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Krieg in der Ostukraine : Wer bricht den Waffenstillstand?

Kameras gestört

Vor allem bei Schyrokyne feuern die Ukrainer offenbar weit öfter als die separatistischen Kräfte. Die Kameras haben im Beobachtungszeitraum jedenfalls etwa doppelt so viele Schüsse der Ukrainer registriert (etwa 1080) als solche der Separatisten (etwa 530). Dass die Ukrainer gerade in Schyrokyne so aktiv sind, kann daran liegen, dass dieses Dorf für die Verteidigung des Hafens Mariupol, der letzten ukrainisch gehaltenen Großstadt im Donbass mit zwei gewaltigen Stahlwerken und einer strategisch wichtigen Küstenstraße, die theoretisch Russland mit der 2014 annektierten Krim verbinden könnte, entscheidend ist. Es liegt 20 Kilometer östlich der Stadt, und wer es hält, kann von hier aus Mariupol mit Raketenwerfern beschießen. Die Separatisten haben das in der Vergangenheit auch schon getan. Mit tödlichen Folgen. Vermutlich aus diesem Grund liegt der ukrainischen Seite viel daran, diesen Ort unter allen Umständen in der Hand zu behalten.

Trotz solcher Argumente belastet die Schussbilanz von Schyrokyne die ukrainischen Streitkräfte. Dass diese Redaktion sie dennoch separat führt, statt sie in die allgemeine Zählung aufzunehmen liegt daran, dass die Aufzeichnungen der drei Kameras im gesamten Kriegsgebiet zusammengenommen wegen einer entscheidenden Störmaßnahme der prorussischen Milizen möglicherweise schwer verzerrt worden sind: Die Kämpfer der „DPR“ haben die Kamera bei der Kohlengrube „Oktjabr“ am Flughafen von Donezk über Wochen abgeschaltet. Am Ende des Beobachtungszeitraums war sie nach wie vor nicht in Funktion. Nach Auskunft der OSZE haben sich die Separatisten dabei auf einen Befehl ihres „Staatsoberhauptes“ Alexander Sachartschenko berufen. Die Vermutung liegt daher nahe, dass diese Störmaßnahme den Zweck hatte, eigene Artillerietätigkeit zu verschleiern.

Kein Durchkommen: Ein ukrainischer Wachposten nahe des Dorfs Vinogradnoye, östlich von Mariupol (Archivbild).

Tote und Verletzte

Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte schätzt, dass der Krieg im Donbass seit Beginn mehr als 9500 Menschen das Leben gekostet hat, unter ihnen 2000 Zivilpersonen. Mehr als 22.000 Menschen wurden verletzt. Welche Seite dafür in welchem Maß verantwortlich ist, lässt sich aus den Angaben der OSZE nicht ableiten, weil die Beobachter zwar Meldungen über zivile Opfer überprüfen, militärische Verluste aber nur sehr sporadisch verfolgen. Deshalb hat die Redaktion hier die Selbstauskunft beider Seiten herangezogen – die Verlautbarungen der ukrainischen Streitkräfte sowie der „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk. Weil allerdings diese Quellen parteiisch sind, muss ihre Darstellung mit Vorsicht betrachtet werden.

Nach den Selbstauskünften beider Seiten haben die Ukrainer zwischen Mitte April und Ende Juli 99 Tote und 501 Verletzte verzeichnet, zusammen 600 Opfer. Die Separatisten geben deutlich weniger an: 39 Tote und 32 Verletzte, also insgesamt 71 Opfer.

Demnach wären die militärischen Verluste der Ukrainer acht- bis neunmal so hoch wie die der prorussischen Kämpfer. Allerdings gibt es Gründe anzunehmen, dass beide Seiten ihre Angaben frisieren. Beide sind daran interessiert, ihre Verluste gering erscheinen zu lassen, weil sie um Freiwillige für den Militärdienst werben. Bei den Separatisten kommt hinzu, dass Tote und Verletzte aus Russland mutmaßlich verschwiegen werden. Außerdem werden die Zahlen dadurch verzerrt, dass die ukrainischen Militärsprecher die Verluste von Armee, Nationalgarde, Geheimdienst und Polizei zusammenzählen, während die „Volksrepubliken“ nach Informationen dieser Zeitung bei ihren offiziellen Angaben nur Angehörige ihrer „Armee“ zählen.

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