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Krieg in der Ostukraine : Wie zählt man einen Krieg?

Mörser in der „Mayak“-Rüstungsfabrik in Kiew, aufgenommen am 2. August 2016. Bild: dpa

Mehr als 100 Tage OSZE-Protokolle hat FAZ.NET analysiert, um der Frage nachzugehen, wer den Waffenstillstand in der Ostukraine untergräbt. Das war die Methodik.

          Dreiundzwanzig Monate nach dem ersten Waffenstillstand zwischen prorussischen Milizen und der Kiewer Regierung im ostukrainischen Kohle- und Stahlrevier Donbass liegen viele Städte und Dörfer auf beiden Seiten der Front immer noch jede Nacht unter eine Wolke von Geschützdonner. Immer noch sterben Tag für Tag Menschen. Wer aber ist schuld? Die Separatisten und ihre russischen Sponsoren? Die ukrainischen Streitkräfte? Beide Seiten zugleich? Wer trägt die Verantwortung für diese Tragödie?

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          FAZ.NET hat die einzig verfügbare neutrale Quelle genutzt, die geeignet scheint, dieser Frage nachzugehen: die Tagesberichte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die seit dem Beginn des Konflikts im März 2014 eine Sonder-Beobachtungsmission (SMM) mit gegenwärtig knapp 600 Teilnehmern in der Ostukraine unterhält. Ihre Protokolle, gestützt auf die direkten Beobachtungen von Patrouillen im Kriegsgebiet, die Auswertung der täglichen Gefechtsgeräusche, auf Luftaufnahmen, Aufzeichnungen von Gefechtsfeldkameras sowie Besuche in Krankenhäusern und Leichenhallen, enthalten täglich Hunderte von Einzelinformationen. Die Redaktion hat nun etwa 100 Tage (16. April bis 31. Juli 2016) dieses Datensatzes durchleuchtet – nach unserer Auffassung lang genug, um eine hinreichende Datenbasis zu erhalten, aber auch kurz genug, um ein aktuelles, also nicht allzu sehr von der Vergangenheit geprägtes Bild zu zeichnen.

          Bei der Auswertung der OSZE-Berichte wurden schnell Schwierigkeiten sichtbar. Die wichtigste war, dass der bei weitem größte Teil der Ereignisse, welche die Beobachter täglich zählen, Explosionen sind, die lediglich als Geräusch registriert werden: Mündungsfeuer von Artillerie, Panzerfäusten, Maschinengewehren und Handfeuerwaffen, Detonationen einschlagender Geschosse, Explosionen von Minen und Sprengfallen. Oft werden täglich hunderte solcher Ereignisse verzeichnet. Diese Aufzeichnungen sind wertvoll, denn sie dokumentieren die Intensität der täglichen Kämpfe, aber bei der Frage „wer ist schuld“ führen sie meist nicht weiter.

          Berichte bieten oft keine Klarheit

          Schallbeobachtungen mit freiem Ohr sind nicht besonders präzise. Einschlags- und Abschussgeräusche sind nicht immer eindeutig zu unterscheiden, Entfernungen bleiben oft unklar. Sehr oft lassen sich deshalb die Berichte der Beobachter etwa so: „In Jasynuwata (unter der Kontrolle der ‚Donezker Volksrepublik‘, 16 Kilometer nordöstlich von Donezk) hörte die SMM 69 undefinierte Explosionen, mehr als 170 Abschussgeräusche und mehr als 40 Einzelschüsse schwerer Maschinengewehre sowie Feuer von Handwaffen, größtenteils einen bis acht Kilometer Richtung West-Südwest, West, und West-Nordwest.“ Angesichts der oft sehr geringen Abstände zwischen den feindlichen Linien heißt das: Die Beobachter haben zwar ein Gefecht feststellen können, aber wer auf wen geschossen hat, bleibt unklar.

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