https://www.faz.net/-gq5-81ca0

„Konservatives Forum“ : Des Kremls rechtsextreme Freunde

In der Schuldfrage zur Ukraine wird hier keiner aus der Reihe scheren. Auch nicht Udo Voigt, der früher die NPD führte und mittlerweile für sie im Europäischen Parlament sitzt. Er kritisiert die „Aggressionspolitik“ der „US-Nato“, lobt die „unendliche Geduld der russischen Regierung“ und Putins „Fingerspitzengefühl“, das eine „bewaffnete Auseinandersetzung“ vermeide. Applaus erhält Voigt, als er den „American Way of Life“ geißelt und fordert, ein „Europa der Vaterländer“ solle sich „nicht um Probleme der Schwulen und Lesben“ kümmern.

Draußen vor dem Hotel demonstriert eine antifaschistische Aktivistin gegen das Treffen der Rechtsextremen - und wird von der Polizei abgeführt.

In einer Pause zwischen den Referaten, die westlichen Werteverfall und Kapitalismus geißeln und europäisch-russische Gemeinsamkeiten rühmen, tauscht der tätowierte Zopfträger, der für „Neurussland“ Ukrainer tötet, im Mittelgang des Saals einige Worte mit einem amerikanischen Publizisten aus. Dieser gilt als Autor von Werken wie „Weiße Identität: Rassenbewusstsein im 21. Jahrhundert“ als Rassist, was er zurückweist. Als die Rede auf die Ausrüstung kommt, fragt der Amerikaner im Ton höflicher Überraschung: „Oh, Sie kämpfen im Donbass?“ Er müsse leider weiter, sei aber froh über das Treffen. In seinem eigenen Referat bezeichnet der Publizist „mein Land“, die Vereinigten Staaten, als „größten Feind der Tradition, den es je gab“. Doch „viele Amerikaner“ schämten sich für die „Arroganz“ ihrer Regierung. „Wir werden selten gehört. Aber wir sind da.“ Ein anderer Amerikaner spricht vom „Regime“ in Washington und dankt Putin, der „weiße Christen“ in Russland zu vielen Geburten ermutige.

Es sind Stimmen, wie sie sonst der russische Auslandssender RT schätzt. Der steht indes zumindest nicht auf der Liste der angemeldeten Medien. Ein anderer Staatssender hat zwar Mitarbeiter hergeschickt. Doch traditionell sind Figuren wie Udo Voigt selbst dem russischen Staatsfernsehen zu extrem. Ebenso wie der französische Lokalpolitiker, der den - von Russland mit einem Millionenkredit alimentierten - Front National unter Marine Le Pen, die sich mit „Schwulen“ und „Freimaurern“ umgebe, nicht mehr wiedererkannt und deshalb die Partei gewechselt haben will. Oder den schottischen Anti-Abtreibungs-Aktivisten, der unter einem auf eine Leinwand projizierten Bild vom segnenden Christus Putin als „echten Mann“ rühmt. Zu sowjetischer Zeit waren Kontakte mit Parteien des äußersten rechten Spektrums verpönt. Nun soll eine neue „virtuelle Komintern“, wie es ein kremlnaher Politikwissenschaftler ausdrückte, gerade auch diese Figuren umfassen.

Stolz präsentieren sich die Mitglieder des Motorradklubs „Nachtwölfe“ vor ihrem Vereinsgelände in Luhansk. Die „Nachtwölfe“ sind für ihre nationalistischen Ansichten bekannt. Bilderstrecke

Die Lust am äußersten Rand mag Ausdruck der Isolation Moskaus sein. In jedem Fall ist das Forum in Sankt Petersburg - wo einst Putins Karriere im Netzwerk von Geheimdienst und nützlichen Freunden ihren Anfang nahm und zumindest Letztere reich machte - Ausweis ideologischer Flexibilität. Die liberale Oppositionspartei „Jabloko“, deren Hochburg in Sankt Petersburg ist, hebt in einer Protesterklärung hervor, dass ein solcher Kongress von Parteien, die als „neonazistisch“ und „ultranationalistisch“ bekannt seien, insbesondere am Vorabend des 70. Jahrestags des Sieges über den Faschismus nicht hinnehmbar sei. Am Sonntagmittag demonstrieren deshalb einige Dutzend Gegner des Forums, so Antifaschisten und Leute von „Jabloko“, vor dem „Holiday Inn“. Zwei junge Frauen, die trommeln, werden festgenommen. Ein junger Mann, der ein Schild mit dem deutschen Logo „Kein Platz für Nazis“ hoch hält, beklagt Moskaus „doppelte Standards“: Nationalismus im Baltikum sei schlecht, in Deutschland gut.

Die Liste der Widersprüche lässt sich fortsetzen: Auf den Einwand, laut dem russischen Fernsehen kämpfe im Donbass doch ein „Landsturm“ gegen ukrainische „Faschisten“, sagt der junge Mann mit dem kriegerischen Pferdeschwanz, Begriffe wie „Faschismus“ und „Neonazismus“ seien doch nur „für die Propaganda“. Er sieht sich als Kämpfer für die „russische Welt“. Gleich darauf, gerade, als laut Tagesordnung das „Konservative Forum“ eine Abschlussresolution annehmen soll, scheucht ein angeblicher Feueralarm die Teilnehmer aus dem „Holiday Inn“.

Weitere Themen

Teherans Ölexporte sollen auf null sinken Video-Seite öffnen

Amerika verschärft Sanktionen : Teherans Ölexporte sollen auf null sinken

Amerika hat die Sanktionen gegen den iranischen Ölsektor verschärft. Für viele Iraner bedeutet das weitere Einschränkungen und stellt eine ernsthafte existentielle Bedrohung dar. Der Druck laste vor allem auch auf den einfachen Bürgern, erklärt ein Angestellter auf einem Markt in Teheran.

Große Versprechungen und ein neues Trauma

FAZ.NET-Sprinter : Große Versprechungen und ein neues Trauma

Zwei Tage nach den Anschlägen auf Sri Lanka wirken die schrecklichen Bilder noch immer nach. Und die Menschen wollen Antworten auf drängende Fragen. Wird es heute neue Erkenntnisse geben? Was sonst noch wichtig wird, lesen Sie im FAZ.NET-Sprinter.

Topmeldungen

Dramatisiertes Wetter : Die „Dürre“ und ihre Profiteure

Die Europawahl wird nicht die letzte gewesen sein, die zur schicksalhaften „Klimawahl“ ausgerufen wird. Wenn aber das Wetter die Politik bestimmt, sind wir dann noch im Zeitalter von Aufklärung, Technik und Rationalität?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.