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Krieg in der Ukraine : „Russland lässt seine Soldaten im Stich“

  • Aktualisiert am

Gut getarnt: Ein pro-russischer Scharfschütze liegt in der Ostukraine auf der Lauer. Bild: AP

Walentina Melnikowa ist „Soldatenmutter“ und kämpft seit 25 Jahren gegen Missstände in der Armee. Sie ist sich sicher, dass russische Soldaten in der Ukraine Krieg führen – und dass Moskau „die Todesfälle nicht endlos verstecken“ kann.

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          Frau Melnikowa, Ihrer Schätzung nach sind bislang mindestens 500 russische Soldaten im Krieg in der Ukraine gefallen. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

          Offizielle Zahlen und Dokumente gibt es nicht, der Tod der Soldaten gilt als „Staatsgeheimnis“. Aber die ukrainische Seite hat ihre Verluste veröffentlicht, und anhand militärwissenschaftlicher Formeln kann man die Verluste der Gegenseite in den Gefechten schätzen. Hinzu kommt meine Erfahrung aus mittlerweile neun Kriegen. Nach meiner Schätzung verzeichnet die russische Seite mindestens halb so viele Gefallene wie die ukrainische. Also mindestens 500.

          Steht für Sie fest, dass russische Soldaten in der Ukraine kämpfen?

          Absolut. Es gibt viele Geschichten, die es bestätigen. Zum einen haben sich die Verwandten von Rekruten aus Rjasan an mich gewandt, die ins Gebiet Rostow gebracht wurden, auf den Übungsplatz nach Gukowo nahe der Grenze. Denen hat ein Oberstleutnant ganz offen gesagt: „Unterschreiben Sie einen Vertrag, oder ich unterschreibe für Sie und schicke Sie nach Lugansk.“ 250 russische Wehrdienstleistende haben diesen Satz gehört, ein junger Mann hat ihn mir gleich per SMS geschickt. Wir haben eine Beschwerde an die Militärstaatsanwaltschaft geschrieben und es im Verteidigungsministerium gerügt. Dann hat man die jungen Leute zurückgeschickt. Das zweite Indiz sind die Totenscheine: multiple Splitterwunden, Beschädigungen von inneren Organen. Insassen eines Militärfahrzeugs waren halb verbrannt, man konnte sie nicht identifizieren. Wenn das wirklich, wie es nun heißt, Einzelfälle bei „Manövern“ waren, hätte die Militärstaatsanwaltschaft doch sofort ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Aber nichts dergleichen, wir führen seit einem halben Jahr Krieg, und es gibt kein einziges Ermittlungsverfahren.

          Als wir verlangten, im Fall des nicht identifizierbaren jungen Soldaten zu ermitteln und seine Eltern als Geschädigte anzuerkennen, verweigerte man das – den zweiten Monat geht das nun schon so, formell ohne Grund. Und gerade haben sich neun Rekruten an uns gewandt, die einen Vertrag mit der Armee abgeschlossen haben und in der Ukraine kämpften. Bei der Rückkehr ins Gebiet Rostow wurden ihnen die Uniformen abgenommen. Sie sollten neue kaufen, für 60.000 Rubel (rund 872 Euro). Von so einem Fall habe ich in all den Jahren noch nie gehört. Diese Soldaten fühlen sich betrogen, sie wollen weg aus der Armee.

          Warum schweigen die Verwandten der „verschwundenen“ und gefallenen Soldaten?

          Es gibt diesen sowjetischen Spruch: „Wenn du schweigst, unternimmt man nichts gegen dich.“ Aber ich begreife auch nicht, was die meisten Hinterbliebenen dazu bewegt. Sie scheinen nicht zu verstehen, dass der Staat verpflichtet ist, sie zu entschädigen. An uns haben sich aber auch drei Familien gewandt, die nicht schweigen. Zunächst der Bruder eines jungen Mannes, der in ukrainische Gefangenschaft geriet. Dann eine Familie, der mitgeteilt wurde, ihr Sohn, der bei den Luftlandetruppen in Kostroma war, sei gefallen. Aber den Leichnam erhielten sie nicht. Der Vater beschwerte sich bei der Militärstaatsanwaltschaft, und sie erhielten einen Leichnam. Ihnen wurde gesagt: „Öffnen Sie den Sarg nicht, verderben Sie sich nicht die Laune.“ Sie haben den Sarg dennoch geöffnet – und den Sohn nicht erkannt. Es gab praktisch kein Gesicht, eine Hand fehlte, die zweite war zerfetzt...

          Hilfe aus Moskau für Donezk: Die humanitäre Unterstützung aus Russland ist bildlich gut dokumentiert, anders als die militärische Unterstützung.

          Und schließlich hat ein junger Soldat Frau und Kind hinterlassen, die keine Dokumente haben. Sie brauchen eine Bescheinigung vom Kommandeur der Einheit über den Sold, den der Mann bezog, um sich an den Pensionsfonds zu wenden. Das war im August. Neulich habe ich den Fall bei einem Treffen mit zwei stellvertretenden Verteidigungsministern angesprochen. Aber die Bescheinigung gibt es immer noch nicht.

          Was sagen denn die offiziellen Vertreter, wenn Sie sie auf den Einsatz in der Ukraine ansprechen?

          Vor kurzem war der stellvertretende Verteidigungsministers Ruslan Zalikow bei einer Sitzung des Menschenrechtsrats des Präsidenten. Er hat uns lange zugehört und all unsere Vorwürfe zur Ukraine angehört. Dann hat er uns detailreich erklärt, dass alles, was geschieht, unter das „Staatsgeheimnis“ falle und er selbst nicht über alles unterrichtet sei.

          Welche Heeresteile sind Ihrer Einschätzung vom Einsatz in der Ukraine betroffen?

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