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Ukraine : Der Krieg verändert sie alle

Die Bürgerliche Revolution

Und genau deshalb ist „Strike“, der früher in Kiew mit Metallwaren gehandelt hat, auch bei aller soldatischen Disziplin der Ansicht, dass das Bataillon nicht zögern sollte, „die Revolution fortzuführen“, falls es sich zeigen sollte, dass Petro Poroschenko, der Milliardär im Kiewer Präsidentenpalast, wieder die alten Pfade der Oligarchen einschlagen sollte. Es gibt Radikalität unter diesen Männern, es gibt Unduldsamkeit, angelegt im Überlebenskampf des Kleinunternehmers im Dschungel der Korruption vor der Revolution, gehärtet im Hagel der Raketenwerfer. In den Kategorien der sowjetischen Geschichtsdeutung hätte man ihren Kampf wohl als „bürgerliche Revolution“ beschrieben, samt Militanz, Radikalität, Jakobinismus – aber Rassismus oder antirussischen Hass findet man hier nicht.

Später am Abend hat ein älterer Kämpfer, den sie respektvoll mit Namen und Vatersnamen Michail Jurijewitsch nennen, sogar noch ein Foto aus seiner Jugend in Russland hervorgeholt – das Bild eines Kriegsschiffs der sowjetischen Pazifikflotte, seines Schiffs, auf dem er damals als junger Mann vor der sibirischen Küste diente. Voll nostalgischem Stolz hat er es herumgezeigt. Sie sind keine Russenhasser hier, sie sind auch keine Rassisten. „Nazis“, sagt „Hummer“ abschätzig, „das werden nur die, die sonst nichts geworden sind.“

Und trotzdem sind die Männer, die jetzt von der Front zurückkommen, auch nicht mehr ganz einfach nur wie andere auch. Natalia Moskowjetz weiß, was es heißt, einen Kämpfer von „Donbass“ zum Mann zu haben. Früher, sagt sie, waren sie sich nah, „die Kinder waren sein Ein und Alles“. Als er dann wiederkam, verwundet und verhärtet, erkannte sie ihn kaum wieder. Alle waren sie so: kurz angebunden, abwesend, unleidlich. Natalia hat sich deshalb mit ein paar Freundinnen zusammengetan und den Verein der „Frauen und Mütter“ gegründet. Sie beraten sich gegenseitig, sie fahren mit ihren Männern ins Grüne. Manchmal nehmen sie auch Psychologen mit, aber nur heimlich, ohne es an die große Glocke zu hängen. Dass ein Kämpfer von „Donbass“ seelisch verletzt sein könnte, dass auch echte Kerle posttraumatische Belastungsstörungen haben können, ist in der ukrainischen Gesellschaft mit ihren archaischen Geschlechterrollen noch nicht angekommen. „Wir machen das undercover“, sagt Natalia. Sonst würden die ja nie mit ihnen ins Grüne kommen, ihre Helden von der Front.

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Sie selbst hat es geschafft. Als ihr Mann wiederkam, nach der Schlacht von Ilowajsk im letzten Sommer, war er ein anderer Mensch. Nichts interessierte ihn, nur das Bataillon, das Bataillon, das Bataillon. Seine alten Freunde – passé; die Kinder – kaum einen Blick wert, außer wenn er nach kurzem Urlaub wieder in den Kampf ging. Dann verabschiedete er sich jedes Mal so schmerzlich von ihnen, als sei es für immer. Wie hat sie das alles bewältigt, mit diesem Mann? „Ich habe irgendwann aufgehört zu drängen“, sagt sie ernst und ruhig. „Ich habe gesehen, dass andere Frauen ihre Männer ganz verloren haben – dass sie tot waren oder gefangen.“ Ihrer war ja immerhin noch da, und so hat sie versucht, ihn zu verstehen und ihm zugleich verständlich zu machen, dass sie eben nicht nur Soldatenfrau ist, sondern ein Mensch mit eigenen Interessen. „So habe ich seinen Respekt gewonnen.“ Er aber habe verstanden. Vor kurzem, da hätten sie sogar einen richtigen Wochenendausflug gemacht, einen ganzen langen Tag mit den Kindern.

An der Düne über Melekyne ist der Hochzeitskonvoi auf die Hauptstraße eingebogen, Richtung Mariupol, wo nachts manchmal noch die Gewehrsalven über das Wasser knattern und wo über dem Standesamt immer noch das Blau-Gelb der Ukraine weht. Wie heißt die Braut? „Nastja!!“, schreit „Jakut“ vom Steuer herüber, während im Fahrtwind die Luftballons rattern. Und der Bräutigam? „Docker“, brüllen sie zurück, alle im Chor. Das muss genügen. Sie haben ja nur Kampfnamen, hier draußen beim Bataillon.

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