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Konflikt in der Ukraine eskaliert : „Kein kurzlebiger Aufstand, ein Krieg“

  • Aktualisiert am

Entsetzen in Odessa am Tag nach dem Brand mit vielen Toten in einem Gewerkschaftsgebäude, den offenbar nationalistische ukrainische Kämpfer entfacht hatten Bild: Reuters

In mehreren Städten in der Ostukraine ist es wieder zu Kämpfen zwischen ukrainischen Soldaten und prorussischen Separatisten gekommen. Der verheerende Brand in Odessa soll untersucht werden.

          Die Freilassung der OSZE-Geiseln war nur ein kurzer Hoffnungsschimmer, und das offenbar auch nur in Deutschland: Schon kurz darauf ist es in mehreren Städten in der Ostukraine wieder zu Kämpfen und Zusammenstößen zwischen Soldaten Kiews und prorussischen Separatisten gekommen, bei denen es viele Tote und Verletzte gab.

          Die ukrainische Übergangsregierung ging den zweiten Tag in Folge massiv gegen die Separatisten vor. Am Abend meldete Kiew schwere Gefechte in der Stadt Kramatorsk, südlich der umkämpften Separatistenhochburg Slawjansk. Die Regierungseinheiten hätten nach zweitägigen Kämpfen fast alle besetzten Verwaltungsgebäude von den Protestführern geräumt, teilte die Führung in Kiew mit. Ein Sprecher der moskautreuen „Volksmilizen“ bestätigte, dass nur noch eine Behörde in der Hand der Separatisten sei. Dabei sollen ukrainischen Sicherheitskräften zufolge mindestens sechs Aktivisten getötet und 15 verletzt worden sein. „Was wir in der Region Donezk und in den östlichen Regionen sehen, ist kein kurzlebiger Aufstand. Es handelt sich um einen Krieg“, sagte der Leiter des ukrainischen Anti-Terror-Zentrums, Wasil Krutow.

          Ukrainische Soldaten an einem zurückeroberten Checkpoint am Samstag in Slawjansk

          Seit der Morgendämmerung seien die Vorstöße gegen die Separatisten fortgesetzt worden, teilte Innenminister Arsen Awakow auf seiner Facebook-Seite mit. Auch in Slawjansk seien die Kämpfe wieder aufgenommen worden. „Wir werden nicht nachlassen“, erklärte er. Die Separatisten in Slawjansk würden sich nun mit Barrikaden auf weitere Angriffe der Sicherheitskräfte vorbereiten, teilte einer ihrer Sprecher mit. „Am Stadtrand ziehen die Regierungstruppen Panzerfahrzeuge zusammen. Wir richten uns auf einen Sturm ein“, sagte er nach Angaben der ukrainischen Agentur Unian. In Slawjansk hatten Separatisten am Vortag zwei Kampfhubschrauber abgeschossen. Ukrainische Kräfte besetzten Vororte, aber die Separatisten behielten die Kontrolle über die größten Teile der 130.000 Einwohner zählenden Stadt. Am Samstagmorgen waren dort mehrere OSZE-Beobachter, darunter vier Deutsche, nach einwöchiger Geiselnahme freigelassen worden.

          In der Gebietshauptstadt Donezk besetzten maskierte und mit Knüppeln bewaffnete Demonstranten hingegen am Abend ein Gebäude des Geheimdienstes SBU. Die Polizei habe nicht eingegriffen, hieß es. Auch in der Stadt Gorlowka erstürmten moskautreue Aktivisten ein Verwaltungsgebäude.

          Jubelnde Angreifer vor brennendem Gebäude in Odessa

          Zu der bisher schlimmsten Eskalation war es in der Nacht zum Samstag allerdings im südukrainischen Odessa am Schwarzen Meer gekommen. Dort starben bei Krawallen zwischen Gegnern und Anhängern der Übergangsregierung mehr als 40 Menschen, die meisten von ihnen, als ein Gewerkschaftsgebäude nach Augenzeugenberichten mit Molotowcocktails in Brand gesetzt wurde, in das viele prorussische Kämpfer und Demonstranten geflohen waren. In Videoaufnahmen waren jubelnde Angreifer vor dem Gebäude zu sehen: Männer in Zivil oder Tarnkleidung, manche in Masken, schleuderten Brandsätze auf das Haus im Zentrum der Hafenstadt, schossen aus Pistolen auf die Fassade.

