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Krieg in der Ostukraine : Wer bricht den Waffenstillstand?

Ukrainische Streitkräfte stärker belastet

Noch ein weiteres verzerrendes Element kommt hinzu: Der oberste Militärstaatsanwalt der Ukraine hat mitgeteilt, dass seit Beginn des Krieges beinahe die Hälfte aller Gefallenen auf ukrainischer Seite durch Krankheiten, Verkehrsunfälle, Alkohol- oder Rauschgiftmissbrauch, nachlässigen Umgang mit Waffen, Streit oder Selbstmorde ums Leben gekommen ist. Von der prorussischen Seite gibt es solche Angaben nicht. Aber es darf angenommen werden, dass hier die Lage ähnlich ist.

Zu den Gefallenen kommen die Opfer in der Zivilbevölkerung hinzu. Die OSZE geht regelmäßig den Informationen beider Seiten nach und befragt Opfer, Zeugen und ärztliches Personal. Die Redaktion hat unter den gemeldeten Fällen allerdings nur die gezählt, an denen eindeutig eine der beiden Konfliktparteien Schuld trägt – also vor allem Opfer von Artilleriebeschuss. Fälle mit unklarer Verantwortung, also etwa solche, wo Kinder mit Granaten spielen, oder Zivilpersonen durch Minen und Sprengfallen unklarer Herkunft verletzt worden sind, blieben unberücksichtigt. Das Ergebnis belastet die ukrainischen Streitkräfte stärker als die Separatisten: Im beobachteten Zeitraum sind in den Volksrepubliken „DPR“ und „LPR“ 34 Zivilpersonen durch gegnerisches Feuer verletzt oder getötet worden, auf Regierungsgebiet dagegen 23.

Die vergleichsweise große Zahl von zivilen Opfern der ukrainischen Kriegsführung dürfte darin begründet sein, dass die Front am Rand des dicht besiedelten Ballungsraums Donezk entlangläuft. Ukrainische Geschosse, die im Separatistengebiet einschlagen, treffen Wohngebiete, während Granaten der Separatisten, die auf Regierungstruppen zielen, eher auf offenem Feld niedergehen.

Geschütze in Wohngebieten

Es kommt hinzu, dass die Artillerie der Separatisten immer wieder in besiedelten Quartieren Stellung nimmt und damit Gegenfeuer der Regierungsseite provoziert. Die OSZE hat im untersuchten Zeitraum vier solche Fälle verzeichnet. In dem von Separatisten gehaltenen Ort Staromychailiwka zum Beispiel erzählte ein Zeuge den Beobachtern, während eines vermutlich ukrainischen Artillerieangriffs habe er in der Ortschaft ein Militärfahrzeug der Separatisten mit einem aufgerichteten Kanonenrohr gesehen.

In einem weiteren Fall hat die OSZE vier Haubitzen direkt dabei beobachtet, wie sie im von prorussischen Milizen gehaltenen Ort Kalynowe in „sehr großer Nähe zu Wohngebieten“ feuerten. Ein ähnlicher Fall wurde vom OSZE-Stützpunkt in der besetzten Stadt Horliwka berichtet, wo die Beobachter nur wenige hundert Meter von ihrer Basis entfernt Geschützdonner hörten. Auch Bewohner der Separatistenhochburg Donezk haben der OSZE einen solchen Fall geschildert. Als die Beobachter am 28. Mai einen von mutmaßlich ukrainischer Artillerie beschädigten Wohnblock am Stadtrand inspizierten, erzählten ihnen Zeugen, dass die Kämpfer der „Donezker Volksrepublik“ manchmal aus dieser Nachbarschaft feuerten, um sich danach sofort zurückzuziehen. Einmal hätten sie sogar darum gebeten, einen Mörser auf dem Dach eines Wohnblocks in Stellung bringen zu dürfen.

Auf ukrainischer Seite sind solche Fälle im untersuchten Zeitraum nicht bekannt geworden. Allerdings stellte die OSZE einmal in einer beschossenen Schule auf Regierungsgebiet fest, dass die Armee im obersten Stockwerk einen Beobachtungsposten eingerichtet hatte.

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