung der Ukraine gegen die Intervention aus Russland möglicherweise längst zusammengebrochen wäre, nicht nach innen und außen diskreditiert werden soll. Die Vorwürfe gegen Soldaten, welche die Not der Zeit zur eigenen Bereicherung und zum Ausleben atavistischer Aggressionen nutzen, müssen sofort untersucht und bestraft werden; demokratiefeindliche Extremisten müssen unter Kontrolle gebracht werden.

Amnesty International hat die richtigen Forderungen gestellt: Bei allen Verdiensten der Freiwilligen führt kein Weg daran vorbei, die Bürgerbataillone der ukrainischen Revolution in eine „klare Struktur von Kommando, Kontrolle und Verantwortung“ einzugliedern. Ohne eine Stärkung der Armee, ohne Geld, Ausrüstung und Waffen für die regulären Streitkräfte wird das nicht gehen.

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