          Das brennende Gebäude Samstagnacht in Odessa

          Wie es zu dem Drama im brennenden Gewerkschaftsgebäude kommen konnte, lässt sich bisher nicht genau nachvollziehen. Am Nachmittag war ein Protestzug von rund 1500 Fußballfans, die für die Einheit der Ukraine demonstrierten, offenbar von prorussischen Vertretern angegriffen worden. Anhänger der beiden Vereine „FK Tschernomorez“ aus Odessa und „Metallist“ aus der ostukrainischen Stadt Charkiw, die am Nachmittag gegeneinander gespielt hatten, waren durch die Innenstadt gezogen. Es mischten sich aber offenbar auch ukrainische Nationalisten aus anderen Städten unter den Zug. Viele von ihnen trugen Tarnkleidung und Helme. Unter ukrainischen Fußballfans sind nationalistische Haltungen verbreitet. Schon vor dem Zusammenstoß hatten prorussische Aktivisten in sozialen Netzwerken zum Angriff auf die Fußballfans aufgerufen.

          Steigende Opferzahlen

          Eine Zeitlang bewegten sich beide Gruppen auf zwei Parallelstraßen nebeneinander her. Dann stürmten sie aufeinander zu. Bei der anschließenden Schlägerei mit Stöcken, Baseballschlägern und anderen Waffen sollen mehrere Menschen getötet worden sein. Bis in den Abend dauerte die Schlägerei. Einige der Beteiligten zogen dann wohl weiter zum Gewerkschaftsgebäude. Auf dem Platz vor dem Gebäude hatten prorussische Aktivisten schon vor längerer Zeit ein kleines dauerhaftes Protestlager mit Zelten und Barrikaden aufgebaut. Nach Angaben örtlicher Medien hielten sich dort zuletzt aber nur wenige Leute auf. Zwar sprechen die meisten der knapp eine Million Odessiter Russisch – doch viele demonstrieren auch für die Anliegen des Majdan und wehren sich gegen eine Abspaltung.

          Am Freitagabend stand das in letzter Zeit wenig beachtete Protestlager vor dem Gewerkschaftshaus plötzlich in Flammen. Schwarze Rauchsäulen stiegen auf. Mehrere hundert prorussische Aktivisten flohen allem Anschein nach vor den Flammen ins Gewerkschaftsgebäude. Ukrainische Medien meldeten allerdings, dass sie vom Dach und den Fenstern aus schossen. Dann folgte der brutale Angriff der ukrainischen Kämpfer, bei dem nach Angaben der ukrainischen Regierung mindestens 46 Menschen getötet wurden. Die Zahl steigt noch immer, und viele Schwerverletzte schweben weiter in Lebensgefahr. Im Rauch und den Flammen des brennenden Gewerkschaftsgebäudes kamen die meisten ums Leben; einige bei dem Versuch, sich durch einen Sprung aus dem Fenster zu retten.

          Sicherheitskräfte griffen nicht ein

          Die Sicherheitskräfte, so viel ist klar, ließen die Angreifer gewähren. Sie taten nichts, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Der Gouverneur der Region Odessa, Wladimir Nemirowskij, machte sofort die Polizei verantwortlich. „Die Opfer hätten vermieden werden können, wenn die Beamten nicht ihre Heimat und ihr Gewissen verkauft hätten“, schrieb er auf Facebook. Die ukrainischen Angreifer aber nahm er in einem anderen Eintrag in Schutz. Das Handeln der Odessiter, das dazu gedient habe, bewaffnete Terroristen zu neutralisieren, sei als gesetzmäßig anzusehen.

          Racheschwüre und tätliche Angriffe zwischen Gegnern und Anhängern Kiews am Tag danach in Odessa

          Der Polizeichef von Odessa wurde umgehend entlassen, und der ukrainische Innenminister Arsen Awakow kündigte an, den Vorfall durch eine Kiewer Kommission untersuchen zu lassen. Mehr als 130 Verdächtige wurden inzwischen festgenommen.

          Angesichts der Kämpfe erklärte der russische Präsident Putin die für den 25. Mai geplante Präsidentenwahl in der Ukraine für undurchführbar. Der amerikanische Präsident Obama und Bundeskanzlerin Merkel bestehen dagegen bisher auf diesem Termin.

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