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Litwinenko Bericht : Offiziell unbeeindruckt

Der russische Präsident Wladimir Putin steht unter Verdacht, den Mord an Alexander Litwinenko unterstützt zu haben. Bild: dpa

Schon bevor es den Untersuchungsbericht zum Litwinenko-Mord gab, war die russische Linie klar. „Uns interessiert das nicht“, hieß es aus dem Kreml. Doch ganz so unbeeindruckt scheinen die russischen Machthaber nicht zu sein.

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          Die offizielle Linie für die Reaktion auf den britischen Bericht zum Litwinenko-Mord hat Putins Sprecher schon am Mittwoch ausgegeben: Die Untersuchung in London gehöre „nicht zur Sphäre der Themen, die uns interessieren“, sagte Dmitrij Peskow. Auch die Reaktion des russischen Außenministeriums nach der Veröffentlichung des Berichts am Donnerstag blieb verhalten: Nach dem „politisch engagierten und äußerst intransparenten Prozess“ habe man kein anderes Ergebnis erwartet und bedauere, dass dadurch „die allgemeine Atmosphäre in den bilateralen Beziehungen verdüstert wird“. Doch ganz so unberührt scheinen Richter Owens Schlussfolgerungen den Kreml doch nicht gelassen zu haben, denn sowohl die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti als auch das Staatsfernsehen zitierten eine anonyme Quelle „in den staatlichen Strukturen“ die mit ernsten Folgen für die Beziehungen zu London drohte.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Das liegt womöglich an dem Satz in Owens Bericht, der in der Berichterstattung der staatlichen russischen Medien nicht vorkam: Dass der Mord im November 2006 wahrscheinlich von Präsident Wladimir Putin und Nikolaj Patruschew – damals Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, heute Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates – gutgeheißen wurde. Patruschew ist einer der engsten Weggefährten Putins und Vertreter einer harten antiwestlichen Linie. Seine Weltsicht dreht sich um die von ihm immer wieder öffentlich geäußerte Behauptung, das Ziel der westlichen, vor allem amerikanischen Politik sei es, die Existenz des russischen Staates zu beenden.

          Die Wege Putins und Patruschews auf der einen und Alexander Litwinenkos auf der anderen Seite haben sich zweimal gekreuzt: Erstmals im November 1998, als Litwinenko zu einer Gruppe von FSB-Agenten gehörte, die behaupteten, sie hätten den Befehl verweigert, den Oligarchen Boris Beresowskij zu ermorden. Putin war damals der Direktor des Geheimdienstes, Patruschew sein Stellvertreter. Sie ließen ein Strafverfahren gegen Litwinenko einleiten, dem dieser sich im Jahr 2000 durch seine Flucht nach Großbritannien entzog.

          Im Exil veröffentlichte Litwinenko dann 2002 ein Buch, in dem er den FSB beschuldigte, die Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau, Wolgodonsk und Bujnaksk im Sommer 1999 verübt zu haben, bei denen fast 300 Menschen getötet wurden. Diese Anschläge wurden offiziell tschetschenischen Terroristen zugeschrieben, die sich aber – anders als bei anderen Anschlägen – nie dazu bekannten, und dienten als Begründung für den Beginn des zweiten Kriegs in Tschetschenien. Putin war nur wenige Wochen vor den Explosionen zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Aufgrund seiner harten Reaktion wurde er innerhalb kurzer Zeit von einem blassen, unbekannten Apparatschik zum beliebtesten Politiker Russlands. Der von Litwinenko erhobene Vorwurf rührt also an die Wurzeln der bis heute anhaltenden Popularität Putins. Patruschew wiederum war Putins unmittelbarer Nachfolger als FSB-Direktor, leitete den Geheimdienst also zur Zeit der Anschläge.

          Die Hauptverdächtigen Lugowoi und Kowtun

          Die britischen Anschuldigungen gegen Putin und Patruschew kommen zu einer Zeit, in der auch andere ranghohe Vertreter des Regimes beschuldigt werden, in Verbrechen verstrickt zu sein oder doch wenigstens eigenartige Kontakte zu Kriminellen zu pflegen. So haben Recherchen des „Fonds zum Kampf gegen die Korruption“ des Oppositionellen Alexej Nawalnyj ergeben, dass die Söhne des Generalstaatsanwaltes Jurij Tschajka mit freundlicher Unterstützung der väterlichen Behörde mehrere lukrative Unternehmen gewaltsam übernommen haben; zudem besitzen laut diesen Recherchen Personen aus Tschajkas unmittelbarer Umgebung im Ausland gemeinsame Unternehmen mit den Ehefrauen der verurteilten Anführer einer berüchtigten kriminellen Bande aus dem Süden Russlands.

          Auch die Akten der spanischen Justiz zu Ermittlungen gegen einen der größten russischen Mafia-Clans, die sogenannte Tambowskaja-Gruppe, lesen sich fast wie ein Who-is-Who der russischen Elite: Laut abgehörten Telefongesprächen pflegten unter anderen der Leiter des Ermittlungskomitees Aleksandr Bastrykin, der frühere Ministerpräsident Viktor Subkow, der frühere Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow und der ehemalige Parlamentspräsident Boris Gryslow (der gegenwärtig auf russischer Seite die Verhandlungen über eine Friedenslösung für die Ukraine leitet) Verbindungen zu den in Spanien lebenden Kriminellen.

          Der Leiter der russischen Drogenfahndungsbehörde Viktor Iwanow steht im Verdacht, schon in den neunziger Jahren mit der Tambowskaja-Gruppe gemeinsame Sache gemacht zu haben – er soll damals als Geheimdienstler in Sankt Petersburg dabei geholfen haben, Rauschgift in das Land zu bringen; gedeckt worden sei er dabei vom für Außenhandel zuständigen stellvertretenden Bürgermeister, einem aussichtsreichen jungen Mann namens Wladimir Putin. Das jedenfalls behauptete ein Zeuge im Londoner Litwinenko-Verfahren.    

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